Existenzielle Klangwelten

 

Jaap van Zweden 2016 © hansvanderwoerd

Nach einer Europa-Tournee mit Zwischenstopp auch im Konzerthaus Dortmund (Fixstern Nelsons in Dortmund gelandet vom 21.10.2018, hier veröffentlicht) mit einem Programm der September-Konzertreihe Das Grosse Concert – geboten wurde u.a. Andris Dzenitis Komposition Māra, eine Hommage zum 100. Jahrestag der Staatsgründung Lettlands – zurück an ihrer Heimstätte präsentiert sich das Gewandhausorchester Leipzig unter Jaap van Zweden aufs Neue motiviert, in kurzer Zeit in Neujustierung auf ein anderes Dirigenten-Temperament.

Obwohl van Zweden seit mehr als drei Jahrzehnten am Pult großer Orchester weltweit steht – nach 10 Jahren als Musikdirektor des Dallas Symphony Orchestra übernimmt er mit der Saison 2018-1919 als 26. Music Director die New York Philharmonie -, ist ein Auftritt im Gewandhaus auch für ihn etwas Besonderes. Hoch konzentriert und kontrolliert, dirigiert er an diesem Abend sehr unterschiedlich temperierte Werke von Benjamin Britten, Wolfgang Amadeus Mozart sowie Ludwig van Beethoven. Erst mit dem Schlussapplaus nach dem Finale der 5. Beethoven-Sinfonie entspannen sich seine Gesichtszüge in einem zufriedenen Lächeln.

Zu Beginn des Konzertprogramms navigiert van Zweden das Gewandhausorchester durch Brittens Auftragskomposition der japanischen Regierung anlässlich der 2.600 Jahrfeier der Mikado-Dynastie, die Sinfonia da Requiem op. 20 mit elegisch nobler Geste. Den in Brittens Komposition sich widerspiegelnden Zwiespalt von erwarteter Feierlichkeit der Auftraggeber und der pazifistischen Überzeugung des Komponisten nimmt van Zweden mit souveräner Selbstverständlichkeit, die das Spukhafte, das Zersplitterte nicht verbirgt, sondern lautstark und demonstrativ ausstellt.

Die Sinfonia da Requiem des 26jährigen Komponisten, vom japanischen Kaiserhaus als Beleidigung zurückgewiesen, enthält schon wesentliche Elemente einer kompositorisch technischen Grundstruktur, die in mehrfacher Hinsicht zu einem Schlüsselwerk Brittens werden sollte.

Mit pointierten Betonungen in den drei ineinander übergehenden, auf das lateinische Requiem verweisenden Sätzen – Lacrymosa, Dies Irae, Requiem aeternam -, die im Scherzo des ein- und aushauchenden Holzes kulminieren, entfaltet van Zweden einen dramatisch zugespitzten Klang. Elegisch bis schwermütig multipliziert durch das Blech, getragen von einem satten Streicherklang, glaubt man eine Totentanz-Apotheose zu hören. Selbst wenn sich das gespenstische Raunen in friedvolle Klänge auflöst, sind es die falschen, wenn Britten mit Harfe und Flöte über God save the king paraphrasiert. Nichts Festtägliches, eher skeptisch Pazifistisches ist zu hören.

Das von Britten – fast ist man geneigt zu sagen, demonstrativ vorenthaltene c-Moll – reicht Wolfgang Amadeus Mozart mit den ersten Takten seines Konzerts für Klavier und Orchester c-Moll KV 491 mit explosivem Orchester-Tutti gewissermaßen nach. Mozarts außergewöhnlich reichen Orchestersatz antizipiert van Zweden mit einer dirigentischen, bis in die Fingerspitzen der linken Hand sensibilisierten Geste. Eingeleitet von einer dichten, motivisch durchgeformten Orchesterdisposition, blättern Fagott, Oboe und Klarinette, von der Pauke assoziiert, chromatisch einen Bläserreichtum auf, der in dieser Größe selbst bei Mozart eher selten ist. Es mutet wie die lichte Variante des nächtlichen Pendants seines kurz zuvor geschriebenen Klavierkonzert Nr. 23, A-Dur an.

