Parsifal als Held unserer Zeit

© Enrico Nawrath

Im dritten Jahr ist Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Richard Wagners Parsifal auf dem Grünen Hügel präsent. Stark umstritten bei der Premiere 2016, wohl wegen ihrer allzu plakativen Bezüge zur weltpolitischen Lage und deren aktionistischer Umsetzung auf der Bühne, haben seitdem eben jene Ereignisse  in diesem Jahr der Regie Satisfaktion geboten. Wie die weltpolitischen Gewissheiten ins Wanken gekommen sind, so weisen die Bilder des Bayreuther Parsifal diesmal im Dschungel gesellschaftlicher Wirren und Kulturkämpfe einen Weg.

Richard Wagner erzählt im Parsifal die Geschichte einer Gralsgesellschaft, die zu ihrer Stärkung und damit für ihr Bestehen das Blut eines der Ihren – er hat in der Vergangenheit ihre Regeln durchbrochen und den Verlust des heiligen Speers zu verantworten – im religiösen Ritus als Opfer nutzen und in Wein verwandeln. Die Rettung dieses Ritters Amfortas durch Parsifal, den ersehnten reinen Toren, erzählt Uwe Eric Laufenberg auf spannende Weise.

Eine zerstörte Weihestätte zeigt noch während der Ouvertüre, wie die Gralsgesellschaft Flüchtenden mitfühlend Obdach gewährt, sie jedoch, auch in Anbetracht marodierender Soldaten, wieder ins Ungewisse ziehen lässt. Die Ritterschaft kann sich nur erneuern, wenn sie den Blutzoll des Amfortas, Sohn des greisen Königs Titurel, entgegen nimmt und mit seiner Hilfe den Heiligen Gral zum Leuchten bringt. Parsifal erlebt diese rituelle Tragödie und ist tief beeindruckt und verstört. Als ihm Kundry begegnet, die an diesem Ort Geborgenheit sucht, verfällt er dieser als Zauberin verschrienen Frau.

Kundry lebt im Reiche Klingsors,  in dessen Zaubergarten – hier einem orientalischen Hamam, wo  die Blumenmädchen Parsifal zunächst verführen, es ihm als reiner Tor gelingt den Verführungskünsten Kundrys widersteht – gelingt es ihm den Zauberer Klingsor zu bezwingen und ihm den Heiligen Speer zu entwenden. Der Weg ist frei für den Erlöser Parsifal.

Der kommt als Schwarzer Krieger in die von Schlingpflanzen bedrängte Kirche der Ordensgemeinschaft. Er bringt die Erlösung, die sich im Karfreitagszauber durch tropischen Regen und darin tanzende nackte Menschen auf der Bühne Bahn bricht. Kundry erfährt Erlösung, nachdem sie dem Ritter die Füße gewaschen hat und ihre Sünde – sie hatte einst den kreuztragenden Jesus verlacht –  gesühnt ist. Der Gral muss nun nicht mehr erglühen. Vielmehr bringen die Menschen aller Religionen ihre Insignien zum Sarge Titurels, begraben somit symbolisch ihre Kriege. Indem das Licht des Zuschauersaales in dieser finalen Szene langsam aufscheint, wird das Publikum eingeladen, mit ihnen eins zu sein.

Das Bühnenbild Gisbert Jäkels und die Kostüme Jessica Karges setzen auf überzeugende Weise den Regieentwurf Laufenbergs um. Gerard Nazin hat mit dem Zoom von der Kapelle in den Wüstengebieten des Nahen Ostens bis in die Weiten des Alls und zurück zur Erde die Verwandlungsmusik überzeugend bebildert. Die Totenmasken der Wagner-Familie im wogenden Wasser stellvertretend für den Tod Titurels, Kundrys und Klingsors allerdings wirken weniger überzeugend. Reinhard Traub hat mit seiner Lichtregie die Szene lebendig beleuchtet.

Das exzellente Sängerensemble überzeugt durchgängig an diesem Abend. In der Rolle des Gurnemanz  zeigt Günther Groissböck seine hervorragende Fähigkeit, mit seinem Bass weitgreifend sowohl als Erzähler der langen Gralsgeschichte als auch dramatisch starke Akzente zu setzen. Der Amfortas von Thomas J. Mayer ist nicht nur sängerisch, sondern auch dramatisch von erlesener Ausdrucksstärke, sein Leiden lässt das Publikum den Atem anhalten. Wer könnte sich der Wirkung des Jammers und gleichzeitig der wenig verhüllten Brutalität der Ordensbrüder entziehen?

Andreas Schager, der als erfolgreicher Einspringer in verschiedenen zurückliegenden Inszenierungen Schlagzeilen machte, hat seine Stimme zum Heldentenor reifen lassen. Dieser Parsifal  dominiert mit seinem Spiel und der natürlichen Bühnenpräsenz über lange Strecken die Szene – wenn nicht durch die  Kundry der Sopranistin Elena Pankratova auch diese eindrucksvolle Figur in den Schatten gestellt würde. Die Sängerin der Rolle der Zauberin, ein wunderbar wandelbarer, auch in den Höhen sicherer, nie schrill werdender Sopran, fasziniert mit ihrem wandelbaren Spiel, das die gesamte Klaviatur von der bedürftigen Betenden über die hocherotische Verführerin bis zur Büßerin umspannt. Im mit Duett mit Schager breiten beider wunderbare Stimmen den Klangteppich der Emotionen prachtvoll aus.

Laufenbergs Klingsor, der Bassist Derek Welton, stürzt aus seiner Parallelwelt der Kruzifixe dramatisch ab und mit ihm seine Sammlung, die polternd vom Bühnenhimmel fällt. Welton gibt dieser eher kleineren Rolle mit seiner Stimme und besonders auch der präzisen Textverständlichkeit allerdings eine besondere Färbung. Tobias Kehrer hat auch in diesem Jahr als Titurel Gelegenheit, seinen schönen Bass zum Klingen zu bringen.

Das Dirigat des Bayreuther Parsifal liegt erstmalig in den Händen von Semyon Bychkow. Im Interview berichtet er, dass die erste von ihm dirigierte Wagner-Oper der Parsifal gewesen sei, nämlich 1997 in Florenz. Der Musik eigen sei eine Intensität des ständigen Wandels, einer andauernden Transformation. Diese Erkenntnis zeigt sich auch in der Art, wie die Musik aus dem berühmten verdeckten Orchestergraben fließt. Parsifal ist die einzige Oper, die für das Festspielhaus und dessen spezielle Akustik komponiert wurde. Richard Wagner verfügte, dass jenes Bühnenweihfestspiel ausschließlich in diesem Hause zur Aufführung gebracht werden dürfe. Immerhin 30 Jahre lang hat sich die Nachwelt daran gehalten.

Das Orchester der Bayreuther Festspiele, sowie der Chor, wunderbar einstudiert und geführt von Eberhard Friedrich, sind stets die Garanten für große musikalische Ereignisse, betten jede Inszenierung auf dem Grünen Hügel in ihre sicheren Hände.

Wer Richard Wagners Parsifal in diesem Jahr in Bayreuth besucht, erlebt eine spannende Handlung in makelloser musikalischer Inszenierung, die von einem Ensemble geboten wird, das in jeder Hinsicht eine grandiose Leistung zeigt.

Das Publikum dankt dann auch mit kaum enden wollendem, furiosem Beifall, ehe es in den Sommerabend hinaus geht, der nach dem ersten leichten Regen mit einer frischen Brise die von Hitze und Spannung erfüllte Luft des Festspielhauses aus den Lungen der Besucher pustet.

19.08.2018

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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