Mit Wilson Mut zum Hut

Robert Wilson © Peter E. Rytz 2018

Ob Robert Wilson als Linkshänder, wie manche Statistiken herausgefunden haben wollen, intelligenter ist als ein Rechtshänder, sei dahin gestellt. Dass er über eine ausgeprägte Sensibilität für Zeit und Stille verfügt, ist in seinem künstlerischen Œuvre als Theater- und Opernregisseur, als Performer oder als konzeptioneller Künstler dokumentiert.

In der Ausstellung The hat makes  the man im Max Ernst Museum Brühl hat Wilson eine Ausstellung arrangiert, die sich in ihrem Titel explizit auf eine gleichnamige Arbeit von Max Ernst auf Papier und Karton aus dem Jahr 1920 bezieht. Sie gilt gemeinhin als Signaturwerk der Frühphase des Dadaismus.

Louis Aragon hat Wilson zum legitimen Nachfolger des surrealistischen Manifests von André Breton nach der Aufführung der siebenstündigen Oper Deafman Glance (Der Blick des Tauben) 1971 in Paris geadelt. Sieben Stunden Stille, der ein nachhaltig wirkendes Erlebnis mit einem taubstummen schwarzen Jungen Ende der 60er Jahre in den Straßen von New York zugrunde liegt, gilt, wie es die Legende erzählt, als Wilsons künstlerische Initiation.

Die Brühler Ausstellung, eine Art Wunderkammer mit 400 ausgewählten Objekten – Masken, Textilien, Schuhe, Fundstücke, Federschmuck, Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Schriftstücke und Videos – aus Wilsons 11.000 Artefakten, eine Zeitspanne von mehr als 2.200 Jahre umfassenden Sammlung, ist in ihrer surrealen Kombinatorik von einzelnen Sammlungsobjekten das Kunstwerk selbst. Seltsam schön fügen sich die Objekte wie zufällig ästhetisch assoziativ zusammen. Mit der ortsspezifischen Rauminstallation The hat makes  the man ist ein Satellit aus Wilsons Watermill Creative Center in New York in Brühl gelandet (noch bis zum 26. August 2018 zu bestaunen).

In Wilsons spartenübergreifenden Produktionen lebt der Surrealismus als Inszenierung von Klang, Licht und Stille fort. Ihnen liegt eine Philosophie des Fragens – Was ist das?  -, nicht ein Antwortgeben, was etwas ist, zugrunde. Diese Herangehensweise zieht mich zu den Surrealisten hin, zu Max Ernst. Die Situation bleibt offen, gibt er zu Protokoll.

Wer Wilson in der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung in einer sich unmittelbar aus dem Moment entwickelnden Performance erlebt hat, geht mit einem unschätzbaren Vorteil gegenüber jedem anderen Besucher in die Exposition. Wahrnehmungen in der durchaus verstörenden Vielfalt und ihrer ebenso verwirrenden Zusammenstellung der Wilsonschen Sammlungsobjekte bauen jene originale, performative  Assoziationsbrücke, die dieser zuvor reflektiert hat. Ob ohne den Künstler selbst, ohne sein charismatisches Leuchten, wie der Direktor des Max Ernst Museums, Achim Sommer hofft, die Ausstellung dem Besucher ermöglicht, seiner Vision von Kunst so nah wie möglich zu kommen, sei dahin.

Was ist das, was ich mache? How do you see something? Gefragt aus einer meditativ grundierten Nachdenklichkeit, skizziert Wilson auf einer Tafel die kreative Dualität von Sehen und Hören. Entsprechend ergibt 1 + 1 in der Lebenswirklichkeit selten mathematisch korrekt 2, sondern schließt die Einheit 1 ein. Lecture of nothing von John Cage ist ihm Gewähr für sein Arbeitsprinzip: Listning – asking – working.

Im Gehen, in einer improvisierten Performance extemporiert er die Entwicklung von Ideen, wenn konzentrierte Wahrnehmung sich nach Innen richtet. Ein Raum von Stille öffnet sich, in dem die Dinge sorgfältiger, tiefer, umfassender betrachtet werden können. Mit dem Körper zu hören: The sound oft the moment.

Wilsons Wunderkammer-Räume laden ein, sich Zeit zum Träumen zu nehmen. In ihnen ist eine Welt zu entdecken, die man so noch nie gesehen hat, respektive aus solcher Perspektive bis dahin niemals betrachtet hat. Wilsons künstlerisches Selbstverständnis –The reason I work as an artist ist to stay open and ask questions – könnte eine Einladung an jeden Besucher sein, Wilsons Hut aufzusetzen und mit ihm die eigene Umwelt neu sehen zu lernen.

05.08.2018
photo streaming Robert Wilson

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Über Peter E. Rytz Review

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