Mascarade du Minotaure de Picasso

 

Le Picador, 18 juin 1952 © Succession Picasso/2018; Pro Litteris, Zürich, Photo: Julien Gremaud

Wer in diesen Tagen am Genfer See der Kunst folgt, wird unweigerlich auf Pablo Picasso stoßen. Und das gleich in einem voneinander unabhängigen, französisch-schweizerischen Doppelpack im Umkreis von wenigen Kilometern.

Das Musée Jenisch Vevey hebt den Vorhang (Lever de rideau) und gewährt noch bis 7. Oktober 2018 einen Blick in Picassos grafisches Kabinett: L‘Arène, L‘Atelier, L’Alcôve. Das Palais Lumière Evian auf der französischen Seeseite lädt in Kooperation mit dem National Museum, Paris ein, mit Picasso dem Minotaurus-Mythos zu folgen (ebenfalls noch bis 7. Oktober 2018).

In Evian kann man erhellend Picassos verschlungenen Inspirationswegen folgen. Die Fotografie, die Edward Quinn 1959 von ihm mit einem Stierkopf aus Weidengeflecht gemacht hat, wird zum Anlass, sein Leben Ende der 1920er Jahre im Minotaurus-Kontext künstlerisch zu reflektieren. Wie häufig, geht es bei Picasso immer uns Ganze. Zwischen realer Wirklichkeit und surrealer Assoziation frei schwebend liegen das Heilige und das Profane, Eros und Thanatos dicht beieinander.

Im bewusst kalkulierten Unterschied zu der altgriechischen Erzählung, wo Theseus den Minotaurus besiegt, rückt Picasso die inspirative Kraft und Komplexität des Mythos ins Zentrum. Er versteht sich selbst als Verkörperung dieser Kraft für seinen künstlerischen Ausdruck.

Ob grundsätzlich, wie in der Kohlezeichnung Minotaur and nude (1933), oder konkret in der kolorierten Zeichnung mit Graphitstift Dora and the Minotaur (1936) kodiert er sieben Frauen als seine Musen: Picasso-Minotaur and the seven woman of the Labyrinth. Beeinflusst von archäologischen Grabungen anfangs des 20. Jahrhunderts und den dabei zutage tretenden Reflexionen über die westeuropäische Zivilisation, wie sie auch von zeitgenössischen Dramatikern reflektiert wird, findet Picasso im Minotaurus-Motiv mit seinen Masken und Rollenspielen einen Weg, sich über sich selbst als Künstler zu verständigen. In der Vollard Suite gibt Picasso Auskunft, wo er steht und wohin er will.

Die Ausstellung Lever de rideau im Musée Jenisch Vevey, zusammengestellt aus renommierten Sammlungen und privaten Leihgaben – La Fondation Werner Coninx  und La Fondation Jean et Suzanne Planque -, mutet wie eine kommentierte Fortsetzung der Ausstellung im Palais Lumière Evian an. Sie öffnet einen Blick in Picassos erotisch aufgeladene, biografisch konnotierte Saltimbanque-Werkstatt.

Aus der Reihe der Saltimbanques, der Gaukler und Zirkusartisten, die ihn seit 1905 bis in die letzten Jahre beschäftigt haben, zeigt das Musée Jenisch Vevey vor allem Radierungen. In ihnen spiegelt sich seine Neigung, erotische Darstellungen in Verbindung mit mythologischen Erzählungen und dem Flair der Zirkuswelt in ihrer lebensprallen Fülle grafisch zu reflektieren.

Zirzensisch inspirierte Darstellungen sowie ballettartige Studien von Stieren, Pferden und Stierkämpfern, von im Liebesakt verschlungenen Körpern, rückt Lever de Rideau mit exzellenten Drucken aus mehr als 60 Jahren in den Vordergrund. Vielfältig, technisch virtuos, entfaltet die Ausstellung Themen, die Picasso lebenslang begleiteten und ihn künstlerisch in den einzelnen Lebensphasen immer wieder neu inspirierten.

Die  Arena, ein Ort der Clowns, Akrobaten, Seiltänzer sowie der Stierkämpfer findet in Picasso nicht nur einen faszinierten und leidenschaftlichen Bewunderer. Sie lässt ihn thematisch als Künstler nie in Ruhe. Wie die Toreros Auge in Auge mit dem Stier kämpfen, scheinen sich auch im Atelier Picassos in dessen Gravuren diese Augen in seinen eigenen zu spiegeln. Zwischen Todesspiel und Kunst gibt es für den Künstler Picasso für Momente keinen Unterschied mehr.

Ähnliche Themen in unterschiedliche Formen, ob in Aquatinta Le Piccador blessé, 1952 oder als Lithografie Les Banderilles, 1949 ausgeführt, ziehen den Vorhang metaphorisch auf und lassen den Betrachter über Picassos Schultern mit seinen Augen ins Atelier schauen. Er sieht La Pose nue, 1954 und dahinter wird Picassos ganze  Kunst der Malerei wie in einer Folie sichtbar.

Lever de Rideau öffnet dem Besucher neben der wertschätzenden Wahrnehmung von Radierungen, Zeichnungen, Buchillustrationen und künstlerischen Manifesten einen Blickwinkel, in dem sich in ihnen formale Erfahrungen mit einer mitunter überraschenden Kühnheit der Darstellung zeigen, die Picassos malerisches und skulpturales Œuvre insgesamt auszeichnen.

Im Katalogbeitrag L’ultime combat du Minotaure resümieren Herma C. Goeppert-Frank und Sebastian Goeppert mit ironischem Unterton Picassos identifikatorische Reflexionen im Kontext des Minotaurus-Mythos: Un alter ego rêvé, oscillant entre l’affirmation d’une vitalité plein d’une énergie juvénile,….. d’un abandon de soi-même dans la lutte á la vie á la mort jusqu’à l’impuissance de l’homme vieillissant, auquel le masque du Minotaure finira par mettre les cornes du cocu.

(dt.: Ein geträumtes Alter Ego, oszillierend zwischen der Bestätigung einer Vitalität voller jugendlicher Energie,…. einer Selbstaufgabe im Kampf um Leben und Tod bis zur Ohnmacht eines alternden Mannes, der sich die Maske des Minotaurus wie die Hörner des Hahnreis aufsetzt).

22.09.2018

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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