Begeisternder Aufbruch in eine Zwischenzeit

 

© Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

Zwei Wochen lang haben die jungen Instrumentalisten des Orchesters der Cuban-European Youth Academy mit seinem Initiator und Inspirator, dem Dirigenten Thomas Hengelbrock, ein ambitioniertes Konzertprogramm erarbeitet. Aufbruch zu neuen Ufern zeitgenössischer Musik in der Grand Hall Zollverein, Essen mit Aufführungen von Perle von José Victor Gavilondo Peón, Camerata en Guaguancó von Guido López Gavilán und Cuban Dance Suite von Jenny Peña sowie der Uraufführung von Maria, eines Oratoriums von Jan Müller-Wieland zum Abschluss des 1. Jahreszyklus der Ruhrtriennale 2018 unter der Intendanz von Stefanie Carp ist ein Zukunftsversprechen für 2019 und 2020.

Das Orchester der Cuban-European Youth Academy ist ein Beispiel für interkulturelle Jugendförderung und transatlantische Kooperation sowie für Nachhaltigkeit und Kontinuität in der Ausbildung für eine lebendige klassische Musikpraxis. Ihr Ruhrtriennale-Auftritt unterstreicht den programmatischen Anspruch Zwischenzeit der Intendantin Carp als Chance, die sozialen und kulturellen Veränderungen in einer globalisierten Welt mitzugestalten.

Kurzfristig hat Hengelbrock das Programm geändert. Das Konzert beginnt absichtsvoll mit der Ouvertüre Coriolan, op.62 von Ludwig van Beethoven. Die Figur des römischen Feldherrn Coriolan, eines Getriebenen, eines Gekränkten, der sich mit den Feinden Roms verbündet, charakterisiert Beethoven mit eine radikal ausdrucksstarken Musik in der düsteren Tonart c-Moll. Herrische Gesten, lange Streicherakkorde, auffahrende Orchestertutti, aber auch ruhiges Fließen geben einen ersten Eindruck von der Gestaltungskraft des Orchesters.

Die Coriolan-Ouvertüre fällt am Ende in sich zusammen und zerfließt. Aber Hengelbrock lässt keinen Moment des Durchatmens. Mit fließendem Übergang beginnt die oratorische Komposition Maria von Müller-Wieland. In freien Assoziationen nach dem Matthäus-Evangelium und verschiedenen Anleihen aus der Literatur, des Films, der Musik, der Philosophie erzählt Müller-Wieland eine Geschichte von Unterdrückung, Vertreibung, Macht und Erlösung.

Maria im Supermarkt an der Kasse – Johanna Wokalek spielt sie mit variabler Sprache und Gestik als eine von unheimlichen Mächten Getriebene zwischen Angst, Trauer, Hoffnungslosigkeit und Mut – will Feierabend machen. Ein Unbekannter hält sie auf und verkündigt ihr, dass sie schwanger sei. Peter Simonischek leiht dieser geisterhaften Figur, dem Erzengel Gabriel, seine unverwechselbare, charaktervoll tönende Stimme.

Die Erzählungen bettet Müller-Wieland in klangmalerisch kommentierenden Dialoge zwischen dem Orchester, dem ausdrucksstark differenzierenden Balthasar-Neumann-Chor sowie solistisch den drei Königen sowie dem Bariton André Morsch als Herodes mit viel Gefühl für Sprache und Musikalität ein.

Assoziationsreich spielt Maria ihre Heimsuchung: Gott ist tot. Alles totes Meer, Josef stirbt. Ihre Frage – Wozu Liebe, Josef? – unterstreicht das Orchester mit apokalyptisch anmutender Donnerlautstärke. Gabriels Forderung – Du musst Dich fügen! –  will sie zunächst nicht akzeptieren. Der Chor echot, sie dunkel mahnend, das Orchester kommentiert mit melancholisch tragischem Melos und veranlasst Maria nachdenklich einzusehen: Wir sollen uns fügen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Als das Kind unter Schmerzen geboren ist, glaubt sich Herodes erst noch stark in seiner Macht: In meinem Reich sind die Grenzen sicher. Will aber sicher sein, dass sich mit dem Kind nicht  doch der angekündigte Erlöser in sein Reich eingeschmuggelt hat. Wo ist das Kind? entflammt mit dämonischer Attitüde ein orchestrales Feuer.

