Diamantene Fiktionen

Diamante © Peter E. Rytz 2018

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord, von Anbeginn der Ruhrtriennale einer ihrer außergewöhnlichen Spielorte, scheint auf den ersten Blick nichts mit der Exotik von Diamante im Misiones-Dschungel Argentiniens zu verbinden. Diamante, eine geschlossene Stadt, vor 100 Jahren vom deutschen Industriellen Emil Hügel für die Angestellten und Arbeiter seiner multinationalen Öl- und Bergbaugesellschaft Goodwind gebaut, musste sich in den folgenden Jahren der global ökonomischen Entwicklung anpassen.

Wie das Ruhrgebiet sich der postindustriellen Realität in einem Transformationsprozess von einer montan bestimmten zu einer Kulturregion zu stellen hat, blättert in Diamante der einst anthroposophisch inspirierte Anstrich. Exotisch wie sozial liberal verklärte Gewissheiten gelten nicht mehr.

In der Kraftzentrale erzählt Mariano Pensotti in Kooperation mit dem Noorderzon Performing Arts Festival/Grand Theatre Groningen in einer Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit Geschichten, wie die sozial-romantische Utopie Diamante in ein präapokalyptisch anmutendes Desaster umschlägt. Der Druck ökonomischer Veränderungen führt zu Angst und Verunsicherung, die sowohl Gewalt als auch neue Abhängigkeiten von Heil versprechenden, mystische Erlösungssehnsüchte weckenden Sekten schaffen.

Zehn Hausräume mit jeweils einem wandgroßen Fenster sowie ein parkendes Auto hat Mariana Tirantte in der Kraftzentrale aufgebaut. Auf dem sogenannten Marktplatz steht eine Büste auf einem Sockel: Emil Hügel, Gründer. Zusammen simulieren sie einen begehbaren, prototypischen Ort in Privatbesitz, in der Art einer Gated Community. Bühne und Parcours sind gemeinsam für 26 Schauspielerinnen und Schauspieler und 120 Zuschauenden auf einer Ebene eingerichtet. Pensottis Diamante verweist allerdings über den konkreten Ort hinaus auf einen größeren Zusammenhang: Die Geschichte einer Free Private City, wie es immer Untertitel heißt.

Pensottis Szenario Private Free City beschreibt mit beängstigender Unmittelbarkeit ein sozial-gesellschaftliches Phänomen, wo die Nutzung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen immer stärker in die Abhängigkeit von Konzern-Strategien geraten. Willkommen in der schönen neuen Welt, wo sozial humanistische Utopien immer weniger Chancen haben.

Ein bitterböses Spiel in drei Kapiteln beginnt, in denen jeweils in jedem Haus – im ersten Kapitel auch im parkenden Auto – acht Minuten wiederholend eine Geschichte erzählt wird. Die Zuschauer entscheiden, wie in einer Telenovela selbst über die Reihenfolge des Geschichtenhörens. Von Alejandro Le Roux magisch beleuchtet, signalisieren elektronisch verstärkte Soundmotive Diego Vainers die einminütige Pause, um zu einer nächsten Geschichte zu wechseln.

Gespräche, Monologe, Selbstgespräche sowie die Raumgeräusche werden über Lautsprecher vor dem Haus hörbar. Gleichzeitig übersetzen Leuchtbänder über den Fenstern die teilweise spanisch gesprochene wörtliche Rede und/oder blenden Narrative ein, die metaphorische Geschichten parallel erzählen. Sie bilden Reflexions- und Assoziationsbrücken zu den Hausgeschichten, die sich ihrerseits mit den Personen in den einzelnen Häusern zu Facetten der Geschichte von Diamante verweben.

