Stummer Schrei, schreiende Stille

Francis Bacon, Head VI (1949) ; Alberto Giacometti, Le Nez (1947-49)
© Peter E. Rytz 2018

Kaum ein Kontrast, der größer sein könnte als der zwischen Haus und Garten der Fondation Beyeler in Basel/Riehen und den kargen Atelierräumen von Francis Bacon und Alberto Giacometti. Als Schlusspunkt hinter einer Ausstellung, die die Fondation diesen beiden Protagonisten der Moderne widmet, rekonstruieren zwei Multimediaprojektionen ihre jeweils winzigen Atelierräume in Echtgröße.

Nachdem die dialogisch kuratierte Ausstellung überraschende Parallelen in ihren Schlüsselwerken, die teilweise bisher noch nie zu sehen waren, die Augen des Besuchers für diesen Aspekt geöffnet hat, steht man am Ende fast kopfschüttelnd vor der kleinräumlichen Armut der Ateliers. Dass das, was als Legende des kreativen Künstlers häufig bezweifelt und im Verdacht steht, medientauglich stilisiert zu werden, wird in raumfüllenden Projektion des Designers Christian Borstlap zu einer spektakulären, gleichwohl überprüfbare Rekonstruktion von gehabter Realität. Der Name des Studio Part of a Bigger Plan, für das Borstlap arbeitet, liest sich dabei wie ein Programmatik für Kreativität überhaupt. Sie findet offenbar auch oder vielleicht gerade in der viel zitierten kleinsten Hütte noch einen durch nichts begrenzten Ausdruck.

Unmittelbar mit dem Eintritt in den ersten Ausstellungsraum wird der Ausstellungsbesucher in einen auf- und gleichzeitig anregenden Bacon-Giacometti-Dialog eingebettet. Fulminant und spektakulär beginnt er mit Le Nez, eine der selten ausgestellten Giacometti-Gipse von 1947 – 49 (2016/17 in Ausschnitten in der Ausstellung Material und Vision im Kunsthaus Zürich zu sehen: Der Geist Alberto Giacomettis im Kunsthaus Zürich, vom 10.01.2017, hier veröffentlicht) und Bacons Head VI aus dem gleichen Jahr, gefolgt von Porträt-Studien der Malerin Isabel Rawsthorne), ihnen beider Muse und für Giacometti zeitweise auch Geliebte – Three Studies for Portraits of Isabel Rawsthorne (Bacon, 1965) und Tète d‘Isabel (Giacometti, 1937 – 39), spannen sich ihreeResonanzen zwischen den Polen von Verweilen und Flüchtigkeit.

Jeder Raum – bezeichnet mit La Verite Criante, La Réalie Humaine, Portraits sans fin oder Ordre – Disordre  – enthält Verweise auf gemeinsam geteilte Grenzerfahrungen von der Energie des Scheiterns als künstlerisches Movens. Risiken einzugehen als Chance, der menschlichen Figur sowohl physisch als auch seelisch emotional näher zu kommen, ist eine der Gemeinsamkeiten, die diese Ausstellung entdeckt.

In Zeiten, wo Abstraktion das Maß aller bildkünstlerischen und skulpturalen Ausdrucksformen zu sein scheint, beharren beide auf Figuration. In fragmentierten Torsi und kubistisch anmutender Malerei sind Menschen wie Gefangene in käfigartig arrondierten Räume zu sehen. In ihnen wird etwas von der Gewalttätigkeit sichtbar, wie Bacon überzeugt ist, die das Leben der Menschen bestimmt. Folgt man weiterhin Giacomettis Selbstverständnis – weiß ich, dass Kunst zum Scheitern verurteilt ist -, dass Selbstzweifel und Verzweiflung dem künstlerischen Gestaltungsprozess inhärent sind, wird deutlich, dass beide nicht nach Originalität trachten, sondern die Beschaffenheit des Blicks für diesem einen Moment in ihren Arbeiten versuchen aufscheinen zu lassen. Bacon und Giacometti sezieren die existenzielle Essenz des Menschen in abstrakten Extremen im Glauben an die menschliche Figur in der Tradition der Kunstgeschichte.

In Giacomettis hieratischen Skulpturen und Bacons verzweifelt schreienden Päpsten leuchtet Gemeinsames in verschiedener Übersetzung auf. Stummer Schrei einerseits, schreiende Stille andererseits, wie die Kuratorin Catherine Grenier in ihrem Katalogbeitrag Gewalt und Zwang formuliert. Ein nachhaltiges Beispiel dafür, dass die Ausstellung keineswegs prätentiös vorgibt, sondern den Dialog zwischen Bacon und Giacometti in der Ausstellung einerseits konzis und andererseits mit narrativer Geschmeidigkeit im Katalog fortführt. Zudem brillant gedruckt, hält man einen Katalog in der Hand, der dem künstlerischen Anspruch der Ausstellung wesentlich über sie hinaus weiterträgt.

Schon staunend beeindruckt vor Bacons Original Memory of George Dyer (1971) aus der Sammlung der Fondation Beyler, lässt das äußert selten ausgestellte Triptychon Three Studies on Figures in Bed (1972) den Atem stocken, so sind ihre mehrseitig aufklappbaren Reproduktionen im Katalog eine druckgrafische Kostbarkeit.

Bacon und Giacometti als obsessive Realisten wie Felsen in der Brandung eines  abstrakten Meeres zu entdecken, löst eine aberwitzige Lust auf Kunst überhaupt aus. In Basel endet diese Möglichkeit am 2. September 2018.

21.08.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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