Cyrano-Feuerwerk im Heckentheater

Foto: Constanze Henning

Wer an diesem sonnenverwöhnten Sommertag in Potsdam einen außergewöhnlich stimmungsvollen Abend sucht, findet ihn im friderizianischen Heckentheater am Neuen Palais in Potsdam, der ist mit dem Theater Poetenpack am rechten Platz.

Allein der Name Poetenpack, lautmalerisch entweder auf der zweiten oder der letzten Silbe betont, verspricht eigentlich per se einen Hauch vom Commedia dell’arte. Ein Pack-Versprechen, das mit einem Theaterzauberabend eingelöst wird. Edmond Rostand 1897 geschriebenes, romantisch-komödiantisches Versdrama Cyrano de Bergerac, entwickelt sich in der Regie von Andreas Hueck zu einer poetisch sinnlichen Aufführung mit großer Strahlkraft. Die drei Stunden vergehen bei Unterhaltung im besten Sinne wie im Fluge.

Janet Kirsten hat mobile, rechteckige, rotgeflammte Kuben in die Naturbühne der Parklandschaft gestellt. Rot glühend der Abendschein des Sonnenuntergangs über dem Neuen Palais und den Communs, abgelöst vom Halbmond der heraufziehenden wolkenlosen Nacht ergänzen das künstliche Theaterlicht auf geradezu romantisch verklärende Weise. Das Himmelslicht verwandelt die Bäume in eine scherenschnittartige Kulisse. Erfrischt durch eine Luftbrise nach der sonnendurchglühten Hitze, fügt sich alles zu einem Theaterabend der besonderen Art.

Dass über dem Heckentheater ab und zu Flugzeuge im Landanflug auf Berlin-Tegel den Himmel lautstark kreuzen, später das Feuerwerk im BUGA-Park für Momente das Hecktheater überschallt, untermalt, obwohl dramaturgisch sicher nicht geplant, die Aufführung wie einen Kommentar. Flugzeuge in Cyranos Bauch können nicht landen. Das Feuerwerk seiner Worte glüht unaussprechlich in ihm. Auf dem Schlachtfeld ein bewunderter Held, in der Liebe zu Roxane ein Feigling, bleibt ihm nur ein Ausweg. Er schließt einen Pakt mit dem schönen, aber dummen, zu gefühlvollen Liebeserklärungen unfähigen Christian de Neuvillette. Mit Hilfe von Cyranos poetischen Worten kann jener Roxane seine Liebe erklären. Ihm selbst bleibt nur die Sprecherrolle.

Cyrano de Bergerac ist mehr als nur ein leicht vergnügliches Mantel-Degen-Liebe-Sommerstück. Nicht nur weil das Happyend fehlt und es sich ins Tragische wendet – Christian die geborgte poetische Verführungskunst mit dem Heldentod im Feld mit ins Grab nimmt, Roxane ins Kloster geht und Cyrano sie fortan 15 Jahre dort besucht, ihr die Zeitung der letzten Woche erzählt. Erst in Cyranos Todesstunden wird Roxane klar, wer sie mit seinen Worten wirklich liebestrunken gemacht hat.

Cyrano stirbt als derjenige, der andere auf den Weg zu Ruhm – Moliere ist genial – und Vermählung – Christian ist schön – gebracht hat, selbst aber hinter seiner heldisch schillernden Maske im Dunkeln bleibt.

Huecks Inszenierung funktioniert in dieser tragikomischen Art wie ein Spiegel. Vor ihnen Cyrano und die Gascogner Garde als tragische Musketiere eifernd im Kampf gegen die Feinde als auch um die Liebe, schauen die Zuschauer in den Spiegel und erkennen sich selbst. Wo Cyrano leidvoll für sich realisiert, dass seine riesige Nase als Schönheitsdefizit durch Poesie nicht kompensiert werden kann, schiebt heute eine alles übertünchende Schönheitsindustrie die Poesie der Liebe beiseite. Die Geschichte des Cyrano de Bergac erzählt von einem zeitlos unzeitgemäßen Freigeist. So scharf der Degen, so scharf der Verstand, der die schönsten Worte der Liebe findet und leidenschaftliche Briefe schreiben kann, so kämpft er mit stumpfer Klinge, mit einer unförmigen Nase machtlos gegen das Primat äußerer Schönheit.

Hueck hat für seine Inszenierung mit Reiner Gabriel – ein charismatisch glutäugiger und gleichsam poetisch verdruckster, sprachlich das Rostand’sche Versmaß nuancierender Cyrano -, mit Julia Borgmeier, die Roxane erst glückstrunken auf Liebe hoffend und später im Kloster ernüchtert die Wirklichkeit erkennend, mit sinnlichem Temperament unterwegs und mit Andreas Klopp – das Liebesleichtgewicht Christian de Neuvillette mit kantiger Selbstverleumdung spielend – eine exzellente Schauspieler-Garde im Heckentheater versammelt, die mit ihrem temperamentvollen, sprachlich und gestisch differenziert artikulierten Spiel als Hauptakteure aus einem insgesamt überzeugenden Poetenpack-Ensemble herausragen.

Wechselnd in verschiedenen Rollen treiben sie ihr tolldreistes Spiel, angeführt  von. Teo Vadersen als musikantischer Hanswurst Montfleury und Ragueneau, einem Koch als Poet. Michael Gerlinger geht als stolzbraver Graf Guiche in eine selbstgestellte Liebesfalle, wie Felix Isenbügel Hauptmann und Kapuzinermönch als Karikatur  vereint, während Andrea Seitz in verschiedenen Frauenrollen kaum mehr als eine Stichwortgeberin ist. Als Pfeifer und Gitarrenspieler gibt Martin Ludwig den Ton an, der das Spiel mit Gesang kommentierend verbindet. Der Vermählungs-Singsang von Christian und Roxane schlägt einen melancholischen Bogen zu Roxanne von The Police: You don’t have to put on the red light. Those days are over.

Wenn Cyrano in seiner letzten Stunde Roxane von den Ereignissen des Donnerstag der vergangenen Woche berichtet und dies in dem Moment von einem Donnerschlag des Feuerwerks dramaturgisch untermalt wird, fragt man sich: Wer dreht hier eigentlich wem am Ende die Nase?

Das Cyrano-Feuerwerk des Poetenpacks nimmt das BUGA-Feuerwerk gelassen in der Gewissheit zur Kenntnis, dass sie an diesem Abend die unübertroffenen Feuerwerker der Poesie sind. Der überschäumende Beifall des Publikums am Ende steht als Bestätigung dafür.

21.07.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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