Fixstern Nelsons in Dortmund gelandet

© Gewandhausorchester

Andris Nelsons ist als Exklusivkünstler des Konzerthauses Dortmund hier fast so zuhause, wie er es seit 2014 in Boston als Musikdirektor des Boston Symphony Orchestras und seit Februar 2018 in Leipzig als Gewandhauskapellmeister des Gewandhausorchesters Leipzig ist. Weltweit in den namhaftesten Konzert- und Opernhäusern omnipräsent, ist ihm der Jubel bei seinem neuerlichen Dortmunder Konzert, erstmals als Chef des Gewandhausorchesters Leipzig von vorn herein gewiss.

Eine solche unbedingte Zustimmung hat allerdings auch eine Kehrseite. Sie kann leicht übersehen, mancher will vielleicht auch darüber hinwegsehen, dass Nelsons über weite Strecken einhändiges Dirigieren mit der rechten Hand etwas durchaus Irritierendes hat. Wo anderen Dirigenten oftmals ihre zwei Hände nicht auszureichen scheinen, um jede einzelne Instrumentengruppe mit prononcierter Einsatzzeichengebung in den von ihnen angestrebten Orchesterklang einzupassen, reicht Nelsons allein eine. Optisch noch verstörender ist es, dass er seine linke Hand nicht nur sehr sparsam einsetzt, sondern dass sie immer wieder Halt an der metallenen Rahmung des Dirigentenpodests sucht und sich sein schwerer Körper ihrer Lehnfunktion versichert.

Deshalb verblüfft das musikalische Ergebnis umso mehr. Es bleibt Nelsons Geheimnis, wie er es mit seinem sparsamen, mitunter minimalistisch reduzierten Dirigat schafft, dass das Orchester wie selbstverständlich klangfarbig phänomenal kontrastiert sowie zwischen piano pianissimo und forte fortissimo souverän differenziert. Es ist, wenn er einerseits nur mit einem Lidzucken, andererseits mit einer unorthodoxen Handhabung des Taktstocks sinfonischen Linien und Zäsuren zeichnet, als stünde er in einem Energiefeld, das  unsichtbar mit jedem einzelnen Musiker verbunden zu sein scheint.

Und das Ergebnis ist lyrisch feinsinnig wie auch opulent kraftvoll in seiner farbigen Klangmächtigkeit. Obwohl das Konzertprogramm mit der gemeinsamen Auftragskomposition des Gewandhausorchester Leipzig und des Boston Symphony Orchestra an Andris Dzenitis als auch im Konzert von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1 D-Dur sowie mit in der Begleitung von Kristine Opolais Arien aus Peter Iljitsch Tschaikowskys meist gespielten Opern Pique Dame und Eugen Onegin nach Zeit und musikalischem Gegenstand sehr divergierend ist, offenbart es vielleicht gerade deshalb, eine brillante, vielschichtige Gewandhausklangkultur.

Dzenitis Komposition Māra ist eine allumfassende Hommage zum 100. Jahrestag der Staatsgründung Lettlands. Politisch basiert, zusammen von einem lettischen Komponisten, der mit dem Dirigent nicht nur den gleichen Vornamen teilt, sondern sowohl das Geburtsjahr 1978 als den Geburtsort Riga, zeichnet Māra eine lettische Zick-Zack-Botschaft als ehemaliger Teil des sowjetrussischen, nationalen Flickenteppich.

Lettische Mythologie, übersetzt in kompositorische Symbolzeichen, durchrauscht zu Beginn die Musik als schicksalsmächtige Schläge des riesigen Schlagwerk-Ensembles. Als wolle Māra, die Patronin der sichtbaren Welt darauf aufmerksam machen, wie eine fast vergessene Gemeinschaft Teil der Weltgemeinschaft ist. Als sei damit der Aufmerksamkeit genüge getan, stimmt ein Bass-Klarinette solo leise eine Melodie an, als wolle sie sagen, wer hören kann, hört es geheimnisvoll in den lettischen Wäldern jubilieren.

