Frieden, ein großes Wort

© Peter E. Rytz 2018

Frieden zu schaffen und zu erhalten war, ist und bleibt eine Herausforderung für jede Gesellschaft. In der Sehnsucht nach Frieden manifestiert sich die conditio humana in ihrer reinsten Form. Dokumentiert in politischen, religiösen und sozial-ethischen Handlungskatalogen, begleitet von künstlerischen Reflexionen, markiert Frieden die umfassendste, verpflichtende, unhinterfragbare Grenzlinie der lebendigen Gemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Kulturen.

In einem organisatorisch, logistisch und künstlerisch ambitionierten Kraftakt führt die Friedensstadt Münster fünf museale Institutionen in einer groß angelegten Kooperationsausstellung Frieden Von der Antike bis heute zusammen. Bis zum 2. September 2018 lädt sie zu einer Grand Tour de la Paix ein.

Wege zum Frieden führen vom LWL-Museum für Kunst und Kultur über die Integrationsbrücke des Bistums Münster mit der Frage Wie im Himmel so auf Erden? zum Archäologischen Museum der Universität Münster gleich um die Ecke, wo mit Eirene/Pax – Frieden in der Antike Grundfesten des Frieden freigelegt werden. Wenige Schritte weiter erinnert das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster an Picassos wirkungsvollen Friedenszwischenruf (Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube), während das Stadtmuseum Münster fragt: Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden.

So viele Reden vom Frieden im Europäischen Kulturerbejahr 2018, so viele offene Fragen. Deutschland erscheint dabei, von Münster aus betrachtet, angesichts der vielen weltweiten Brandherde des Krieges wie eine Insel der Seligen. Obwohl die Münsteraner Ausstellung von einer bildkünstlerischen Aneignungsperspektive dominiert wird, ist sie aber auch eine politische Ausstellung. Insofern unterscheidet sie sich erst einmal nicht von jenen Kunstausstellungen, die sich dezidiert mit Themen der Kunstgeschichte und –praxis beschäftigen. Bildende Kunst ist in der einen oder anderen Weise selbst immer Teil des Lebens in seinen Gefährdungen zwischen Geburt und Tod. Insofern belichtet Frieden von der Antike bis heute mit der Folie von Kunst, Religion, Archäologie und Geschichte einen gemeinsamen Nenner vergesellschafteten Lebens.

Dass das Wort Frieden widersprüchlich in der Geschichte vermerkt ist und nicht immer wirklich Frieden für die Menschen bedeutet, zeigt sich exemplarisch in der kontroversen Deutungsgeschichte des Westfälischen Friedens. Fast 300 Jahre hat die katholische Mehrheit der Münsteraner Bürger der Stadt diesen Friedensvertrag nach 30 Jahren Krieg mit seinen apokalyptischen Verheerungen misstrauisch beäugt. Religionsrechtlich sahen sich die Katholiken gegenüber den Protestanten als Verlierer. Erst mit dem 300. Jubiläum 1948, wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, beginnt eine zaghafte Revision.

Fokussiert man den Umstand, dass der 2. Weltkrieg ohne wirklichen Friedensvertrag  beendet worden ist – er ist erst 1993 nach einem jahrzehntelang erbittert geführten sogenannten Kalten Krieg mit dem Abzug der einstmals verbündeten Kriegspartner Amerika, Sowjetunion, Frankreich und England aus dem wiedervereinigten Deutschland wirksam geworden -, mit vielen Friedensversprechen und Verträgen aus der Menschheitsgeschichte, unterstreicht der Ausstellungsbeitrag des Stadtmuseums Münster ein ernüchterndes Fazit. Friedenszeiten sind häufig nur die Ausnahme geblieben. Ihre Versprechen sind in den machtpolitischen Auseinandersetzungen häufig genug zu flüchtigem Staub zerrieben worden.

Die Münsteraner Ausstellung erzählt davon mit einem Kaleidoskop von Bildern, Dokumenten, Fotografien und Objekten. Sie öffnet demjenigen, dem es gelingt, Kondition und Ausdauer, die es angesichts der Fülle von Informationen braucht, Offenheit mit Neugier zu paaren, einen überwältigenden enzyklopädischen Kosmos.

Beispielhafte Friedenschlüsse werden im Zusammenhang mit Symbolen und Ritualen dargestellt. Die damit verbundenen Mythen und Ideale sind häufig Ausdruck unerfüllt gebliebener Hoffnungen. Strategien, Frieden zwischen Konfessionen und Staaten zu schaffen, entziffern sich als hochwohlmögend bemüht.

Zeigt das zentrale LWL-Museum – Künstler für den Frieden – Arbeiten der bildenden Kunst, die von mittelalterlichen Miniaturen über Friedensallegorien des Peter Paul Rubens bis zu Käthe Kollwitz Lithografie Nie wieder Krieg! reichen, so  spannt das Kunstmuseum Picasso einen Bogen vom Anti-Kriegsbild Guernica bis zur Metaphorik von Picassos Friedenstaube. Bildzitate, die als Ikonen der Kunstgeschichte bis heute bei Friedensdemonstrationen verwendet werden. Picasso ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Künstler immer auch politisch wirksam sein können und wollen.

Der Überzeugung folgend, dass wir Zukunft nur nachhaltig antizipieren können, wenn Gegenwart als Herkommen aus konkreter Vergangenheit erinnert und verstanden wird, ermutigt die Ausstellung von der Antike bis heute nach den Friedenssternen zu greifen. Keine Anstrengung kann groß genug sein, mehr Frieden zu gewinnen.

Dass das weltliche Leben nach religiöser Überzeugung im Grunde vor allem (und nicht mehr) als der Weg zu letztlich wahrem, endgültigem und nachhaltigem Heilsfrieden ist, darauf lenkt die rhetorische Frage Wie im Himmel so auf Erden? ihren ausstellungsdidaktischen Fokus.

Mit der Erinnerung an die Bedeutung des Friedens in der griechischen und römischen Antike findet das Archäologische Museum mit der nachgebildeten Statue der Friedensgöttin Eirene eine Symbolgestalt für die Friedenssehnsucht schlechthin. Es sind vielleicht die in ihr subtil enthaltenen Gesten und Symbole des Friedens, die innerhalb des Ausstellungsmarathons eine nachdenkliche Zäsur setzen.

Ermattet von der Vielfalt der unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven sowie der Flut von Informationen, findet der Wanderer zwischen den einzelnen Ausstellungsteilen hier nicht nur einen temporären Ruhepunkt, sondern schaut gewissermaßen vom Ausgangspunkt der europäischen Kulturgeschichte mit einem differenzierteren Blick auf die Gegenwart.

07.08.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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