Mass – Ein Missverständnis

Henrik Wager (Celebrant), Ensemble © Constin Radu 2018

Jubiläen von  Komponisten, wie in diesem Jahr der 100. Geburtstag von Leonard Bernstein, lösen bei Opern- und Musiktheaterbühnen häufig eine Recherche nach einem besonderen Programm aus. Im Wettbewerb um das knappe Gut der Aufmerksamkeit gilt es, das ultimativ Andere im Werk des Jubilars zu finden. Das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen ist bei Bernstein mit Mass, einem Theaterstück für Sänger, Tänzer und Musiker fündig geworden. Stolz wirft man sich in Gelsenkirchen in die Brust, die einzige Bühne weltweit zu sein, die in diesem Jahr Mass im Programm hat.

Eine gigantische Kraftanstrengung. Mit 180 Personen schickt der Regisseur und Choreograf Richard Siegal das komplette MIR-Ensemble, Solisten, Chor, Ballett  sowie den Knabenchor der Chorakademie Dortmund, musikalisch begleitet von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der musikalische Leitung von Rasmus Baumann, auf die Bühne. Ein Gigantismus Hollywood like, an dem sich Siegal allerdings ebenso gigantisch verhebt.

So legendär die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte – 1971  zur Eröffnung des John F. Kennedy Centers for the Performing Arts in Washington uraufgeführt -, so bieder allfällig, gefüllt mit viel Heißluft des viel beschworenen amerikanischen Puritanismus, das Ergebnis. An dieser eklektizistischen Bernstein-Parabel-Messe kann man, so der Eindruck nach der Aufführung, eigentlich nur scheitern.

Bernstein mixt Texte nach der Liturgie der Römischen Messe sowie von Stephen Schwartz und ihm selbst zu einem schalen, auf Dauer ermüdenden Happening-Konvolut. Mit Mass will Bernstein hoch hinaus. Friedensbewegt von den damaligen Vietnamkriegs-Protesten, religiös bewegt von Reformbewegungen in der katholischen Kurie, will er auch politisch ambitioniert mit Mass seine Stimme erheben. Allein ein inszeniertes, performatives Happening gewinnt nicht durch Masse Klasse.

Über Bernsteins Werk Mass liegt wie ein Schatten sein Welterfolg West Side Story von 1957. Man spürt seinen Versuch, diesen Klang, diesen Sound, diesen Glamour wieder neu zu erfinden. Die Aufführung im MIR geht in die Falle eines amerikanischen Tribalismus mit religiöser Emphase. Die Aufführung schließt mit einem hoffärtigen Dona nobis pacem: Die Messe ist zu Ende. Geht in Frieden.

In der von Stefan Mayer spielfreudig und architektonisch eindrucksvollen, variabel gebauten Bühne, angesiedelt zwischen Lagerhalle und Kathedrale, entrollt Siegal die Geschichte einer religiösen Community im zaghaften bis massiven Aufbegehren gegen ihren Anführer, ihren Priester, ihren sogenannten Celebranten.

Das sich ambitioniert gebende, sich letztlich in seiner kleinbürgerlich sektiererischen Botschaft selbst im Wege stehende Libretto verbindet Bernstein zu einem musikalischen Mosaik von Oper, Musical, Gospel und Jazz, das weder spielerisch, sängerisch noch tänzerisch wirklich aufgeht.

Siegal lässt das Publikum an der Geschichte einer Sekte teilhaben, die sich neu erfindet. Mag man über manche blasphemische Andeutungen nicht mehr als nur die Stirn zu runzeln, so können massive Drohungen der Sektenmitglieder an den Priester – Wenn nichts passiert, greifen wir zur Gewalt – heute eigentlich nicht ohne inszenatorische Reflektionen konnotiert bleiben. Sie stehen aber beiläufig mit philosophisch hochmögenden Fragmenten – Wie leicht Dinge zerbrechen – im Musical-Nowhere-Flow unkommentiert nebeneinander.

Henrik Wager findet als Celebrant am Anfang einen Ton, der hoffnungsfroh stimmt, ein Bernsteinsches Gesamtkunstwerk zu erleben. Das erweist sich im weiteren leider als ein nicht eingelöstes Versprechen. Wagers Celebrant verliert sich im Hollywoodesken einer öden Event-Gesellschaft, wie auch die 150 Minuten der Aufführung immer zäher sich hinziehen.

Dass neben Mayers Bühne vor allem der Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund Jonas Finkemeyer mit einem innigen Lauda, Laude in Erinnerung bleibt, ist das Ergebnis eines gigantischen Mass-Missverständnisses. Vielleicht haben nicht von ungefähr andere Bühnen auf diese Bernstein-Show verzichtet.

Das Publikum ist davon völlig unbeeindruckt. Es feiert das MIR-Ensemble und sich selbst mit lautstarkem Jubel. Schließlich hat sich ein Großteil animieren lassen, Almighty Father mitzusingen. Ein Versuch, durch sogenannte interaktive Kommunikation, Opern- und Theateraufführungen attraktiver zu machen, der häufig nicht mehr als einen schalen Beigeschmack hinterlässt.

12.10.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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