Zwischen Dzenitis und Mahler liegt ein Jahrhundert Musikgeschichte, wobei Dzenitis in seiner Klangfarbigkeit Mahler näher ist, als seinem östlichen Nachbarn Tschaikowsky. Kristine Opolais obliegt damit die nicht ganz einfache Aufgabe, mit dem Arioso der Lisa aus Pique Dame und der Briefszenen-Arie der Tatjana aus Eugen Onegin eine Brücke zu bauen. Ihr gelingt das mit temperamentvollem Sopran, der vor allem in der Briefszene das Zittern des Herzens – und wär’s mein Untergang -, das mit ihrem Liebesverlangen ins Leere stürzt, mit dramatischer Gestik hör- und sichtbar macht. Dass sie selbst Lettin ist, zeichnet diesen Grenzübergang noch mit einer zusätzlichen Arabeske aus.

Nach der Pause konnten vor allem diejenige gespannt sein, die sich noch Riccardo Chaillys gefeierter Interpretation der Sinfonie Nr. 1 D-Dur (1884–88) von Gustav Mahler im Frühjahr 2015 als damaligen Gewandhauskapellmeister mit dem Gewand-hausorchester Leipzig in der Kölner Philharmonie erinnerten (Das Gewandhaus-orchester Leipzig mit Riccardo Chailly in der Kölner Philharmonie, eine Mahler-Offenbarung vom 22.02.2015, hier veröffentlicht)

So unterschiedlich sie als Dirigenten auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam. Im Finale von Mahlers 1. Sinfonie – Furioso: stürmisch bewegt, von Mahler in einer ersten Fassung unmissverständlich mit dall’Inferno al Paradiso bezeichnet – lassen sie es beide freudetrunken krachen. Wobei es Nelsons vielleicht noch einen Tick inniger gelingt, vor dem Inferno das dreifache Pianissimo des Anfangs-Nichts zart aufleuchten zu lassen.

Mit den ersten, aus den Tiefen des Unhörbaren aufsteigenden Tönen erkundet Nelsons den Kosmos von Mahlers Weltverständnis, mit einer Sinfonie eine ganze Welt zu bauen. Die Unendlichkeit von Raum und Zeit scheinen zu wallen und zu jubilieren. Kein Thema, sondern fallende Quarten schaffen einen Raum zwischen Angst und Hoffnung.  Inspiriert von den literarischen Romantikern Jean Paul und E. T. A. Hoffmann schüttet Nelsons das von Mahler angereicherte Füllhorn aus, versammelt die einzelnen Töne und serviert sie wie auf einem Silbertablett dem Dortmunder Publikum.

Wie ein Naturlaut – Langsam schleppend, Immer sehr gemächlich zieht eine pastorale Szene vorüber. Hinter der Bühne postiert, malen Trompeten friedliche Stille. Ging heut morgen übers Feld, Zitate aus den Liedern eines fahrenden Gesellen, modulieren die Introduktion. Ein von den Holz- und Blech­bläsern abgestimmter Raum­klang liegt wie ein warm seidiger, roman­tisch gestimmter Mahler-Sound im Konzerthaus Dortmund. Erstaunlich, mit wie wenigen Bewegungen es Nelsons gelingt, eine unbedingte Klangresonanz mit dem Orchester zu erreichen. Das hat fast magische Dimensionen.

Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell, übersetzt Nelsons Mahlers frühere Anmerkung in der Partitur in eine dialektische Spannung. Es ist, als würde er tänzerisch aus dem Meer der Klänge ein prall gefülltes Netz hochziehen und seinen Inhalt genüsslich ins Orches­ter streuen, um im nächsten Moment durch abrupte Harmonierückungen die Brüchigkeit einer harmonischen Verklärung zu durchbrechen.

Mahlers Bezeichnung des 3. Satzes – Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen – meint nur auf den ersten Blick, dass alles schon seinen Gang gehen würde. Aber so einfach ist dies denn doch nicht. Das allbekannte, in Moll gewendete Frére Jac­ques in nuce schimmert in einen differenziert ausgreifenden romantischen Klang auf. Die transparent klingende Harfe, abgelöst vom Fagott sowie der kontrastierend akzentuie­rende Bass verschmelzen mit Oboen und Trompeten zu einer bitterschönen, fast süßlichen Klage.

Kontrastreich, ohne Pause, volle Fahrt voraus lässt Nelsons dem Gewandhausorchester – Stürmisch bewegt – im Finale die Zügel frei. In einem atemberau­benden Furioso jagen die Streicher durch alle Register. Akkorde türmen sich zu einem himmelstürzenden Freudenfanal.

Nelsons ist wie ein Fixstern wieder einmal aus seiner weltumfassenden Umlaufbahn in Dortmund unter großem Jubel gelandet.

21.10.2018

 

 

 

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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