Sternzeichenkonzert-Kosmos

 

Mario Venzago © Susanne Diesner 2018

Warum heißt die Konzertreihe Sternzeichen in der Tonhalle Düsseldorf eigentlich so, fragte neulich jemand, der das Haus nicht kennt. Für den Düsseldorfer Ehrenhof entwarf der Architekt Wilhelm Kreis 1925 Veranstaltungs- und Ausstellungsgebäude, zu denen auch ein Planetarium gehörte. Während das Gebäude im 2. Weltkrieg, zwar stark beschädigt wurde, doch erhalten blieb, wurde die alte Tonhalle völlig zerstört. Die Düsseldorfer Symphoniker hatten keinen Konzertsaal mehr, doch ein Versprechen der Stadt, das ehemalige Planetarium zum Konzertsaal auf- und umzubauen. 1978 wurde die neue Tonhalle mit einer an das Planetarium erinnernden Kuppel eröffnet.

Das Sternzeichenkonzert im Oktober 2018 könnte musikalisch und architektonisch nicht passender den programmatischen Namen der Konzertreihe deutlich machen. Mit Die Planeten ziehen die Düsseldorfer Symphoniker auf ihrer orchestralen Umlaufbahn buchstäblich immer größere Aufmerksamkeitskreise.

Am Pult steht mit Mario Venzago ein in Düsseldorf gern gesehener Gastdirigent. Schon wenn er mit tänzerischer Leichtigkeit die Bühne betritt, strahlt er in Vorfreude auf das Planetenabenteuer. Mit einem Lächeln im Gesicht, über dem ein ihm eigener Schalk in den Augen blitzt, nimmt er das Publikum von vorn herein ein. Es ist, als streue er ein Füllhorn von Glückshormonen aus.

Neben der titelgebenden Suite für großes Orchester op. 32, Die Planeten von Gustav Holst, mit Photoptosis. Prélude für großes Orchester von Bernd Alois Zimmermann und dem Konzert für Klarinette, Viola und Orchester e-moll op. 88 von Max Bruch stehen auf den ersten Blick Konzerte auf dem Programm, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Holsts populäre, filmmusikalisch vielfach geplünderte Suite, ist, wie Venzago launig im Startalk vor Konzertbeginn formuliert, dargestellte Musik, die erste große Filmmusik ohne Film. Entgegen dieser narrativen Planeten-Oberfläche, wo das Orchester zeigen kann, was es kann, ist Photoptosis musikalisches Zimmermann-Material, das selbstreferentiell einen erklärenden Zugriff zu einem apokalyptisch anmutenden Inferno verweigert. Bruchs selten gespieltes Konzert für Klarinette, Viola und Orchester mutet mit seinem romantisch  biedermeierlichen Wohlklang, metaphorisch gesprochen, wie ein Bruch in der Konzertfolge an. Und doch gibt es zwei Momente, die die Werke verbinden.

Zum einen der Krieg als Zäsur mit radikal verschiedenen, gelebten Konsequenzen. Bei Zimmermann als selbstquälerisches Trauma, das ihn letztlich in den Selbstmord trieb. Das fast tragisch zu nennende Missverständnis und die damit verbundene Demütigung Bruchs bei der Uraufführung in Wilhelmshaven vor der Admiralität der deutschen Kriegsflotte. Dass Holst mit dem ersten Planeten Mars eine martialische Musik sondergleichen komponiert hat und diese als Vorlage für so manche symphonischen Schlacht-Filmmusiken bis zu John Williams Star-Wars-Soundtracks instrumentalisiert wurde, verbindet sie auf groteske, gleichwohl unfreiwillige Weise mit Zimmermann und Bruch.

Zum anderen stehen alle drei Kompositionen für ein gewisses Scheitern. Zimmermann hadert unentwegt mit seinen Kompositionen. Sie scheinen ihm nie wirklich zu genügen. Ständig auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wo die Klänge herkommen, wo Leben und Tod zusammenfinden, steht Photoptosis prototypisch.

