Na ja, aber so was, Herr Marthaler

© Peter E. Rytz 2018

Die Ruhrtriennale erfindet sich seit ihrem Beginn 2002 mit jedem Intendantenwechsel immer wieder neu. Dafür steht auch Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale 2018 – 20. Mit Christoph Marthaler, der in diesem Jahr Preisträger des International Ibsen Awards ist, steht ihr erstmalig ein Artiste associé zur Seite, der über reichhaltige Erfahrung sowohl als  Intendant als auch als Regisseur am Theater wie an der Oper verfügt.

Dass er ein kreativer Gewährsmann ist, der in den  industriegrauen und rau schrundigen, stillgelegten Zechengebäuden, Kokereien, Maschinen-, Gebläse- und Turbinenhallen Orte zu entdecken versteht, die ein außergewöhnlich theatralisches Potential haben, beweist er mit der Musiktheater-Kreation Universe, Incomplete in der Jahrhunderthalle Bochum.

Gemeinsam mit seiner langjährigen Bühnenausstatterin Anna Viebrock und dem für moderne und zeitgenössische Musik profilierten Dirigenten Titus Engel haben sie sich nichts weniger vorgenommen, als sich dem Vermächtnis von Charles Ives unvollendeter Universe Symphony zu stellen.

Hoch oben, wo einst Laufkatzen und Kräne rollten, steht Engel und lässt, wie seinem Namen gleich, als Dirigent einen mythisch anmutenden Klang aus dem Universum in die Halle schweben. Akkordschichtungen jenseits von harmonikaler Selbstverständlichkeit zeichnen Spannungsfelder zwischen Fülle und Unbeständigkeit. Diesem universalistischen Aufriss aus der Höhe einer assoziierten Zukunft folgt der Abstieg in die Niederungen der Gegenwart. Wie klingt Ives Utopie, von heute aus gehört?

Viebrocks Rauminszenierung mit Einlasskontroll-Häuschen – All bags will be checked -, Kinosessel, Kirchenbänke sowie steil abfallenden Sitzbänke – an die begehbare Skulptur der Bildhauerin Rita McBride erinnernd, die immer wieder in verschiedenen Kunstmuseen auftaucht und die Wahrnehmung des Betrachters auf ein Kunstwerk zentriert (zur Zeit in der Kunsthalle Mannheim zu sehen) -, in der auf einer Schiene Musik und Spiel ineinandergeschoben werden, ermöglicht Seh- und Hörvariabiltät. Sie verdichtet und mobilisiert den Kosmos Universe, Incomplete, der über eine rosa blaufarbene Brücke eine Verbindung ins Heute andeutet.

Ives notierter Selbstzweifel, für den Fall, dass es mir nicht gelingen sollte, dieses Werk zu vollenden, findet sich vielleicht jemand anderes, der den Versuch unternimmt, meine Gedanken auszuarbeiten, hat in Marthaler einen nachhaltigen Widerhall gefunden. Er lässt Ives‘ Hoffnungen als Integral der Utopie eines der wegweisendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts auf einer Bühne des 21. Jahrhunderts Realität werden. Die Bezeichnung Universe, Incomplete zeugt von Marthalers Respekt vor Ives‘ Idee und zugleich von seinem Mut, Ives gerecht zu werden. Nicht indem er die sinfonischen Leerstellen nachkomponiert, sondern Ives Werk The unanswered question als programmatischen Inszenierungsanker nimmt.

Aus einem Konvolut von musikalischen Notizen, vereinzelten Partiturseiten der Sinfonie sowie Lied- und sehr unterschiedlich konnotierten, kammermusikalischen Kompositionen generiert Marthaler mit Musikern – Bochumer Symphoniker, Rhetoric Project, Schlagquartett Köln sowie Folkwang-Studenten – Schauspielern und Tänzern eine ambitionierte, szenisch-musikalische Revue, die im Spiegel des Amerika der 1920er Jahre bis ins Heute assoziiert.

