Improvisationen zwischen Ritardando und Accelerando

 

© Peter E. Rytz 2018

Kaum mehr als 30 Besucher wollen im domicil Dortmund noch einmal Aki Takase und Alexander von Schlippenbach erleben. Zusammen bringen diese 150 Jahre Leben auf die Bühne, davon mehr als 25 gemeinsame Musiker-Jahre. Wobei man mit der Beschreibung noch einmal allerdings respektvoll umgehen muss.

Wenige Tage vorher hatte der WDR an ein denkwürdiges Konzert des damals 87jährigen Hank Johns bei JazzBaltica 2005 erinnert. Seine Vitalität, über das Radio unmittelbar spürbar, vermisst man an diesem Abend bei von Schlippenbach, während Takase mit fulminanter Energie dominiert.

Das waren noch Zeiten als in den 1960er Jahren Gerd Dudek und Manfred Schoof mit von Schlippenbach zusammenspielten. Oder uns Jasper Van’t Hof mit Pili Pili in ihren Bann schlugen, schwelgen zwei Konzertbesucher jenseits der 70 vor dem Konzert in Erinnerungen. Geburtsjahrgänge vor 1950, die Mehrheit dieser kleinen Konzertgemeinde an diesem Abend, können sich im Konzert bestätigt sehen. Nicht nur kraftvolle Improvisationen, relativiert mit den genannten Einschränkungen, auch Jazz überhaupt, so betont von Schlippenbach nachdrücklich, ist wesentliche Quelle für beider Musikverständnis.

Die auf dem Bühnenrand vor Konzertbeginn ausgelegten CDs – Iron Wedding – Piano Duetts, 2008; Twelve Tone Tales, 2013; Aki Takase Plays Fats Waller, 2004 – begutachten einige Besucher mit eifrigem, von Kennerschaft beseeltem Kopfnicken. Sie verstehen sie offenbar wie eine kleine Free-Jazz-Konzerteinführung.

Das einstündige Konzert eröffnet Aki Takase mit ihren typischen Tempi- und Betonungswechseln. Ihre zugespitzten Finger stechen mit Stiletto-Emphase auf die Tasten, dramatisieren ihre Improvisationen und lassen sie abrupt abbrechen. Ihrem Gesicht sind kaum Regungen anzusehen. Souveräne Konzentration nach innen entlädt einen fulminanter Energiestrom nach außen. Allerdings kann Spielhaltung der Künstlerin mitunter den Eindruck einer gewissen Nonchalance, manchmal sogar eines demonstrativen Gelangtweiltseins nicht gänzlich wegwischen.

Takases und von Schlippenbachs vierhändiges Spiel ist getragen von einem intimen Dialog, dem programmatisch klingenden Auftakt der Komposition Dialog. Takases Komposition Steinblock verweist auf animierte Assoziationen unendlicher Bemühungen, eine skulpturale Form aus einem Stein zu gewinnen. Maschinenartiges Hämmern und Klopfen schwirrt zwischen den Tasten hin und her.

Mit der Legato-Improvisation, einer Hörspielmusik von Bernd Alois Zimmermann erinnert sie im gemeinsamen Spiel an  von Schlippenbachs einstigen Kölner Lehrer. Es ist eine melancholisch durchwirkte Zimmermann-Hommage. Wenige traditionelle Harmonien, Rhythmen in Auflösung, Improvisation in einem freien Pulsschlag. Im Nachhinein wird deutlich, wie von Schlippenbach von Takases Energie und Kraft mitgetragen wird.

Im anschließenden Solo fehlt seinen Improvisationen die Überzeugungskraft früherer Tage. Matt, manchmal geradezu altväterlich, scheint es, als sinniere er am Klavier singend über den Lauf der Zeit. Aufgefrischt mit der Selbstbehauptungskraft in einem antizipierten Streit – wir streiten uns manchmal durchaus immer noch heftig, so von Schlippenbach – lassen sie sich mit ihrem vierhändigen Erkennungsstück Zankapfel über die Schultern schauen. Gegenseitig machen sie sich die Tastenbereiche streitig, finden aber letztlich aus der Zwietracht zu einer versöhnenden Eintracht.

Augenzwinkernd als ein Ritardando auf Das wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach angekündigt, beschleunigen sie furios Accelerando, so dass Takase anschließend ihre Hände ausschütteln muss: Das war extrem schnell; nicht gut für meine Gelenke.

Nach Bavarian Calypso, einer Komposition von Schlippenbachs 2007 für 40 Jahre Globe Unity Orchestra geschrieben inzwischen ihr Konzert-Rausschmeißer – endet das Konzert unter wohlwollendem Beifall. Für viele ist erst mit dem anschließenden, für das überschaubar große Publikum intensiv genutzten CD-Kauf  das Konzert wirklich zu Ende.

15.08.2018
photo streaming Aki Takase & Alexander von Schlippenbach

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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