Trotz Gabriels Zuversicht – Es ist vollendet. Jeder wird erlöst – will Maria fliehen: Hier können wir nicht bleiben. Sie wiegt ihr Kind in den Armen, Du und ich: Schlaf Kindlein, schlaf. Hengelbrock dirigiert zunehmend mit sichtbarer Freude über die Geschmeidigkeit des Orchesters zwischen Tutti und Soli. Die Harfe eröffnet ein temperiertes Finale, in dem sie Gabriels Aufforderung an Maria, sich durch das Tote Meer schwimmend zu retten – Maria! Schwimm! – eindringlich markiert.

Ihre Resignation – Ich kann nicht schwimmen – wischt er lautstark weg: Doch! Während Orchester und Chor zwischen Piano und Forte changieren, ruft Maria, von Selbstzweifel befreit und erlöst, begeistert aus: Ich schwimm‘! Im Gegensatz zum Finale der Coriolan-Ouvertüre schließt das Orchester mit hoffnungsvollem Molto vivace.

Wer – wen – wann – wie mit Blick auf die weltweiten Flüchtlingsbewegungen erlösen wird, darauf gibt Maria von Müller-Wieland keine Antwort. Sein Oratorium ist vielmehr eine Mahnung an uns, sich der Realität nicht zu verschließen, sondern mit wacher Aufmerksamkeit daran zu denken, dass sich die Geschichte zwar nicht widerholt, sie uns aber eine immer wieder neu zu lernende Lektion erteilt.

Nach der schweren, sinfonischen Kost lässt Hengelbrock dem jugendlich frisch musizierenden Cuban-European Orchestra die Zügel locker. Mit afrokubanischem, südamerikanisch tropischen Temperament führt es die Grand Hall Zollverein in die Leichtigkeit des musikalisch angestimmten Seins.

Mit strahlender Trompetenfanfare eröffnet Peóns Konzertstück Perle, von Trillerpfeife und Einwürfen von Trommel und Holzbläsern im Marschrhythmus fortführend,  über ein tänzerisches Scherzo bis zum gravitätisch triumphalen, vom Xylophon eingeleitetem Finale.

Nach diesem melodiös schwungvollen Auftakt gibt Camerata en Guaguancó von Gavilán den Streichern in Gestalt einer Streicherserenade Gelegenheit, ihr Können sowohl als Ensemble zu zeigen als auch mit der eröffnenden Solo-Viola, weiterführend lust- und spielfreudig Pizzicato hauchend, melodisch zu fabulieren. Sie können nicht nur stilvoll musizieren. Sie können, wie eine Schlagwerkerin und der Viola-Solist des Orchesters in einer Zwischenmusik zeigen, auch tanzen. In Art einer Habanera, respektive einer afrokubanischen Rumba tanzen sie mit erotischer Verve um ein rotes Tuch. Solo-Violine, Solo-Cello, rhythmisch bestimmt durch Klanghölzer (Cajun, Crotales), unterstreichen Holzbläser mit Grandezza das Orchestertutti im Finale mit einem fröhlich lautem Bam-Ba-Ba.

Was Hengelbrock mit Cuban-European Youth Academy angestoßen hat, gibt Jenny Peña Campo erst zu Protokoll – Ich habe so viele neue Freunde gewonnen und nehme die Erinnerung an Menschen mit, die an mich geglaubt haben. Dieses Vertrauen hat mich wahnsinnig bestärkt, das hat mich glücklich gemacht – und zeigt dann mit ihrer Komposition Cuban Dance Suite in vier Tanzstücken ihr Gespür für einen melodisch variabel ausgreifenden Rhythmus.

Die Solo-Violine eröffnet mit Kantilenen-Drive wie ein Tropensturm. Gefolgt von tremolierendem Fagott und zartem Schlagwerk-Zirpen sowie weiterhin einem  Summen der Orchestermusiker, das sich mit haspelndem Ha-Ha-Sprechen und Händeklatschen spielfreudig überdreht, entwickelt sich der lyrische Kosmos eines Sonnenaufgangs. Im furiosen Finale Conga lässt Peña Campo mit rauschhaftem Frohsinn in einem strahlend stampfenden Vorwärtsgehen an Ottorino Respighis Via Appia denken.

Die spielen schon vor dem Frühstück, staunte Hengelbrock schon bei den Orchesterproben. Vielleicht noch mehr erstaunt ist er, als seine jungen Musiker in den nicht endenden wollenden Jubel in bester Buena Vista Social Club-Manier von der Bühne herabsteigen und musizierend durch die Halle ziehen.

25.09.2018

 

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Über Peter E. Rytz Review

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