Marthaler wirft mit Universe, Incomplete einen phantastisch inspirierten Blick von einer fernen Zukunft auf die Gegenwart. Er entdeckt, wie Utopien scheinbar normal geworden sind – oder sich verhoben haben. Zu erleben ist ein musikalisch visuelles Vergnügen, weil Marthalers Kreation scheinbar verlässliche Erfahrungen hinterfragt, wie sie vergleichbar auch im Werk des bildenden Künstlers Bruce Nauman konsistent sind (Bruce Nauman – fertig unfertig vom 05.08.2018, hier veröffentlicht). Marthaler, der, wie seine Inszenierungen aus mehr als drei Jahrzehnten zeigen, der Musik eher traut als der Sprache, arbeitet zudem mit einer dezidierten Bildmetaphorik.

Entsprechend wird die Grammatik der Musik und der Bilder nur für wenige Momente durch dadaistisch anmutende Wortakrobatik nach Texten von Gerhard Falkner  – Die Zeit hat Zeit. Ich habe zu wenig geschlafen in diesem Jahrhundert. – und lautmalerischen Einwürfen nach Martin Kippenberger unterbrochen. Na ja, die ersten Worte nach dem längeren, facettenreichen Ives-Musik-Puzzle hören sich wie eine lakonisch animierte Zustimmung zu dem bisher Gehörten und Gesehenen an.

Kinolicht flackert, während unsichtbar im Raum dahinter Ives‘ Symphony No. 4 und kurz zuvor über die Schienen rollend Country Band, March for Theatre Orchestra rumort. Zwischen Songs a Cappella, Freedom gebetsmühlenartig wiederholend, eingestreut choreografische Etüden. Schauspieler, Tänzer und Sänger verrenken sich in debil epileptisch verzückten, überdehnten Posen, locken mit Fingerzeig ins Publikum, als erwarteten sie Hilfe von ihm – ein bestellter Zuschauer erhebt sich wie ein Signalturm, der ohne Antwort bleibt – in ihrer Hilflosigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt.

Ein Mann mit einer Tuba unter dem Arm rennt ziellos, sichtlich erschöpft durch den Hintergrund. Marthalers Alter Ego in Selbstauftrag unterwegs, Ives Musik einzufangen? Eine Paraphrase auf die Vergeblichkeit ihres Gelingens?  Marthalers berüchtigtes Täuschungsmanöver von Wahrnehmungen und Zuschreibungen auf der Bühne erreicht offensichtlich in solchen Momenten auch die Jahrhunderthalle.

Aber so was! – ausgerufen, knarrend verstärkt von einem alten, an die amerikanische Zeit der Prohibition erinnerndes Trichter-Megaphon, versinkt die Verständlichkeit der Sprache in einer irrwitzigen Glossolalie, einem Tohuwabohu. Universe, Incomplete beschwört letztlich in Marthalers Perspektive die Transzendenz der Musik. Im String Quartet No. 2 kulminieren sphärische Klänge des Universums.

Über die Schiene rollt ein verdeckter Waggon, der die Spiel-Akteure von Universe, Incomplete aufsaugt und sie anschließend, wie verwandelt, als die Bochumer Symphoniker ausspuckt. Sie tragen ihre Instrumente tonlos durch die Halle. Ives‘ Musik ist anschließend aus einem Raum zu hören, der dem Publikum verborgen bleibt. Allein Titus Engel steht dirigierend sichtbar für die Musik, die Ives, zwar unvollendet, aber ahnungsvoll rauschend der Nachwelt hinterlassen hat.

Ives Utopie bleibt Utopie. Marthaler, Engel und Viebrock haben für sich einen Weg entdeckt, sie aufscheinen zu lassen. Der freundliche Beifall am Ende kann als Ausdruck dafür gelten, dass Teile des Publikums von diesem Schein berührt worden sind.

20.08.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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