Geoglyphen auf der Spur

© Peter E. Rytz 2018

Für den Direktor der Bundeskunsthalle Rein Wolfs beginnt mit der Ausstellung Nasca – Im Zeichen der Götter nach dem aktuellen Frühling mit Bestandsaufnahme Gurlitt (Die Wahrheit hinter den Bildern vom 09.02.2018, hier veröffentlicht) jetzt der enzyklopädische Frühling. Die Exponate der Ausstellung, die durch die  Zusammenarbeit des Museo de Arte de Lima – MALI mit dem Museum Rietberg Zürich zu sehen sind, stammen aus öffentlichen sowie privaten peruanischen Sammlungen. Viele von ihnen sind außerhalb Perus nach Zürich (24.11.17 – 15.04.18) jetzt in Bonn zum ersten Mal ausgestellt.

Die Zürcher Ausstellung antizipiert mit der Überschrift  Nasca. Peru – Auf Spurensuche in der Wüste auf ein ritualisiertes Ablaufen der zentralen Bodenzeichnungen, der Geoglyphen. Kein Anschauen, sondern Spuren nachgehen.

In Bonn fokussiert die Ausstellung mit Nasca – Im Zeichen der Götter, ergänzt durch Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus, ein humanistisches Abenteuer im Widerhall von Nasca-Priestern und sogenannten anthropomorphen mythischen Wesen.

Den Kuratoren Cecilia Pardo Grau (MALI) und Peter Fux (Museum Rietberg) gelingt mit der Ausstellung eine interdisziplinäre Großtat. Sie holt die mehr als 2000 Jahre zurückliegenden Realitäten in die Gegenwart. Die Ausstellung gleicht einer Versuchsanordnung. So hat uns Nasca heute etwas zu erzählen; etwa, wie eine Gesellschaft sich in ihrer naturräumlichen Umwelt einordnen kann, wie existenziell wichtig…. auch der ideologische Zusammenhalt….sowie die Kommunikationsbestre-bungen mit den höheren Mächten sind, formulieren die Kuratoren im Prolog des reichbebilderten, sorgfältig recherchierten, für den interessierten Laien verständlich geschriebenen und druckgrafisch äußerst ansprechenden Katalogs.

Das Museum, ein heute für manche angesichts medialer Welten eher anachronistischer, ein wie aus der Zeit gefallener Ort, beweist mit dem Nasca-Ausstellungsprojekt, dass, wenn Ausstellungsbesuchern in ihm eine Geschichte nachhaltig erzählt wird, es ein die Aufmerksamkeit fordernder, aber auch entspannter, auch unterhaltsamer Kommu-nikations- und Bildungsort sein kann. Kein Film, keine Dokumentation, keine Fotografien allein haben diese imaginative Erzählkraft.

Die archäologischen Untersuchungsergebnisse, gewonnen mit geophysikalischen und chemischen Methoden, kontextualisieren mit künstlerischen, respektive kunsthand-werklichen Hintergründen die Ausstellung. Zum Abschluss des Ausstellungsrundgangs bietet das Figurengefäß eines mythischen Ahnenwesens anschaulich synästhetisch assoziative Erklärungsoptionen an. Die Figur mit der Nasca-typisch abgestuften Form, die ihre Entsprechung in der Landschaftsabfolge von trockener Steinwüste, von üppiger Vegetation und von den darüber liegenden Gebirgsmassiven hat, symbolisiert eine von der Oberwelt getrennte Unterwelt.

Das Ahnenwesen wird von den Kuratoren als ein Priester identifiziert, der in seinem Arm ein göttliches Wesen trägt. Unterhalb der abgestuften Trennlinie, besetzt mit Mundmaske, Diadem und Halsschmuck, sind abgetrennte Köpfe präpariert. Sie verweisen auf sakrale Objekte, die auf die andine Huayo-Tradition verweisen. Mit der Einnahme von psycho-aktiven Substanzen, wie das psychedelisch und halluzinogen wirksame Mescalin, gewonnen aus Kakteen, gehen Raum- und Zeitgefühl verloren. Damit öffnen sich Wahrnehmungsräume, die in der Nasca-Kultur den Kontakt mit dem Übernatürlichen zwischen den bewässerten Tälern ihrer Wohnorte und den Bergen als Sitz der göttlichen Ahnenwesen und Augenwesen erzwingt. Nasca–Priester versus neue Wahrneh-mungszustände oder Götterwesen?

Die rund 200 Exponate erzählen von einem Nasca-Alltag in den fruchtbaren Tälern zwischen den Hochanden und einer dem Pazifik vorgelagerten Wüste, einer der trockensten Regionen weltweit. Unter der hellen, von Menschen veränderten Wüstenoberfläche befindet sich ursprüngliches dunkles Gesteinsmaterial. Durch Abräumen der obersten Schicht sind weitflächig Lineaturen, Bodenzeichnungen, soge-nannte Geoglyphen geschaffen worden.

Der größte bekannte Geoglyph, ein Trapez, hat eine Länge von 1,9 km. Besondere Aufmerksamkeit ziehen die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch archäologische Forschungen entdeckten Figurationen auf sich. Deutlich kleinräumiger als die Lineaturen, sind neben erkennbaren Figuren, wie Kolibri, Pelikan, Affe, Hund, Spinne oder Eidechse rätselhafte menschliche Wesen zu sehen. Heute durch Drohnen-Technik leicht sichtbar gemacht, stellt sich die Frage, wie die Menschen vor 2000 Jahren dies realisieren konnten.

Offenbar sind sie mit einer rituellen Eingebung für etwas Größeres geschaffen worden. Vieles spricht dafür, dass die Geoglyphen von der einheimischen Bevölkerung angelegt wurden, da in den Geoglyphen-Strukturen Keramikreste gefunden worden sind, wie man sie in den grobwandigen, bemalten Vorratsgefäßen wiederfindet.

Ihre fundamental humanistische Anmutung spürt man in der Ausstellung vor jedem Ausstellungsobjekt. Geheimnisvolle, polyfunktionale, mit mythischen Symbolen bemalte Figurengefäße sowie kunstvoll gewebte Teppiche und Umhänge geben einen wundersam vielfältigen Eindruck von der Nasca-Kultur im Zeichen göttlicher Selbstverständlichkeit.

Die wertvollen Textilien können nur deshalb heute noch so farbenfrisch leuchten, weil sie über zwei Jahrtausende in der absolut trockenen Wüste, in der es nie regnete, natürlich konserviert worden sind. Es erscheint deshalb wie ein magischer Glücksfall von Klima und Forschergeist, dass sie vor dem Klimawandel – jetzt regnet es auch in der Nasca-Wüsten-region hin und wieder! – entdeckt wurden.

Mit den von Drohnen aufgenommen Projektionen werden die Geoglyphen sichtbar, wie sie vielleicht ein Nasca-Priester vor seinem inneren Auge gesehen hat. Die Ausstellung hält noch bis 16.September 2018 ein vielfältiges Angebot bereit, mit der Nasca-Kultur Spuren zum eigenen Selbst abzuleiten: Sehen und wahrnehmen sowie im meditativen Ablaufen der Geoglyphen verstehen.

24.08.2018
photo streaming Nasca

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Über Peter E. Rytz Review

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