Looking behind the Appearance

© Peter E. Rytz 2018

Das Leben wirft ständig neue Fragen auf. Jeff Wall unternimmt mit Appearance fotografische Versuche, darauf bildreich zu antworten. Was aussieht, wie beiläufig fotografiert, ist das Ergebnis langer Studien. In der Kunsthalle Mannheim gibt es noch bis zum 9.September 2018 die Möglichkeit, sich anhand von 30 Werken Jeff Walls – Leuchtkästen, Schwarz-Weiß-Fotografien, farbige Inkjet-Prints – anzusehen, wie die Wirklichkeit als Erscheinung (Appearance) auf sehr unterschiedliche Weise wahrgenommen werden kann, wenn man genauer hinschaut.

Wir sind uns selbst ein Rätsel und wir können das in der Kunst erfahren, gibt sich Jeff Wall selbstbewusst überzeugt. Mehrdeutig zwischen Wirklichkeit und Fiktion changierend, verunsichern vor allem die Leuchtkästen, die ihn in den 1970er Jahren berühmt gemacht haben und ihm seitdem einen Platz in der Kunstgeschichte sichern, mit ihrer Hyperrealität. Sie legen Zeugnis von den unendlich andauernden Versuchen ab, die alltägliche Realität durch künstlerische Darstellungen in einem manifesten Bild zu fassen.

Insofern jeder dieser Versuche letztlich eine Art von Re-Inszenierung ist, fordern sie einen adäquaten Perspektivenwechsel des Betrachters, um sich selbst als Teilnehmer in einer irgendwie merkwürdig bekannten, aber gleichzeitig verstörenden Realität zu identifizieren.

Search of Premises, eine Arbeit von 2009, in der Spurensuche und Beweisaufnahme wie an einem Tatort dargestellt wird, bildet deshalb nicht von ungefähr eine konzeptionelle Appearance-Grundresonanz. Gleichzeitig schlägt sie mit Picture of Woman eine Brücke über 40 Jahre in Walls Œuvre. Bilder von Walls ungeschminkter Selbstdarstellung, die im Untertitel der Ausstellung – Hingabe statt Aufgabe – mit programmatischem Aplomb das Unbedingte, das Wahrhaftige künstlerischer Anstrengung beinahe asketisch überanstrengt ausdrückt.

Jeff Wall und seine Leuchtkästen, die die fotografische Zweidimensionalität als eine räumliche Wahrnehmung suggerieren, wurden inzwischen zum Synonym für eine latente Verunsicherung von dem, was man sieht und dem, was man glaubt zu sehen. Rätselhaft, unscharf, mitunter beängstigend in ihren Bild-Narrativen assoziieren die Arbeiten wie in Passerby von 1996 die Imagination von Michelangelo Antonionis Film Blow up 30 Jahre zuvor.

In The Storyteller, einem der berühmtesten Bilder Walls von 1986 leuchtet mit dem Rot des Hemdes abseits einer Gruppe indianischer Ureinwohner an einem Unort der Moderne, einem Abhang neben einer Autobahnbrücke, die Malerei der Romantik auf: Edouard Manets Gemälde Le Déjeuner sur l´herbe (1863).

Anders als es der Titel verspricht, sieht sich Wall selbst allerdings nicht als ein Geschichtenerzähler. Auch wenn er, wie er in einem Zeitungsinterview jüngst betont, sich seinem Selbstverständnis nach als Fotokünstler versteht, – Bilder können erzählend, aber auch anti-narrative sein. Sie, die Betrachter sind die Geschichtenerzähler. Wir liefern ihnen das Futter. ist in seinen Werken ausschnitthaft die Welt in Gänze enthalten. Sie erzählen Welt-Geschichten.

Erzählperspektive und Reflexion der Kunstgeschichte wie beispielsweise in Odradek, Taboritska 8, Prague, 18 July 1994, die in Sujet und Darstellung an Ema (Akt auf einer Treppe) von Gerhard Richter von 1966 erinnert, sind Beispiele dafür, die man sie als Walls reflektierte Stellungnahmen sowie gleichermaßen als eigene Zuschreibung im Kontext der Kunstgeschichte verstehen kann. Er hat wiederentdeckt, was es heißt, ein bilderproduzierender Künstler zu sein, der sich in seiner Zeit vorwärts bewegt, mit dem Blick auf die alte Bildkunst, die niemals alt wird, wie es der amerikanische Kritiker Blake Gopnik beschreibt.

Wer nach der Wahrheit hinter den alltäglichen Bilderfluten und den Dingwelt-Trivialitäten sucht, findet bei Wall jede Menge Hinweise auf ethische und ästhetische Gesetze der Kunst als Widerspieglung von Realitäten. Sie als Erscheinungen zu entschlüsseln, muss jedem Betrachter selbst überlassen bleiben: Looking behind the Appearance.

02.09.2018
photo streaming Jeff Wall

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Über Peter E. Rytz Review

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