Fashion Drive: Laufgang und Laufsteg

© Peter E. Rytz 2018

Mode läuft und läuft durch die Jahrhunderte. Sie ist Abbild und Selbstverständnis gesellschaftlicher Milieus  im ständigen Wandel von Wiederkehr des Alten in neuem Gewand. In ihr findet der Zeitgeist seinen kostümierten Ausdruck. Über Jahrhunderte von höfischen und ritterlich martialischen Ritualen dominiert, eignet sich mit dem gesellschaftlichen Umbruch durch die Französische Revolution ein selbstbewusstes Bürgertum modische Kleidung ebenfalls als Ausdruck ihres Standes an.

Die Ausstellung Fashion Drive im Kunsthaus Zürich erzählt davon mit ausgewählten Werken der bildenden Kunst – Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation, Fotografie, Film – und mit Kostümen aus einer privaten Kostümsammlung. 500 Jahre Geschichte der Mode schwerpunktmäßig vom 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert im Spiegel künstlerischer Arbeiten. Mode als Seismograf, der Befindlichkeiten und Sehnsüchte registriert, wie es im üppig illustrierten Katalog heißt. In Kooperation mit den Festspielen Zürich interpretieren die Kuratoren Cathérine Hueg und Christoph Becker mit Fashion Drive das Motto Schönheit/Wahnsinn in seiner schillernden Selbstinszenierung zwischen Straße und Laufsteg.

Die Ausstellungsarchitektur von Ulrich Zickler übersetzt den Laufsteg in einen zentralen Laufgang, von dem rechts und links themenspezifisch illustrierte Kabinette abzweigen. Eingangs steht der Landsknechts-Kostümharnisch des Reichsfreiherrn Wilhelm von Rogendorf, Augsburg 1523, der mit seinem blanken, mit einem Ätzdekor versehenen Eisen den Ausgangspunkt für eine Tour d’Horizon von Uniform über Freizeitkostüm bis zu Michelangelo Pistolettos Installation Metamorfosi, 1976 – 2016 reicht. Die Bandbreite von wertvollem Prêt-à-porter-Einzelstück über den Gebrauchs- und Verbrauchswert von Kleidung als Billigklamotten bis zu Pistolettos entfärbter Reinwaschung als Replik einer sauberen Weißwäsche im Kontext der bildenden Kunst öffnet einen Blick auf den wechselnden Stellenwert der Mode über die Jahrhunderte.

Die Ausstellung erhält insbesondere in der unmittelbaren Gegenüberstellung von Kostüm und Kunstwerk aus verschiedenen Zeiten eine instruktive Lebendigkeit. Fragt man sich angesichts des Portraits Catherine Carey, Coutness of Nottigham, um 1597 von Robert Peake, das wie ein wandelnder Tannenbaum anmutet,  wie sich die Dame in diesem Ganzkörperkostüm überhaupt bewegen konnte, so steht man genauso fragend vor einem roten Kleid aus der Cut, Slash & Pull Collection 1990 von Vivienne Westwood. Gebrauchswert versus Selbstdarstellung sind verschiedene Perspektiven: Fashion Drive. Wo Kleidung extrem modisch oder überhaupt extrem ist, geht sie schnell ins Lächerliche über, ist auf einem Wandtext zu lesen.

Mag die offenherzige, die durchscheinende Brustwarzen sichtbar zeigende Darstellung Portrait à mi-corps de Pauline Bonaparte, 1806 von Robert Lefévre am Ende des Premier Empire noch überraschen, erregt der C-Print Anastasia, 2000 von Inez van Lamsweerde und Vinnodh Matadin kaum mehr als ein müdes Lächeln.

Im Unterschied dazu korrespondiert das Kleid in Félix Vallotons Öl auf Leinwand La Poudreuse, 1921 mit dem Tageskleid aus den Wiener Werkstätten, um 1920 im Zusammenhang mit der Reformbewegung auf ausdrucksstark überzeugende  Weise. Die Fotografie Suzanne Perrottet und Tanzende am Lago Maggiore bei Ascona, 1914 von Johann Adam Meisenbach dokumentieren, wie sich modischer Wandel milieuspezifisch artikuliert.

Wie im modisch Neuen das Alte immer wieder fröhliche Urständ feiert, zeigt mit der Krinoline als einer Variante des Reifrocks Mitte des 19. Jahrhunderts die überraschend höfisch inspirierte Sehnsucht des aufgeklärten Bürgertums nach einem alten Modeideal. Die Differenz zwischen Körper und Kleid als Teil der Modegeschichte spiegelt sich auch in der bildenden Kunst wieder.

Interessant ist in der Ausstellung zu sehen, wie die Krinoline-Motiv-Perspektive bildkünstlerisch in Édouard Manets Portrait der Tänzerin und jahrelangen Geliebten, Jeanne Duval, 1982 von Charles Baudelaire in John Baldessaris Bild Double Bill… and Manet, 2012 wieder aufgenommen wird. Manets Darstellung der schwarzen Venus Duval enthält Anspielungen und Interventionen, die über eine modische Zeitstudien weit hinaus reichen.

Nicht Schönheit als schöner Schein sondern lebensnahe Aufrichtigkeit im Schein des Schönen rücken ins bildkünstlerische Ausdrucksinteresse. Dass Künstler, wie Giacomo Balla mit seinem Manifest einer futuristischen Herrenbekleidung, Elsa Schiaparelli (Lobster-Kleid in Zusammenarbeit mit Salvador Dali, 1937) oder Sylvie Fleury (Mondrian dress rack, 1993/2016) mit aus der Kunstgeschichte entlehnten Modellentwürfen auch Mode beeinflussen und solche kreieren oder wie Hugo Ball dem Dadaismus ein relevantes Kostüm gibt, das belegt, wie Mode und Kunst gemeinsam, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven, im Alltag ihre Spuren hinterlassen.

Die Mode-Designerin Madeleine Vionnet hat mit Schwarzes Tangokleid mit freier Rückenpartie, 1917 jene klare Linie in der Mode manifestiert, die Coco Chanels Entwürfe perfektionieren und  markiert damit eine Fashion-Drive-Zäsur. Ob allerdings ihre Überzeugung, dass wenn eine Frau lacht, muss auch ihr Kleid mitlächeln, heute uneingeschränkt geteilt wird, ist mehr als zweifelhaft.

Hans-Peter Feldmann zweifelt schon 1970 mit der Fotografie-Serie Alle Kleider einer Frau am modisch eindimensionalen Lächeln. Dies bleibt einem bei Erwin Wurms von allfälligen Freizeitutensilien bewehrtem und damit bewegungsunfähig gemachten Körper von Cathérine Seifert (Untiled, 2007) allerdings im Hals stecken. Fashion Drive ermutigt die Ausstellungsbesucher, sich selbst im Spiegel zu vergewissern, wo sie sich mit ihrem Outfit im Durchlauferhitzer der Moden befinden und was die Kunst dazu zu sagen hat.

11.07.2018
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Über Peter E. Rytz Review

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