Schräge Musik im Festspielhaus Bayreuth

© Enrico Nawrath

Samstag, 11. August 2018, 16:00, wie seit Tagen schwül warme 33 Grad Außentemperatur, lässt Barrie Koskys Zitat 13. August 1875, 12.45, 23 Grad Celcius Außentemperatur, eingeblendet auf den durchsichtigen Vorhang zuBeginn der Ouvertüre von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg im Bayreuther Festspielhaus, Heiterkeit aufkommen.

Im Sommer 1875 ist nach ersten Ring-Proben ein Gartenfest in der Villa Wahnfried belegt. Koskys Inszenierung adaptiert im ersten Akt diese idyllische Heiterkeit und arrangiert mit Philippe Jordan ein Fest der Musik. Nicht – Sehr mäßig bewegt –, wie Wagners Spielanweisung lautet, sondern mit flüssigem Tempo übersetzt Jordan Koskys programmatische Einstiegsidee. Dieser transformiert Wagners Familie, Freunde und Wegbegleiter in einzelne Meistersinger-Figuren mit ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.

Veit Pogner ist seinSchwiegervater Franz Liszt, der virtuose Pianist, den der darin weniger talentierte Wagner im Vorspiel demonstrativ vom Klavier drängt. Sixtus Beckmesser ist Herrmann Levi, der von ihm eigentlich als Jude verhasste Dirigent, dem er trotzdem die Parsifal-Uraufführung anvertraut; er wird als Karikatur ausgestellt. Eva als Cosima ist offensichtlich auch nicht mehr als eine Spielfigur in Wagners Theater-Kosmos: Ich habe die Eva geheiratet.

Koskys Meistersinger-Inszenierung entdeckt Wagners Alter Ego in dreifacher Prägung. Walther von Stolzing, der die neue Musik exemplarisch vorträgt. David, der als Hans Sachs‘ Lehrling dem Ritter Stolzing die Meisterregeln erklärt. Vor allem aber Hans Sachs, der als Handwerker von altem Schrot und Korn ein Plädoyer für die Poesie der geschichtsmächtigen deutschen Kunst hält. Wagners romantisch verklärte Selbsterhöhung mutet wie bei Novalis geborgt an: Alles Poetische muss märchenhaft sein.

Mit den ersten C-Dur-Takten der Ouvertüre parodiert Kosky Wagner als selbstverliebten Patriarchen und Egomanen. Ein Paar Schuhe, ein Seidenschal und eine Kiste mit exotischen Parfüms entpackt Wagner so spielerisch selbstgefällig, wie aus dem von ihm traktierten Flügel kleine und große Wagners sowie die Gilde der Meistersinger entsteigen. Ohne Wagner keine Meistersinger und somit auch keine Zukunft ohne Erlösung durch seine Musik.

Mit dem zweiten Akt wird das spielerisch heiter Leichte von Wagners antisemitischen Untertönen unterhöhlt. Des Komponisten Behauptung, sein Leben sei ein Theaterstück, geschrieben von ihm selbst, übersetzt Kosky in doppelter Hinsicht. Einerseits Wagner als Meistersinger, als der seinem Selbstverständnis nach uneingeschränkte Schöpfer einer neuen Musik auf der Oper. Andererseits macht er kein Hehl daraus, dass er die Juden für eine Gefahr der deutschen Kultur hält. Wer keine Heimat in der Tradition habe, inkubatiere wie ein Schädling in der reinen deutschen Kultur, lässt Wagner mit seiner Schrift Das Judentum in der Musik  keinen Zweifel.

Als Raum im Raum hat Rebecca Ringst einen Puppenstuben-Guckkasten gebaut. Die Bühne beschwört die Zeit der Minnesänger, wie man ihr rund um Bayreuth im Oberfränkischen mit Burgruinen noch unmittelbar nachspüren kann. Dass an einem solchen Ort der stolze Ritter Stolzing den Walther von der Vogelweide als seinen Lehrer nennt, sollte eigentlich Grund genug sein, um ihm Eintritt in die Meistersinger-Gilde zu gewähren. Damit ginge allerdings Wagners Idee eines Gesamtkunstwerkes, das allein das Fundament der deutschen Kunst sein könne, nicht auf.

Der Regisseur inszeniert die Meistersinger mit dem Wissen, wie die unselige Geschichte nach Wagner und mit seiner Musik gelaufen ist. Wagners Gewährsmänner Stolzing und Sachs als germanische Lichtträger stellt Kosky ins Licht der Geschichte. Er justiert eine Perspektive von der vernebelten Selbsterhöhung des Komponisten bis zum Stichwortgeber eines radikalen Antisemitismus, der bis heute wirkt.

Mit dem Verdikt der Meistersinger nach Stolzings Gesangsprobe – Versungen und verthan! – fährt die Puppenstube in den Hintergrund. Bühnenteile senken sich aus dem Schnürboden und fügen sich zu dem allfälligen Bild des Nürnberger Gerichts als internationaler Militärgerichtshof gegen die Kriegsverbrecher des zweiten Weltkriegs.

