Henri Manguin – La volupté de la couleur

 

© Peter E. Rytz 2018

Einer der schönsten und interessantesten Orte in Lausanne ist zweifellos die Fondation de l’Hermitage. Oberhalb der Altstadt auf einem Hügel gelegen, umgeben von einem Park mit seltenen Gehölzen, breitet sich ein herrliches Panorama über die Kathedrale bis zum Lac Léman und zur Alpenkette auf der französischen Seeseite aus. Noch bevor Charles-Juste Bugnion das Grundstück 1841 kaufte und mit einem Herrenhaus bebaute, hat Camille Corot den faszinierenden Blick bereits 1821 in einem Gemälde festgehalten.

Seit 1976 im Besitz der Stadt Lausanne, beherbergt der Bau nach umfangreichen Restaurationsarbeiten die Fondation de l’Hermitage. Der Hinweis – Donation Familie Bugnion – bezeichnet eine Kontinuität von mäzenatischem Selbstbewusstsein und einer Verantwortung für die Kunst, wie sie in der Schweiz bis heute lebendig ist.

In den Räumen des ehemaligen repräsentativen Herrenhauses sind über alle Etagen bis unters Dach in einer großen Ausstellung Manguin. La volupté de la couleur in Kooperation mit  dem Musée des impressionnismes Giverny Malerei  und Grafiken sowie Zeichnungen und Aquarelle von Manguin (1874-1949) zu sehen.

Die Arbeiten scheinen wie gemacht für dieses Haus. Wenn man aus dem Fenster schaut, schweift der Blick durch den Garten. Man könnte bei der Betrachtung von Jeanne sur le bacon de la Villa Demière (1905) meinen, sie  hätte eben noch vor dem Fenster der Fondation gesessen. Ständig ist der Besucher geneigt, den Blick zwischen farbharmonischen Arbeiten wie Jeanne devant la nature morte (1901) und den Raumkonstruktionen wandern zu lassen. Gleichzeitig assoziieren sie Perspektiven von Raum und Linie, die Manguin in Arbeiten von Paul Cézanne und Henri Matisse bewundert hat.

Manguins opulenter Farbenpracht wohnt eine überquellende Sinnlichkeit und eben jene titelgebende, berauschende Wollust inne. Seine Arbeiten strahlen in einer scheinbar vollkommenen, harmonischen Signatur seiner Handschrift. Entsprechend bezeichnet ihn Guillaume Apollinaire als einen sinnlichen Maler.

Beeinflusst von der fauvistischen Malerei André Derains und Maurice de Vlamincks  sowie dem Stil der Nabis, kontrastiert er mit breiten Pinselstrichen großflächig Farbflächen von Licht und Schatten. Sie bestimmen den Bildaufbau seiner enigmatischen Portraits und Stillleben. Exemplarisch zu sehen in Figure sur la plage Jeanne et Claude Manguin (1902), ist das Gemälde weiterhin auch typisch dafür, dass ihm seine Frau Jeanne bevorzugt Modell für Portraits und Akte steht.

Während seine Akte von einer skulptural modellierten Körperlichkeit im Dialog mit einer bekleideten Figur expressionistisch bestimmt sind – Les Gravures (1905) oder La Coiffure (1904 – 1905), zitieren seine Stillleben – Nature morte aus faisans bleus (1909) – die Tradition holländischer Punkstillleben des 17. Jahrhunderts.

Seinen Werken merkt man unmittelbar an, wie sich in ihnen die Begeisterung des Künstlers für paradiesische Landschaften wie selbstverständlich erfüllt. Le Golfe de Saint-Tropez (1907) und Colombier, rivage (1917) können als Zeugnisse seiner künstlerisch produktivsten Zeit, seinem Traum von Arkadien gelten. Sie sind überwiegend aus privaten Sammlungen und namhaften Galerien sowie vereinzelt beispielsweise auch aus dem Kunsthaus Zürich und dem Centre Pompiduo Paris zusammengestellt.

Im sorgfältig  gedruckten Katalog, der insbesondere durch seine farbechten Reproduktionen mit Manguins Sinn für den Farbreichtum seiner Malerei korrespondiert, sind auch die Eigentümer der ausgestellten Werke aufgelistet. Bemerkenswert ist dabei, wie sich die Schweiz als des Künstlers temporärer Wohn- und Arbeitsort – Lausanne sous la neige (1916) oder Vue du lac Léman (1915) – künstlerisch niederschlägt und wie er dort auch eine wichtige Sammlungsheimat findet.

Die durch Félix Valloton vermittelte Freundschaft mit Arthur und Hedy Hahnloser in ihrer Winterthurer Villa Flora inspiriert Manguin nicht nur exemplarisch für seine Auseinandersetzung mit Raum und Landschaft – Flora (1915) – sowie mit dem Portrait – Les Enfants Hans et Lisa Hahnloser (1910). Das Ehepaar Hahnloser sammelt seine Arbeiten mit Begeisterung, wie er von den schweizerischen Landschaften – eines Landes, das bildhafter nicht sein könnte – begeistert ist.

Beau et doux pays, als schönes und süßes Land ist Manguin die Schweiz auch nach seiner Rückkehr nach Frankreich in Erinnerung geblieben. Wie sie bis heute als eine Liebeserklärung weiterlebt, kann man noch bis zum 28. Oktober 2018 in der Fondation de l’Hermitage, Lausanne entdecken.

02.10.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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