Der Solist David Fray eröffnet danach mit eigenen melodischen Wendungen. Die sinfonisch konzertanten Aspekte gestaltet Fray mit großem Ernst und hoher Dramatik. Allerdings gelingt ihm erst nach und nach eine geschmeidige Balance zwischen seinen mitunter vordergründig eckig bis hart betonten Anschlägen und dem Orchesterfluss. Van Zweden vertraut auf eine subtile Kommunikation mit Fray. Seine minimalistisch sparsame Zeichengebung überlässt dem Solisten unaufgeregt großzügige Gestaltungsräume.

Das ist ein beredtes Zeugnis seiner fundierten Autograph-Kenntnis. Mozart hat den Orchesterpart nicht nur auffällig grob skizziert – ungewöhnlich flüchtig hingeworfen und von Korrekturen übersäht, formuliert es Ann Katrin Zimmermann im Programmheft -, sondern ebenso den Klavier-Part. Die Freiheiten der Solokadenz kostet Fray nachhaltig aus. In seiner durch überwältigenden Beifall geforderten Zugabe spielt er entsprechend eine Variation Ferruccio Busonis auf Johann Sebastian Bachs Kantate Nun komm, der Heiden Heiland. Busoni, einer von vielen Komponisten, die der Versuchung nicht widerstanden, Mozarts teiloffene Komposition zu ergänzen.

Zuvor spannt van Zweden im Finale mit farbigen Nuancen im Wechsel zwischen Tutti und Solo eine weite kontrapunktische Ausdrucksskala. Nach trügerischen C-Dur-Klängen kehrt die Musik ins unerbittliche Moll zurück.

Nach Mozarts c-Moll-Offenbarung öffnet van Zweden mit der Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67 von Ludwig van Beethoven einen parallelen Moll-Klangraum. Beginnend mit dem monothematischen Allegro con brio entwickelt sich ein Klang von geradezu plakativer Strahlkraft. Eine lyrisch verträumte Oboe behauptet solistisch das Motiv. Fagott und das exzellente Blech, unterstützt in zweimaliger Wiederholung durch das Horn, übersetzten van Zwedens Akzentuierungen in ein expressives Presto mit kontrastierendem Pianissimo.

Blechbläser-Glanz und Pauken-Tremolo stimmen mit den ersten, schicksalhaft verstörenden Tönen ein dramatisches Crescendo an. Momente des Staunens mischen sich mit gestischer Horn-Attitüde im Widerstreit mit Oboe, Trompete und Pauke. Van Zweden hat jeweils drei Trompeten und Posaunen in die äußerste, rechte Ecke des Podiums platziert. Im musikalischen Frage-Antwort-Modus des 2. Satzes malen sie eine farbenreiche, meditativ inspirierte Ruf-Echo-Kommunikation.

Im Gewandhaus leuchtet die Beethoven-Sinfonie mit einem Klanglicht wie von einem anderen Stern. Ob mit der häufig zitierten programmatischen Linie – Durch Nacht zum Licht – Beethoven damit mythisch überhöht das Schicksal an die Pforten pochen lässt, ist nicht bewiesen. Unüberhörbar allerdings, wie unter den Händen von van Zweden das pochenden Motiv con moto in Kaskaden perlt.

Übergangslos gleitet das Gewandhausorchester ins grenzenlos strahlende C-Dur-Finale. Am Ende bedankt sich ein sichtlich entspannter van Zweden bei den Konzertbesuchern als auch bei den Stimmführern des Orchesters in der ersten Reihe mit einer bemerkenswerten Handhaltung. Er drückt ihnen mit symbolisch nach oben geöffneten Handflächen die Hände als wolle er damit sagen, wir sind mit unverstellter Offenheit einen wunderbaren, gemeinsamen Britten-Mozart-Beethoven-Weg gegangen. Herzlichen Dank!

26.10.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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