Eine Wanduhr tickt im Gerichtssaal unerbittlich und verlässlich. Im Zentrum des Saals ein Podium, das die Meistersinger, Hans Sachs, Stolzing, Eva und David wechselweise als Angeklagte und Verklagte in den Zeugenstand ruft. Die Zeit schnurrt ab, bis sie mit der Verwandlungsszene im dritten Akt rückwärts rast und bei 15 Minuten vor Zwölf stehen bleibt. Wagners Devotionalien, in der Art einer Haushaltsauflösung vor dem Zeugenstand aufgetürmt, entsorgt Kosky mit einer überraschenden Volte.

Zuerst entlädt sich in der Prügelszene auf Beckmesser, dem Fremden im Nachbarn, gewaltsamer Judenhass. Ihm wird eine Maske als Juden-Karikatur aufgesetzt. Kopiert aus der nationalsozialistischen Wochenzeitschrift Der Stürmer, lässt Kosky eine gleiche Maske bühnenfüllend aufblasen. Der aufgepumpte Größenwahnsinn fällt anschließend in sich zusammen. Für den Moment ist ihm die Luft ausgegangen. Eine Hoffnung? Aber es bleibt die Erkenntnis von Goethes Zauberlehrling: Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los.

In Koskys Inszenierung wird mit der Verwandlung das Tribunal vorerst beendet. Die Wände des Gerichtssaals fahren nach oben. Ein Orchester fährt nach vorn. Sachs‘ dräuend drohende Aufforderung, die deutschen Meister zu ehren, da ansonsten bald niemand mehr sagen könne, Was deutsch und ächt wüßt‘ Keiner mehr, lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr, singt er mit dem Rücken zum Publikum und dirigiert das Scheinorchester emphatisch beseelt. Sein Hochruf auf die heil’ge deutsche Kunst hört sich wie eine Beschwörung der reinen Musik an. Allein die Musik, folgt man Koskys Dramaturgie, mag sie auch noch so oft und immer wieder politisch missbraucht und ideologisch gefangen genommen worden sein, siegt sie letztlich über allen Wahn der Menschheit.

Der mit Beginn des dritten Aktes auf den Vorhang eingeblendet Text, dass die Nazis für ihre Waffentechnik gegen die englischen Nachtbomber das Code-Wort Schräge Musik verwendet haben, liest sich wie ein überraschender Kommentar zu Wagners neuer Musik und zu seiner antisemitischen Verfasstheit.

Philippe Jordan bereitet mit dem Festspielorchester, den Solisten und dem bestens aufgelegten, agil spielfreudigen, von Eberhard Friedrich szenisch hervorragend choreografierten Festspielchor einen von animierten Langzeit-Generalpausen bestimmten, Wagner schrägen Klangraum aus. Ihm ist eine durchgängig schwebende Spannung eigen, die sowohl den rasanten, einfallsreichen Spielwitz als auch den mahnend nachdenklich machenden Gestus von Koskys Inszenierung klangmalerisch hörbar macht.

Diese Inszenierung imponiert mit ihrer der Komposition adäquaten gesamtkünstlerischen Ensembleleistung von Solisten, Chor, Bühnenbild, mit den minnesängerisch verspielten, von Halskrausen bekrönten Kostümen von Klaus Bruns sowie der Lichtregie von Franck Evin.

Michael Volle singt den Hans Sachs, die längste Wagner-Partie überhaupt mit einem saft- und kraftvoll strotzenden Bariton. Bis zum letzten Ton ohne Spannungsverlust beeindruckt Volle mit vollem Atem und fabelhaftem Ausdruck.

Wer Klaus Florian Vogt mit diesem glasklar artikulierenden, bis in die lyrische Feinsinnigkeit – Morgenlich leuchtend im rosigem Schein – exzellenten Stolzing gehört hat, wird ihn als Referenz bei jedem neuen Meistersinger im Ohr behalten.

Die subtil singenden und schauspielerisch akzentuierten Günther Groissböck als Veit Pogner sowie Daniel Behle als Lehrjunge David sind wesentliche Garanten für dieses Bayreuther Meistersingerfest. Wiebke Lehmkuhl reiht sich als Magdalene unaufgeregt – nicht vordergründig aber nachhaltig – in diese Festreihe mit vollmundigem Ausdruck ein.

Emily Magee tut sich gegenüber dieser Phalanx überragender Stimme schwer, Eva als Charakter zu profilieren. Ihre Stimme sucht mehr, als das sie zu einem nachhaltigen Ausdruck findet.

Last but not least läuft Johannes Martin Kränzle mit seinem Beckmesser zu großer Form auf. Mit nahezu kompletter sängerischer und schauspielerischer Überzeugungskraft läuft er dabei seinen namhaften Kollegen fast selbstverständlich den Rang ab. Das spricht nicht gegen diese, sondern für einen außergewöhnlichen Beckmesser-Kränzle, an dem sich fortan jeder Beckmesser wird messen lassen müssen.

Riesiger Jubel mit Fußgetrampel am Ende, dass man Angst um die Statik des Hauses haben könnte.

16.08.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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