Quelles perles peuvent dire

Tabakdose oder Gefäss, iselwa seyeza
Künstler der Mfengu (Xhosa)-Region, Südafrika (Ostkap), 1900–1950. Kalebasse, Faden gezwirnt, Glasperlen, Stoff, 15.5 x 8 x 8 cm.
© Museum Rietberg, Geschenk François und Claire Mottas.

Es gibt Ausstellungen, die beim Besucher besondere Erinnerungen wachrufen. Perlkunst aus Afrika – Die Sammlung Mottas, noch bis zum 21. Oktober im Museum Rietberg Zürich zu sehen, ist solch eine Ausstellung. Vor Jahren in Südafrika mit deutschen Non-Profit-Organisationen in Sache HIV/Aids unterwegs, abseits üblicher Touristenwege eine Begegnung mit der Kunst der Ndebele-Frauen im Alltag eines weltfernen Dorfes.

Dieses Leuchten der geometrisch dekorativen, grafischen Malerei mit erdenen und organischen Farben auf den Häusern der Ndebele-Kultur in Verbindung mit der von den Frauen hochentwickelten Perlkunst für rituelle Zwecke ist unvergessen. Es sind ausdrucksstarke Zeugnisse der schöpferischen Kraft von Frauen. Wo sie in vielen stammesgeschichtlich geprägten afrikanischen Gesellschaften häufig kaum ein eigenes Gesicht haben, werden sie mit den Perlarbeiten als künstlerisch tätige Individualitäten sichtbar.

Gala-Decken mit kompliziertem Perlbesatz (ngurara), perlenbesetzte Stoffbahnen (milingakobe) sowie Bein-, Arm- und Halsketten aus Perlen, damals unmittelbar im Alltag erlebt, verbindet sich mit Perlkunst aus Afrika im Museum Rietberg heute zu kulturellen und politischen Assoziationen in einer auch nach dem Ende der Apartheid zwiegespaltenen südafrikanischen Gesellschaft. Obwohl die Ausstellung vor allem Ästhetik und Bedeutung der Perlkunst vom 19. Jahrhundert bis heute in den Mittelpunkt stellt und damit auf künstlerische Aspekte fokussiert, schwingt die Lebenswirklichkeit immer mit.

Die Vielfalt der Perlarbeiten zwischen Tradition und moderner Innovation zeugt von der kreativen Anverwandlung kultureller Identitätsmuster. Dabei wurden orale Traditionen – ein wesentliches Merkmal vieler Kulturen Afrikas – in etwas Konkretes und Materielles wie Perlengewerbe übertragen, betont Michaela Oberhofer in einem den Design-Ansprüchen der Ausstellung layouteten Katalog mit ihrem Beitrag Die Ästhetik von Perlkunst aus Afrika und ihre Bedeutung.

Durch instruktive Ausstellungtexte, die einerseits ihren regionalen Afrika-Kontext – Die Botschaft von Farbe, Stilistische Vielfalt von Linie und Farbe, Die performative Kraft von Perlen, Perlen als Zeichen von Macht und Prestige – betonen und andererseits mit TransFORMation zwischen Tradition und Moderne auf globale Kontexte verweisen: Perlen auf Postkarten, Perlen im Modedesign.

Perlkunst-Objekte aus unterschiedlichen südafrikanischen Regionen wie Transvaal, Mpumalanga oder KwaZulu-Natal sowie solchen aus Grenzgebieten von Malawi, Mosambik oder Tansania vereint eine einzigartige Kunstfertigkeit. Geometrische Muster und Strukturen, die sich aus verschiedenfarbigen Perlen zusammensetzten, erinnern wie afrikanische Vorläufer der modernen Kunstgeschichte an Arbeiten der Konkreten Kunst eines Piet Mondrian, Josef Albers oder eines Victor Vasarely.

Es ist nicht die erste Wahrnehmung und Beobachtung bei Ausstellungen im Museum Rietberg, dass außereuropäische Kunst und Kunsthandwerk die eine oder andere wohlfeile, eurozentristische Behauptung als eine ideologische demaskiert.

Der Ausstellungsteil, der sich mit der Mehrdeutigkeit von Perlschmuck auf Bildpostkarten seit Ende des 19. Jahrhunderts befasst, dokumentiert den von europäischen Kolonisatoren entdeckten ökonomischen Mehrwert. Gleichzeitig stehen sie symbolisch für den Widerspruch von Markt und Identität.  Die dadurch wesentlich bestimmte, zumeist einseitige Rezeption und Vermarktung des Bildes des Fremden wird mit Fotografien, bezeichnet mit Zulu-Krieger oder Zulu-Schönheit, wesentlich bestimmt. Es handelt sich um Inszenierungen, die eine Wirklichkeit suggerieren, die es niemals gab. Klischees, die auch heute noch das Bild des exotisch Fremden mitbestimmen.

Nach Vorschlag des Sammlers François Motta sollte die Ausstellung ursprünglich Quand les perles parlent heißen. Von Motta mit dem Bekenntnis  begründet – Die Glasperlen haben uns angesprochen – ohne Wörter, aber durch ihre Ausstrahlung und magische Kraft -, haben die Ausstellungsmacher offenbar einer konjunktivisch erweiterten, freien Übersetzung  – Si les perles pouvaient parler – nicht vertraut.

Zuviel Poesie für eine Ausstellung, die sich als eine wissenschaftlich fundierte verstanden wissen will? Obwohl die deutsche Übersetzung – Wenn Perlen sprechen könnten – den Sammler-Intentionen durchaus näher käme, als die nüchterne Bezeichnung Perlkunst aus Afrika.

Gleichwohl beweist diese Ausstellung wieder einmal, wie im Museum Rietberg Zürich Thematik und Ausstellungsdidaktik zu subtilen Reflexionsangeboten zusammenfinden. Sie schlagen sie Brücken von außereuropäischen Kulturen in eine westeuropäische Gegenwart. Und mahnen damit auch gesellschaftliche Veränderungsbereitschaft an.

28.09.2018

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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