Bruce Nauman – unfertig fertig

Bruce Nauman, Setting a Good Corner (still) (Allegory & Metaphor), 1999
Video (Farbe, Ton), 59:30 Min., The Museum of Contemporary Art, Los Angeles. Schenkung von Alan Hergott und Curt Shepard, Still: Courtesy the artist and Sperone Westwater, New York, © Bruce Nauman / 2018, ProLitteris, Zurich

Wenige Tramstationen vom Bahnhof Basel entfernt, breitet sich am Stadtrand, im Baseler Quartier Dreispitz/Münchenstein, auch hier die in vielen westlichen Städten gesichtslose Lager-Logistik–Architektur einer Gewerbezone aus. Seit 2013 markiert das Schaulager der Architekten Herzog & de Meuron mit seinem monolithischen Baukörper auf polygonalem Grundriss diesen Unort unübersehbar als einen Lagerraum ganz anderer Art.

Das Schaulager Basel – eine neue Art Raum für die Kunst – das vor allem als Depot für die nicht ausgestellten Werke der Sammlung der Emanuel-Hoffmann-Stiftung dient, öffnet von Zeit zu Zeit seine Pforten für exzeptionell ambitionierte Ausstellungen. Die dem Bau vorgelagerte leere Torhaus-Kubatur bietet wie bei einer Burg den exponierten Eintritt in das Heiligtum. Ein Übertritt von Alltagswelten in eine transformierte Welt der Kunst.

Realitäten verschieben sich, zu ihren Manifestationen befragt, nach Bruce Nauman zu Disappearing acts. Die so überschriebene Nauman-Retrospektive, die hier noch bis zum 26.08.2018 präsentiert wird, beginnt als Ouvertüre im Torhaus mit einer Minimal-Music-Collage nach John Cage. Momente von Anwesenheit und Verschwinden, die sich durch Naumans Werk trotz seines sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfindenden künstlerischen Selbstverständnisses wie ein roter Faden ziehen und hier schon anklingen, lassen in fast 40 Raum- und Kabinett-Strukturen dem Sound von Disappearing acts nachspüren.

Zum Anfang der von Kathy Halbreich kuratierten Ausstellung thematisiert Venice Fountains von 2007 mit seinen negativen Kopf-Gussformen Naumans nachhaltige Intention von Abwesenheit und Leere. Wie verhält sich ein Objekt im Raum, in dem der Künstler abwesend und präsent zugleich ist? Fragen, die sich Nauman früh seit den gesellschaftlichen Veränderungen in den 1960er Jahren bis heute immer wieder stellen. Seine Arbeiten kann man als metaphorische Deklinationen von Objekten im Raum verstehen. Sein Nachdenken über einen negativen Raum zwischen Ober- und Unterseite ist eine eminent programmatische Antwort auf die Frage, was Kunst eigentlich sei. Für ihn ist es das, was ein Künstler selbst macht.

Mit der Erforschung des eigenen Körpers sucht Nauman im spezifisch subjektiven Ich als Objekt etwas Allgemeines. Scheitern als wesentliche Erfahrung des Menschen – from hand to mouth – manifestiert sich in seinem Werk zu einer Poesie der bildenden Kunst. John Cage in der Musik, Samuel Beckett  auf dem Theater, Ludwig Wittgenstein im philosophischen Kosmos der Aphorismen sind ihm Brüder im gleichen Geiste, Wahrheit zu finden im Chaos der Wirklichkeit. Disappearing acts ernüchtert – Wer es unternimmt, auf dem Gebiet der Wahrheit und der Erkenntnis als Autorität aufzutreten, scheitert am Gelächter der Götter, gibt Albert Einstein zu Bedenken – und motiviert grundsätzlich – Make me, think me (1993).

Die Basler Ausstellung realisiert aus einem Gefüge von Beziehungen Möglichkeitsräume. Es sind vor allem begehbare Räume, Korridore, in denen der Ausstellungsbesucher sich partizipativen, körperlichen Wahrnehmungen stellen kann: Corridor with a Parallax (1974). Was ist privat, was ist öffentlich? Fragen, so aktuell wie nicht eindeutig zu unterscheiden, bestimmen mehr und mehr einen global indifferenten Alltag. Mit seinen Neon-Arbeiten belichtet Nauman menschliche Dramen – Raw War (1970) -, mögen sie auch scheinbar noch so weit entfernt von der eigenen Unmittelbarkeit sein. Spiegelverkehrte Welten, die sich nur für Momente verstecken können, entpuppen sich als dunkler Schatten in der überbelichteten Alltagswelt bis heute: Pay Attention. Motherfucker. (1973)

Naumans unfertige Skulpturen insistieren als Disappearing acts eine Metamorphose von Leid und Trauer, von Täuschung und Verunsicherung über eine selbstvergessene Wirklichkeit. Mein Werk kommt aus der Enttäuschung über die Conditio humana. Er bezweifelt den Künstler als Meister seines Handwerks. In All Thumbs (1996) – assoziierend eine amerikanische Redewendung von zwei linkischen Händen – fragt er nach der schöpferischen Autorschaft und Kreativität eines Künstlers.

Wasser als wichtiges Lebenselement verkehrt Nauman in der Installation Three Heads Fountains (2005) in sein Gegenteil. Mit kleinen Fontänen schießt Wasser aus den perforierten Köpfen. Ein Abbild von Terror und Gewalt als Kreislauf von Leben und Tod, das sich unmittelbar neben der Neonarbeit One Hundred Live and Die von 1984 wie ein zeitloser Kommentar liest.

Scheitern, impliziert von Leere im Raum und dem eigenem Körper, beschreibt das Nauman-Kontinuum. Am Ende der Ausstellung bildet die eigens für die Ausstellung realisierte Videoinstallation Contraposto split (2017) mit einer neuartigen 3-D-Projektion als vorläufigem Höhepunkt von Naumans technikaffiner Kunst eine Brücke zu Walk with Contraposto (1968).

Vielfalt und wechselnde Perspektiven in Naumans Œuvre könnten den Besucher nach seinem Ausstellungsrundgang imSchaulager Basel in lethargische Larmoyanz versetzen, gäbe es nicht einen sowohl grafisch eindrucksvoll layouteten als auch informativen, äußerst lesenswerten Katalog zur Ausstellung. Produziert von der Publikationsabteilung des Museums of Modern Art, New Yorkwo die Ausstellung ab 21. Oktober 2018 zu sehen sein wird -, gedruckt auf 150 gsm Arctic Volume, hält man mit dem Katalog selbst ein Kunstwerk der Druckkunst in der Hand.

Beim Weg zur Tram beunruhigt schmerzlich Naumans Überzeugung – Es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, etwas zu beenden. Entweder es ist fertig, wenn die Aussage klar ist, oder es ist fertig, wenn man so lange daran gearbeitet hat, dass es ruiniert ist. – wie der viel zitierte Stachel im Fleisch. Denn, wann kann im Leben wirklich etwas fertig werden?

04.08.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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