Wie Helgath eine Bach-Kagel-Motette baut

 

© Christian Palm/Ruhrtriennale 2018

In der Industriearchitektur der ehemaligen Kokerei Zollverein Essen, getaucht in ein rötlich gefärbtes, spätsommerliches Abendlicht, öffnet Florian Helgath mit dem ChorWerk Ruhr im Rahmen der Ruhrtriennale im Salzlager das Chorbuch von Mauricio Kagel. Ein Ort, der mit seinem industriellen Charme idealerweise zu Kagels Musik passt. Außerdem ein Raum, der für Chormusik eine nahezu ideale Akustik besitzt und trotz seiner Größe eine schöne und intime Atmosphäre bietet, ist Helgath überzeugt.

Das Salzlager selbst bezeugt den Transfer von industrieller Produktion zu einem Kulturraum, wie Kagel für die Erneuerung in der Musik steht. Zusammen mit Choralmusik von Johann Sebastian Bach und Kagels nicht-linearen Transpositionen dieser Choräle bildet das von Helgath zusammengestellte Konzertprogramm eine Brücke über Zeiten und Räume.

Kagel, einer der Avantgardisten der neuen Musik, der abseits dieses modernen Mainstreams immer seinen eigenen Weg gesucht hat, setzt sich in seinen Kompositionen bewusst mit der Musiktradition auseinander. Wie in ihnen dadaistischer Überschuss und Lust am surrealen Fabulieren deutlich hörbar und sehbar wird, überwältigt mit sinnlicher Fülle im Konzert.

Dass dem Komponisten zugeschriebene Zitat – Nur Menschen mit Humor können unerbittlich ernst sein – wird mit dem Chorbuch zu einem lustvollen Dialog zwischen Bach und Kagel. Er sprüht voller Vergnügen an der Musik. Die durch Jahrhunderte getrennten, genialen Antipoden führt Florian Helgath als kongeniale Protagonisten der Musik zusammen. Bachs Partitur fungiert für ihn als eine Leinwand, auf die Kagel seine Transpositionen schreibt. Es ist, wie sich von Anbeginn zeigt, der gelungene Versuch Helgaths, eine neue Bach-Kagel-Motette zu bauen und mit ihr die 4. Wand des Theaters abzubauen.

Im Gegensatz zu dem Hinweis aus der vergangenen Raumnutzung an der Wand – Lagerfläche für Ersatzteile der Ofenmaschine – singt das ChorWerk Ruhr, unterstützt von den veritabel musizierenden Björn Colell mit der Theorbe, Günter Holzhausen mit einer an einen Bass erinnernden Violone und Christoph Lehmann an der Orgel, mit ingeniöser Präzision und perfektem Sprechduktus Bachs Chorkantaten und Choräle. An keiner Stelle kommt der Wunsch nach Korrektur oder Ersatz der Stimmen. Ein perfekt ausbalancierter, hoch professionell agierender Chorgesang, der gleichzeitig harmonisch beseelt, nie artifiziell klingt.

Mit dem Auftakt-Choral Singet dem Herrn ein neues Lied gibt Helgath die Perspektive vor, die Kagels neue Musik vorab schon eingemeindet. Arios gestimmt, doppelchörig arrangiert, strahlt der Chor mit traumwandlerischer Leichtigkeit. Niemand sollte sich aber gleichzeitig davor fürchten, dass mit Kagel Bach unterginge. Die vor der Pause abschließende Motette Fürchte Dich nicht, ich bin bei Dir, kunstvoll von einem Trio verziert, ist von dieser unendlichen Zuversicht getragen.

Kagel hat seine Kompositionen nicht nur mit surrealer Verspieltheit vieldeutig bezeichnet – Verstümmelte Nachrichten, Entführung im Konzertsaal oder In der Matratzengruft -, sondern sie auch zahlenmystisch konnotiert. Von 371 überlieferten Bach-Chorälen hat Kagel 53 für sein Chorbuch transponiert. Die Anzahl der Bach-Choräle geteilt durch die von Kagel, ergibt 7. Soviel Tage wie eine Woche hat. Und?, mag man sich fragen – und verirrt sich möglicherweise in einer vergrübelten Suche nach Sinnhaftigkeit, die nicht unbedingt von Kagel beabsichtigt sein muss. Wie auch seine Vorgabe, dass von seinen 53 Chorälen nur 12 in subjektiver Auswahl des Dirigenten in einem Konzert ausgeführt werden sollten, Schalk und hintergründigem Witz geschuldet ist.

Dass den Partituren, versehen mit an Anmerkungen wie flüstern, rauchartig, so tief, so hoch, wie möglich, mit entstellter Stimme zu singen, mit ambitionierter, theatralisch sichtbarer Interpretation ein humorvoller Klangzauber inne ist, zeigt das ChorWerk mit seinem dargebotenen Chorbuch. Während das Klavier von Christoph Schnackertz und das Harmonium von Christoph Lehmann Bachchoräle in Kagels Diktion zitieren, formt ChorWerk Ruhr chorisch und solistisch einen gesanglichen Subtext. Sie modulieren singend, sprechend, pfeifend Kagels Choralbearbeitungen mit sichtbarem Spaß. Wenn sie mitunter ihre Stimmen mit einer Megaphon-Flüstertüte verfremden, kieksend überbetont Harmonien konterkarieren oder in Barock-Tradition einem modifizierten recitar-cantando-Prinzip folgen, sind sie, wie man an Helgaths zufrieden lächelndem Kopfnicken ablesen kann, ganz bei Kagels ernsthaftem Humor.

Die von einem begeisterten Publikum geforderte Zugabe gibt jenseits von Bach/Kagel mit der ersten Zeile Laß dich nur nichts nicht dauren mit Trauren aus Geistliches Lied von Johannes Brahms einen Hinweis auf Helgaths musikalisches Credo. Sie gibt außerdem dem Publikum noch einmal Gelegenheit, die vollkommene Kunst des Chorgesangs von ChorWerk Ruhr zu genießen.

22.09.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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