Paula Modersohn-Becker ikonografisch in Wuppertal

. Mädchenakt mit Blumenvasen,
um 1907 © Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal

Paula Modersohn-Becker gilt vielen als Beispiel dafür, wie sich eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Künstlerin selbst fand, selbst finden musste. In einer männlich dominierten Kunstwelt steht Ferdinand Hodlers Diktum – Mir wie kener Wyber! im Blick auf Martha Stettlers Werk (Martha Stettler auf Nebenwegen entdecken vom 04.07.2018, hier veröffentlicht) – nicht allein. Es beschreibt die scheinbar aussichtslose Situation für Künstlerinnen dieser und der noch lange bis in die 1950er Jahre andauernden Zeit männlichen Vorurteils, Gehör und (Be-)Achtung zu finden und unabhängig wahrgenommen zu werden.

In der Künstlerkolonie Worpswede findet sie zwar nach ihrer Ausbildung 1907 bis 1911 in der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen eine gewisse künstlerische Heimat. Allein die Natur bleibt ihre eigentliche Lehrerin und der Mensch an sich in ihr das zentrale Thema ihrer Darstellungen. Landschaften taugen der Künstlerin als Projektionsfläche für meditative Innensichten der Porträtierten.

Heute stehen Modersohn-Beckers ikonografisches Werk und ihre tragische Lebensgeschichte – sie stirbt mit 31 Jahren wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde – in der Gefahr, durch romantisierende Verklärung von der heutigen Bildwelt gnadenlos vereinnahmt zu werden. Über Jahrzehnte in Postkartendrucken vervielfältigt, wird es manchmal schwierig, sich ihrem Werk, von Klischees befreit, kritisch zu nähern.

Das Von der Heydt-Museum Wuppertal verfügt neben dem Paula-Modersohn-Becker Museum in Bremen über das größte Konvolut von über 20 Werken der Künstlerin. Mit der Ausstellung Paula Modersohn-Becker. Zwischen Worpswede und Paris in Kooperation mit dem Rijksmuseum Twenthe in Enschede möchte das Museum, so Museumsdirektor Gerhard Finckh, die Auseinandersetzung um den Stellenwert ihrer Arbeiten versachlichen. Ob dafür der populistisch anmutende Untertitel Zwischen Worpswede und Paris Glaubwürdigkeit signalisieren kann, sei dahin gestellt.

Gleichwohl wird, unterstützt von den für Ausstellungen im Von der Heydt-Museum typischen Saaltexten – Tagebucheintragungen, Briefe, Gedichte von Rainer Maria Rilke -, die Konzentration der Kuratorin Beate Eickhoff auf die Frage nach dem Ich deutlich. Antike Einfachheit und Klarheit, geschult an Arbeiten Paul Cezannes, Vincent van Goghs sowie von Paul Gauguin in Paris, sind Paula Modersohn-Becker Maßstab für ihre Malerei. Die in Paris erfahrene Bestätigung – Du kannst malen! –  löst sie leidenschaftlich vor allem in ihren Porträts ein.

Gehängt im Dialog mit Modersohn-Becker ergänzen Werke von namhaften Künstlern der Pariser Avantgarde ihrer Generation die Ausstellung und zeigen künstlerische Kontexte auf. Wie sie ihre eigene künstlerische Position findet, zeigen ihr Stillleben mit Goldfischglas (1906/07) neben Paul Cézannes Öl auf Leinwand Flasche und Pfirsiche (ca. 1890) oder ihr Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut (1904) neben Edvard Munchs Öl auf Holz Mädchen mit rotem Hut (1903/05).

In Arbeiten wie Selbstbildnis als Halbakt mir Bernsteinkette II (1906) oder Mädchen mit gelbem Kranz im Haar (1901) zeigt sich Modersohn-Beckers unverwechselbarer Ausdruck. Sie entwickelt ein eigenständiges Bildvokabular. Frontalperspektivischer, unmittelbarer Blick fordert den Betrachter zugleich auf, einen Blick hinter die äußere Erscheinung zu tun. Farbkontraste der Linie verleihen ihren Arbeiten wie Alte Armenhäuslerin (1905) und Sitzender Mädchenakt mit Blumenvase (ca. 1907) eine Unverwechselbarkeit. Sie haben heute im öffentlichen Bildgedächtnis einen festen Platz.

Mit dem Namensgeber des Museums – der nicht unumstrittene Kunstsammler und Sohn der Stadt Wuppertal August von der Heydt kauft als einer der ersten ein Werk von Modersohn-Becker und begründet letztlich damit den nominellen Sammlungsbestand – schließt sich beim Ausstellungsrundgang ein Kreis. Neben 80 Bildern und Skulpturen sind etwa 30 Leihgaben u.a. aus Worpswede, Bremen, Amsterdam noch bis zum 6. Januar 2019 versammelt.

Wenige Monate vor ihrem Tod schreibt sie noch hoffnungsvoll an Bernhard Hoetger: Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige. Angesichts ihres letztlich schmal gebliebenen Œuvres beflügelt die Ausstellung mit Melancholie die Phantasie, was sie wohl noch alles hätte schaffen können, wenn ihr ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre.

17.10.2018
photo streaming Paula Modersohn-Becker

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Über Peter E. Rytz Review

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