Wie aus dem Nichts leitet das Prélude vom sogenannten Lebenston D schon nach wenigen Takten in den Todeston es über. Venzago navigiert die Düsseldorfer Symphoniker mit einem designierten Zähl-Gestus – die Harfenistin zählt konsequent mit wippendem Fuß mit – durch eine ambitionierte, Zimmermannsche Zitatengarten-Collage, die selbst dem vertrauten Konzerthörer bis zum Tutti-Crescendo rätselhaft bleibt. Ein Zusammenbruch ohne jede Hoffnung, so als würde die Welt im Chaos wie in einem Vulkan versinken.

Vor 50 Jahren uraufgeführt, bildet Photoptosis einen Mosaikstein des in diesem Jahr viel zitierten gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968. Venzagos Überzeugung, es lohne sich, bei Photoptosis konzentriert zuzuhören und die Ohren zu spitzen, erfährt durch ihn eine ganz unprätentiöse, aber wirkungsmächtige Perspektive, sich zu erinnern.

Nach Zimmermanns Hör-Anstrengung gibt Max Bruchs Konzert für Klarinette, Viola und Orchester Raum zum Durchatmen – und Gelegenheit, mit Nicole Schrumpf, Klarinette und Ralf Buchkremer, Viola Düsseldorfer Orchestermusiker als Solisten kennenzulernen. Gleichzeitig zeugt es Jahrzehnte nach seinem erfolgreichen und viel gespielten Violinkonzert g-Moll, op. 26, wenige Jahre vor seinem Tod  von den vergeblichen Versuchen, als Komponist daran anschließen zu können.

Dass Bruch lebenslang musikalisch ein Konservativer bleibt und gleichzeitig für eine großartige Kunst des Komponierens steht, davon gibt Venzago eine überzeugende Interpretation für dessen kleine Wunschwelt harmonischen Wohlklangs. Die Bratsche Buchkremers gibt der Klarinette von Schrumpf  eine Mitte, die sie solistisch ausdrucksstark besetzt.

Wer sich allein der Musik in dieser Bruch-Komposition hingibt und nicht die avantgardistischen Höheflüge seines Zeitgenossen Arnold Schönberg zum Maßstab nimmt, findet mit Venzago  – wir verlieren heute so viel an guter Musik, wenn wir beispielsweise Franz Liszt oder die Salonmusik vergessen –  auch in diesem Bruch-Konzert ein großes Vergnügen.

Holsts Suite zeugt von Glück und Tragik zugleich dafür, dass ein früher Erfolg die Messlatte so hoch setzt, dass sie danach eine nie mehr erreichte Höhe markiert. Bemerkenswert bleibt, dass Holst das Stück mit Celesta, Bassklarinette und Kontrabass-Fagott instrumentalisiert, die von der Avantgarde der neuen Musik erst später entdeckt wurden.

Venzago folgt Holsts Planetenbahn mit den Düsseldorfer Symphoniker mit großer Lust des Fabulierens. Den martialischen Mars kontrastiert er mit sanft verklärt schwebendem Adagio die Friedensbringerin Venus sowie mit dem Vivace des dahinflatternden Götterboten Merkur. Wo Jupiter – vielfach als Musikvorlage für Hollywood-Filme in Dienst genommen – mit fröhlicher Festlaune alle Sorgen beiseiteschiebt, scheinen Karl Mays Helden Winnetou und Old Shatterhand mit Saturn durch die Wüste reitend das Alter vergessen zu machen.

Uranus tritt mit einer Fanfare auf, die den Magier am Pult Venzago wie ein Selbstportrait gelingt. Geheimnisvoll unbestimmt irrlichtert abschließend Neptun, unterstützt von den Damen des Chors des Städtischen Musikvereins Düsseldorf, mit sphärischem Raunen in einem mystischen Andante.

Ultimativer Beifall des Publikums, herzliche Umarmungen auf der Bühne: Die Planeten – ein gemeinsames Geschenk en familie für alle.

08.10.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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