The Cleaner: Exkurs über flüssiges Wissen

Marina Abramovic: The Artist Is Present Photo by Marco Anelli. © 2010 Marco Anelli

Einzelausstellungen, die der bildenden Kunst zuzuordnen sind, werden in der Regel konzipiert, um mit der Auswahl von Arbeiten eines Künstlers sein Werk mit dem Kanon der Kunstgeschichte abzugleichen. Seine Wahrnehmungen von bewusster und  unbewusster Welt finden ihren Ausdruck in malerischen, skulpturalen, fotografischen, filmischen oder performativen Arbeiten. Künstler und Ausstellungsbesucher sind in der Regel durch unterschiedliche Seins-Zuständen getrennt. Während im ausgestellten Werk die Sprache des Künstlers kreativ widerhallt, hat der Ausstellungsbesucher die Chance, sie in seiner Klangvielfalt zu hören. Das setzt aber voraus, dass er eine allein passive Konsumentenhaltung aufgibt. Mit einem solchen interaktiven Dialog öffnen sich optional Kosmen, die anregend und verstörend zugleich sein können.

Marina Abramović  konterkariert  diese Distanz-Folie von Gestalter und Betrachter durch ihr künstlerisches Selbstverständnis. Sie weiß aus eigener Erfahrung davon, wie Menschen schwer an ihren Erinnerungen tragen. Sie sind besetzt von Freude und Trauer, von Schmerz und Verlust. Ihnen in allen Zeiten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausdauernd zu vertrauen, scheint im Widerspruch zu allgemeinen Erfahrungen zu stehen.

Abramović lebt künstlerisch mit ihren immateriellen Darstellungsformen ein Gegenbeispiel. The Cleaner, der Titel ihrer großen Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn, fokussiert sie als Klang und Performance. Ihre Arbeiten, beispielsweise Balkan Baroque (Video-Installation, 1997) sind letztlich spirituell aufgeladene, körperlich handfeste Reinigungsrituale vom Erinnerungsstaub, der sich auf ihrer Seele seit ihrer Kindheit sedimentiert hat. Ihr eigener Körper wird ihr zum energetisch künstlerischen Zeichnungszentrum.

Entsprechend haben die Kuratorinnen Lene Essling vom Moderna Museet, Stockholm und Tine Colstrup vom Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk mit The Cleaner ein immersives Gesamterlebnis programmatisch konzipiert. Abramovićs Methode, sich auf die eigenen Kräfte in einem meditativen Prozess zu konzentrieren und ihre Energien zu mobilisieren, folgt der Überzeugung, dadurch authentisch dialogische Offenheit und Toleranz zu erreichen. In Rest Energy von 1980, einem auf Digitalvideo überspielten 16-mm-Film hält  Abramović mit einer Hand einen goldfarbenen Bogen, auf dem ihr langjähriger Partner Ulay einen Pfeil spannt, der direkt auf ihr Herz zielt. Die durch beider Beugung des Körpers nach hinten gehaltene Balance basiert allein auf absolutem Vertrauen. Pfeil und Bogen verbinden sich nicht nur symbolisch mit Leben und Tod. Sie sind in ihrem Gefährdungspotential wirklich.

Ulay/Marina Abramović
Rest Energy
Performance für ein Video, 4 minutes, ROSC‘ 80, Dublin, 1980
Detail aus: 16­-mm­-Film, auf Digitalvideo überspielt, mit Farbe, Ton, 4:04 min
© Ulay/Marina Abramović
Courtesy of the Marina Abramović Archives

In ihren Performances findet sie einen exemplarischen Ausdruck, der individuelle und kollektive Erfahrungen hinterfragt. Obgleich unmittelbar bis an die Grenzen körperlicher und seelischer Selbstgefährdung – Rhythm 10 (1973/2010) oder Rhyth 5 (1974/2011)  – präsent, verschwindet sie letztlich hinter ihnen. Das Publikum wird selbst zum Akteur mit einer für die Künstlerin existenziellen Verantwortung.

Legendär die mit Ulay realisierte Performance Imponderabilia (1977), die die Ausstellungsbesucher zwingt, deren nackte Körper beim Betreten zu berühren, respektive sich zu ihnen respekt- und vertrauensvoll zu verhalten.

Ulay/Marina Abramović
Imponderabilia
Performance, 90 Minuten,
Galleria Communale d’Arte Moderna, Bologna, 1977
© Ulay/Marina Abramović
Foto: © Giovanna dal Magro
Courtesy of the Marina Abramović Archives

Man erlebt nicht etwas, weil ich da bin. Man selbst ist der Auslöser, beschreibt Abramović in einem Interview mit Adrian Heartfield die Intention ihrer künstlerischen Arbeit. Selbsttransformation, körperbetont und affektiv in Langzeitperformances – 512 Hours (2014/2017) oder The Artist is Present (2010) – sieht sie als elementares, sozial stabilisierendes Gemeinschaftserlebnis: A powerful performance will transfer everyone in the room.

Alltägliche Erfahrungen von Ritual und Wiederholung reflektiert Abramović mit scheinbar einfachen Aktionen, die sich in der Videoarbeit Art must Be Beautiful, Artist Must Be Beautiful (1975) symbolisch läutern und säubern. Katharsis und Transformation sind existenzielle Grundmuster ihrer Kunst.

arina Abramović
Art Must Be Beautiful,
Artist Must Be Beautiful
1975
Performance, 1 Std., Kvindeudstillingen, Charlottenborg, Kopenhagen, 1975
Detail aus: Video (Schwarz-Weiß, Ton), 23:36 min.
© Marina Abramović
Courtesy of the Marina Abramović Archives

Dem Ausstellungsbesucher, der nicht die Gelegenheit hat, von Abramović autorisierte Re-Perfomances zu erleben, bleibt der Versuch, der von den ausgestellten Objekten, Installationen und Videos ausgehenden Aura nachzuspüren. Die im unmittelbaren Kontext zu 512 Hours in der Ausstellung angebotene Meditationsübung, Linsen und Reiskörner zu zählen und zu gruppieren, ermöglicht die eigene Präsenz im Raum empfindsam, scheinbar jenseits von Zeit und Raum übersinnlich  zu spüren.

The Cleaner © Peter E. Rytz 2018

Der Versuch, Abramovićs Anweisung – Ziehen Sie die Schuhe barfuß an. Halten sie die Augen geschlossen. Bleiben Sie regungslos. Gehen Sie los. – vor dem Amethystobjekt Shoes for Departure (um 1991) in üblicher Stringenz zu folgen, muss scheitern. Bewegungslos kostbar in situ, bewegt die Idee des Gehens in meditativer Konzentration ein von ihr konstatiertes flüssiges Wissen.

The Cleaner © Peter E. Rytz 2018

Ähnlich unbrauchbar Bed for Human Use (2015), eine Holzkonstruktion mit Quarzkristallen. Kein Gehen, Ruhen, Verweilen als Aktion, sondern vielmehr ihre Umkehrung. Mit der Erschöpfung durch erfahrene Monotonie, so Abramović, erreicht man einen Punkt, an dem der Körper nicht mehr existiert. Die Verbindung zu einem universellen Wissen wird ganz akut…Die Dinge kommen wie eine Lawine auf einen zugerollt…

Diese Lawine rollt in Bonn noch bis zum 12. August 2018. Will man danach etwas von dieser Rollkraft spüren, erahnen und für wahr halten, gibt es dazu im Palazzo Strozzi, Florenz eine nächste Gelegenheit.

16.07.2018

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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