Erkundungen in Hodlers Parallelismus-Welt

Ferdinand Hodler: Der Tag (1899) / Oel auf Leinwand / 160,0 x 352,0 cm

An Ferdinand Hodler kommt kaum eine Kunstausstellung weltweit vorbei. Zumal nicht in einem Gedenkjahr und in der Schweiz schon gar nicht. Manche Kritiker und Maler werfen Hodler zu Lebenszeiten infolge seines 1896 veröffentlichten Manuskripts Die Aufgabe des Künstlers eine übermäßige Theorielastigkeit vor. Hodler ist aber überzeugt, dass die Wahrnehmung der Welt in Bildern sublimiert werden muss. Ansonsten bliebe sie seiner Überzeugung nach immer nur eine schlechte Kopie einer durch die Natur per se perfekt gebildeten Wirklichkeit.

Er entdeckt im Parallelismus ein konstruktives Strukturmodell, das sein Werk prägt. Er bindet seine Überzeugungskraft an ein von ihm postuliertes Weltgesetz von allgemeiner Gültigkeit. Es gäbe ihm damit eine universelle Bedeutung, oder aber, ich habe mich geirrt und in diesem Falle ist mein Schaffen lauter Selbsttäuschung und Trug, notiert er 1904 in seinem Tagebuch.

Hodler malt mit absoluten Überzeugung, dass die innere Bedeutung meiner Werke unmittelbar durch Form und Linie, Komposition und Farbe dargestellt ist; da gibt es nichts zu deuteln, sondern nur zu sehen. Liest man das mit ähnlich manifester  Überzeugung, müsste man sich konsequenterweise fragen, ob es dergestalt eigentlich noch Ausstellungen bräuchte, die Hodlers Werk immer wieder neu befragten.

Im Rahmen des Hodler-Gedenkjahres in Erinnerung seines 100. Todestages interpretiert das Musée d’art et d’histoire, Musée Rath, Genf in Partnerschaft mit dem Kunstmuseum Bern sein Werk mittels des von ihm entwickelten Parallelismus neu.

Hodler und keine Ende. Paris, New York, Tokyo bis Berlin (Hodlers Blau, 25.01.2018). Auf Haupt- und Nebenwegen (Martha Stettler auf Nebenwegen entdecken, vom 04.07.2018) hat er seine Spuren programmatisch als auch apodiktisch bis radikal in der Avantgarde der Moderne hinterlassen.

Rückblickend betrachtet, scheinen schweizerische Ausstellungen der letzten Jahre in Vevey (Zwischen Kunst und Meteorologie: Ferdinand Hodler – Die Sammlung Rudolf Schindler im Musée Jenisch in Vevey, vom 26.08.2015) oder in Bern (Von schweizerischen Märchen und geöffneten Türen: Sesam, öffne Dich! – Anker, Hodler, Segantini im Kunstmuseum Bern, vom 19.08.2014, alle hier veröffentlicht) wie Skizzen zu Hodlers Wanderwegen, die in der Ausstellung Hodler/Parallelismus jetzt (noch bis 19. August 2018) folgerichtig in Genf münden.

Beginnt man den Ausstellungsbesuch im Musée Rath im Untergeschoss, wird Hodlers Parallelismus nachhaltig augenfällig. Die Kuratorin Laurence Madeline bespielt den zentralen Hauptraum und die zwei von ihm abzweigenden Nebenräume mit konzisen Bild-Rhythmisierungen. Zitate aus Hodlers Text De l’œuvre – Vom Werk von 1908 auf Bodenleisten kommentieren den Bild-Parallelismus-Kontext. We all know and feel, at times, that what unites us, is stronger than what differentiates us, spiegelt als Text programmatisch das wieder, was in Eurythmie (1895) zu sehen ist. Eine Darstellung, in der die menschliche Gestalt als Teil der Körper-Seele-Dualität nach Georg Wilhem Leibnitz unmittelbar sichtbar wird und die folglich – We want to act in all things in the same way as nature act on me – in den dazu seitlich gehängten enigmatischen Arbeiten Die Wahrheit (1903) und Der Tag (1899/1900) eine stringente Parallelismus-Conclusio erfährt. Oskar Bätschmann bezeichnet sie in einem Beitrag des insgesamt sorgfältig gelayouteten, lesefreundlichen Katalogs als geistigen Parallelismus.

Die durchgängig konsequente, dialogische Hängung macht die Ausstellung zu einem vergnüglichen Seherlebnis, dem Mythos Hodler zu folgen. Ihn gleichsam wie auf einem Silbertablett distinguiert serviert, werden die wechselweisen Betrachtungen von Portrait – Mathias Morhardt, 1913 – und Selbstportrait – Autoportrait, 1914 – sowie von Landschaften – Le Mettenberg, 1912 – zu reflexiven Metaebenen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Mensch, Frau und Mann, eingeschrieben in den Rhythmus der Natur, fügt Hodler in sein strukturell koordiniertes Formenmodell ein. Eingeübt in täglichen malerischen Wiederholungen des scheinbar selbstverständlich Sichtbaren, ist ihre Serialität Ausdruck seiner Idee, dass alle Menschen insofern gleich sind, dass sie alle bestimmten Elementargewalten unterworfen sind.

Dieses Überwölbtsein von Einheit und Gleichheit, unterschiedlich in Gleichzeitigkeit, hinter dem Wassili Kandinsky eine melodische Komposition mit symphonischen Anklängen auszumachen glaubt, findet in den Ausstellungsräumen im Obergeschoß eine eindrucksvolle Fortsetzung. Als Ausstellungsbesucher spürt man, von Bild zu Bild mit wachen vergleichenden Blick nachdenklich innehaltend, etwas von Hodlers Ergriffensein von den Phänomenen der Wiederholungen. Bilder des Thuner Sees oder des Jungfrauenmassivs nimmt man als filmische Sequenzen wahr. Ein Gleichgewicht gegensätzlicher Kräfte, vereinigt in Lebensbilder, die nichts Geheimniskrämerisches von Allegorie oder Symbolik haben.

Die Ausstellung resümiert mit einem Katalogbeitrag von Claudia Blümle, dass Hodlers Bilder nicht eine mimetisch-realistische Illusion wiedergeben, sondern stattdessen den zeitlich bedingten Wechsel von Erscheinen und Verschwinden vor Augen führen. Damit verweist Hodler/Parallelismus in Genf vice versa auf Bruce Nauman – Disappearing Acts im Schaulager Basel (Kritik demnächst hier veröffentlicht) und umgekehrt.

Eine vielleicht zeitlich überraschende Duplizität, die den Wert der Genfer Ausstellung damit noch zusätzlich erhöht.

18.07.2018

 

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Über Peter E. Rytz Review

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