Malerisch choreografiert

© Ida Zenna

Kunst und Kultur nach Leipzig zu bringen, hieße Eulen via Athen in die Stadt zu tragen. Die in diesem Jahr schon 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston ist neben den wirtschaftlichen Beziehungen auch Ausdruck eines kreativen Kulturaustausches. Davon zeugt eine Reihe von ambitionierten Veranstaltungen. Die Möglichkeiten, die unsere Städtepartnerschaft eröffnet, haben das Leben der Einwohner in beiden Städten nachhaltig bereichert, bilanziert  der Bürgermeister der Stadt Houston, Sylvester Turner, im Festwochen-Programm überzeugt.

Dass das Leipziger Ballett seine erste Premiere der Spielzeit 2018/19 nutzt, um choreografisch prägende Handschriften der eigenen Compagnie zusammen mit jener des künstlerischen Direktors des Houston Ballets, Stanton Welch zu zeigen, legt unmittelbar Zeugnis von konkreter künstlerischer Zusammenarbeit ab. Auf drei Choreografien des ehemaligen Leipziger Ballettdirektor, Uwe Scholz auf die 7. Sinfonie in A-Dur op. 92 von Ludwig van Beethoven, folgen, jeweils durch Pausen getrennt, die von Stanton Welch auf das Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel sowie mit Geschöpfe eine Uraufführung durch den Ballettdirektor und Chefchoreografen des Leipziger Balletts, Mario Schröder.

Die eröffnende Beethoven-Sinfonie verdoppelt und verstärkt nachhaltig das 25-Jahre-Jubiläum. 1993, vor 25 Jahren wird Scholz‘ sinfonisch inspirierte Choreografie erstmals in Leipzig aufgeführt (von ihm noch für das Stuttgarter Ballett kreiert und dort 1991 uraufgeführt). Sie bildet im Programm den  choreografischen Brückenpfeiler, von dem ein Bogen bis zum Ballett des Mario Schröder führt. Gleichzeitig bildet Scholz‘ Beethoven auch so etwas wie den Auftakt zu einer Hommage auf den Choreographen. Scholz wäre in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden.

Scholz‘ Beethoven-Choreografie an den Anfang zu stellen, bietet sich naheliegend fast von selbst an. Ein Selbstläufer kann sie aber schon deshalb nicht sein, weil sie mit ihrem ständigen Wechsel von opulent fröhlich zu düster verhangen dem Festanspruch des Premierenanlasses quer im Weg steht. Als würde sich ein Schatten der Melancholie, der Scholz zum ständigen Begleiter als Mensch und Künstler wurde, über die Szenerie legen. Auch seine Überzeugung, mit einer Choreografie keine Geschichten zu erzählen, sondern mit ihr poetische Bilder zu evozieren, die Stimmungen und Gefühle zeichnen, gilt manchem Zeitgenossen vielleicht psycho-emotional als zu überanstrengt, wenn hinter jeder Fröhlichkeit ängstlich eine aufscheinende Düsternis vermutet wird.

Auf der Bühne wird das abstrakte Gemälde Beta Kappa (1961) von Morris Louis nicht nur zitiert, sondern es wird kongenial, Louis‘ Unfolted paintings reflektierend, in virtuosem Tanz in Bewegung übersetzt. Allerdings ist es optisch dermaßen  dominant, dass Beethovens Musik mit dem Gewandhausorchester unter Moritz Gnann fast nur als Nebenbei-Klang  wahrgenommen wird. Lautstarker Applaus und markant vordergründige Bravi nach jedem Satz unterlaufen letztlich den sinfonischen Kontext. Dass im Finale assai meno presto der Compagnie tatsächlich assai Linie und Raumaufteilung misslingt, unterstreicht den Widerspruch.

Im Kontrast zur puren Scholz-Ästhetik untersucht Schröder mit Geschöpfe extreme Bewegungsoptionen, die entgegen heute dominierenden, auf Schlankheit getrimmten Schönheitsidealen, mit barocker Körperfülle ihre Balance finden müssen. Das Premierenpublikum begleitet diesen außergewöhnlichen Anblick von eigentlich körperfiligran gezeichneten Tänzerinnen und Tänzern mit fröhlicher Zustimmung – und vergisst glücklicherweise seine Selbstinszenierung mit Zwischenbeifall.

Mehrfach verdoppelte Körperlichkeit mit geschlossenen, halboffenen und losen Kostümvorsätzen verhindert elegante Leichtigkeit, einerseits. Andererseits hebt sich Langsamkeit und Schwerfälligkeit nach Beethovens Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus, op. 43 in einer sinnlichen Erotik auf, die hinter dem Verborgenen eine überraschende Leichtigkeit zeigt.

Neben Beethoven lässt Schröder auch zu Musik von Igor Strawinsky und Elena-Kats-Chernim tanzen. Nach einem Klaviersatz von Kats-Chernim zitieren Solisten des Leipziger Balletts Elemente und Facetten von Mary Wigmans Ausdruckstanz mit sinnlicher Eleganz. Michael Röger, dessen exzellente Beleuchtung auch die anderen Choreografien szenisch adäquat und individuell optimal ins Licht setzt, überstrahlt mit pendelnden Scheinwerfern eine schamanistisch esoterisch anmutende Szenerie, in der Tanzbewegungen in Körperzuckungen übergehen, und holt das Publikum damit in die Wirklichkeit der Oper Leipzig zurück.

Zentral zwischen Scholz und Schröder in der Programmfolge geht Welch einen sehr eigenen, gleichwohl aber auch einen sie antizipierenden Weg über diese Leipziger Choreografie-Brücke. Seine choreografierte Adaption Tu Tu des Klavierkonzerts G-Dur von Maurice Ravel, von Louise Lester für Leipzig einstudiert, fordert die Zuschauer zu einer durchaus problematischen, ambivalenten Haltung heraus.

Mit Ravels Klavierkonzert, eines der an- und aufregendsten Konzerte der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von Jazz- und Blues-Elemente durchsetzt, können sich das Gewandhausorchester mit Gnann am Pult sowie der Pianist Wolfgang Manz in diesem Ballettprogramm endlich als wunderbare Musiker zeigen. Auch Welch, angeregt von Malerei, vor allem von der Oskar Klimts und mit den buntfarbig ausgestellten Kostümen von Holly Hynes an Oskar Schlemmers experimentelles Ballett Das Triadische Ballett erinnernd, paraphrasiert Klischees von Erotik und Fröhlichkeit, Ängste und Sehnsucht der Ballett-Geschichte. Einmalig, nur zur Premiere, tanzen Karina González und Ian Casady als Gäste des Houston Ballets das Rote Paar mit graziler Anmut und großer Selbstverständlichkeit.

Aber löckt Welch bewusst den Stachel des Widerspruchs, wenn zu Beginn von Tu Tu Tänzer auf Podesten in einer bizarren Riefenstahl-Breker-Ästhetik posieren? Überstilisierung als künstlerische Provokation? Das ausgewogen choreografierte Zusammenspiel von Heben und Senken, Laufen und Stehen gerät – wie zuvor schon bei der Beethoven-Sinfonie ein Ärgernis – durch unsensibel aufgerufenen Satz-Zwischenapplaus immer wieder aus dem Bewegungsgleichgewicht.

Wären die drei Choreografien insgesamt nicht von dieser dichten tänzerischen Überzeugungskraft, hätten sie möglicherweise schon vor dem Schlussapplaus kapitulieren müssen. Insofern hatte jener wenigstens einmal an diesem Abend am Ende seinen gültigen Platz.

29.10.18

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Über Peter E. Rytz Review

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