Nach dem ersten Kapitel und elf Geschichten ergibt sich dadurch, dass die einzelnen Personen zwischen ihrem Haus und anderen Häusern die Erzählebenen miteinander verbinden, eine Ahnung von einer größeren, als nur einer singulären Haus-Familien-Geschichte. Pensotti und Grupo Marea entwickeln die symbolische Choreografie eines Passage-Lebens. Sie funktioniert wie ein epischer Theaterfilm. Eingeblendete Texte des Security-Home-Office mit Überwachungsscreens – Beobachtung verändert auch den Beobachter – oder wie im trostlos funktionierenden Haus eines Gewerkschafters – Geschlossene Gesellschaften haben immer ein Leck – wird das Leben als Projekt inszeniert.

Ein Versuch, der nur scheitern kann, wie die abstruse Selbstinszenierung einer Corporate Design einübenden Gruppe von potentiellen Führungspersönlichkeiten,  in der sich Abbild und Selbstbild zu einer Allegorie von Täuschung und Selbsttäuschung generieren: Alles Schöne endet in Gewalt. Unterstrichen mit der ersten Zeile aus Rilkes Buch der Lieder –  Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los –, wird es beispielhaft für Pensottis Diamante-Bild-Text-Collage.

Eigene Texte, Assoziationen und philosophisch intendierte Implikationen – Was man in der Realität nicht erreichen kann, erreicht man mit Träumen (Engels) – schaffen eine Maskerade von Realität und Fiktion. Das Abenteuer, Leben als Projekt von Träumen und Illusionen, immer auf der Suche nach einem Algorithmus des Glücks, wird  – die Welt als einen wunderbaren Ort mit allen Möglichkeiten zu entdecken – nicht gelingen.  Denn, der Realismus ist ein Konstrukt, das ständig erneuert werden muss, lässt Pensotti wissen und antizipiert verschiedene Möglichkeiten, die Realität zu betrachten: Ist das Leben, aus der Vogelperspektive betrachtet, nicht banal?

Selbst wenn es nichts Epischeres als den Alltag gibt,  man das rosarote Kapitalismus-Schwein verbal noch so traktiert, bleibt die Frage: Enttäuschen wir die Welt oder enttäuscht die Welt uns? Krieg oder Revolution sind keine alternative Erlösungsformel mehr, sondern ein Albtraum von enttäuschten, ehemals stolzen Angestellten und Arbeitern sowie einer getäuschten Lost Generation bar jeder Zukunftshoffnung.

Diamante für alle, wie am Ende des zweiten Kapitels noch ein Hoffnungsschimmer verheißt, wird von der sich aus dem Security-Service selbst organisierten, paramilitärischen Organisation Die Söhne von Diamante mit dem Hurra-Patriotismus Geld ist vergänglich, Freundschaft für immer ausgelöscht. Die erzählten Geschichten werden am Ende als Fiktionen bilanziert: Fiktionen überdauern die Kindheit. Einige Fiktionen überdauern andere. Fiktionen überdauern das Leben. Fiktionen überdauern Städte. Fiktionen überdauern Ideologien. Fiktionen überdauern Körper.

Diamante wird von Marketingexperten als Themenpark neu erfunden. Einige Bewohner erhalten die Chance, darin sich selbst zu spielen. Welcome to the future, heißt die leerformelhafte Parole einer scheinheiligen Selbstlegitimation: Manchmal muss man Täter sein, um nicht Opfer zu werden. Die Schauspieler treten nach einer aktionistisch hochtourigen Tour d’Horizon aus den Szenen heraus und stellen anstelle der von ihnen gespielten Typen ihre Doppelgänger als Foto-Pappkameraden lapidar ins Haus: Do you want to write your name into the desert.

Pensottis narrativer Bilderbogen als Fiktion von Fiktionen erweist sich nach sechs Stunden am Ende als eine Realität, die uns schon näher ist, als wir häufig meinen. Glück und Melancholie mag jeder als seine eigene Hieroglyphe entziffern. Die Erfahrung sagt mit den Worten Pensottis: Man kann alle Blumen abschneiden, aber den Frühling nicht verhindern.

28.08.2018
photo streaming Diamante

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.