Geboren werden, während man stirbt

@ Birgit Hupfeld

 420,62 Kilometer Luftlinie in Wirklichkeit voneinander getrennt, sitzen sich Zuschauer im Berliner Ensemble und im Schauspielhaus Dortmund zur gleichen Zeit unmittelbar gegenüber. Wie kann das gehen? Welche Wirklichkeit ist das? Von welcher Zeit ist da die Rede?

Eine erste Bestandsaufnahme nach der physikalischen Gesetzeslogik Isaac Newtons, die unsere Vorstellungen von Raum und Zeit eigentlich zuverlässig koordinieren, ergibt (vorläufig?) folgendes: Zwei Schauspielhäuser, dicht besetzt mit erwartungsvollen Zuschauern, mit je einer Bühne, auf der jeweils ein siebenköpfiges Ensemble das gleiche Stück spielt: Die Parallelwelt. Ein leistungsfähiges digitales Glasfaberkabel macht sie möglich.

Nicht unbedingt Schulstoff, aber seit vor fast 100 Jahren Albert Einstein, Werner Heisenberg & Co. mit ihren Forschungen zu Raum, Zeit und Geschwindigkeit  festgestellt haben, dass in der subatomaren Welt geradezu absurde Gesetze,   völlig andere als in der von Newton herrschen, wabert der Begriff Quantenphysik bisher mehr oder weniger undeutlich durch die Köpfe vieler aufgeklärter Menschen.

Das rasante Vor- und Durchdringen digitaler Strukturen bis in die letzten Winkel menschlicher Intimität verstärkt die Ahnung, dass die Lösung der Gleichung 1 + 1 = 2 nicht endgültig zuverlässig sein muss. Wenn sich aus der Binarität von 1 und 0 eine unendliche virtuelle Welt konstruieren lässt, die bisherige Wirklichkeiten durch Bit and Bytes überbauen, verwischen sich die Eindeutigkeiten von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Kay Voges, seit Jahren Intendant des Schauspielhauses Dortmund sowie umtriebiger Video-Visionär-Regisseur stolperte irgendwann über Newtonsche Selbstverständ-lichkeiten. In der Wohnung eines ihm bis dato Unbekannten entdeckt er die gleichen Bücher und die gleichen CDs wie seine eigenen. Erschreckt, hält er eine Kopie seiner selbst für nicht mehr ganz ausgeschlossen. Ihn lässt, so wird erzählt, fortan der Gedanke nicht mehr los, was passieren würde, wenn eine Theateraufführung die vierte Wand über weite Strecken digital durchbrechen könnte. Wie verändern sich dadurch das Theater und die Wahrnehmung der Zuschauer?

Zusammen mit Alexander Kerlin und Eva Verena Müller, unterstützt von Text-Recherchen bei Samuel Beckett, Ernst Bloch, Michel Foucault u.a. durch Sibylle Baschung und Matthias Seier entwickelt Voges eine Simultane Aufführungskonzeption. Die Erkenntnisse der Quantenphysik, die die Grenzen von Raum und Zeit aufhebt, sie gleichsam verflüssigt, dekliniert Voges mit dem theatralischen Handwerkszeug und Vokabular die Konsequenzen durch. Das Absurde wird zum Realen, die Realität ist absurd.

In sieben Bildern von Geburt  über Hochzeit bis zum Tod wird die Geschichte von einem gewissen Fred erzählt. Ein Mensch, der eines schönen Tages geboren wurde, während er starb, wie es im ABC der Parallelwelt im Programmheft heißt. Das Berliner Ensemble rollt sie von der Geburt an ab, während das Dortmunder Ensemble vom Tod her die Geschichte rückläufig erzählt. Live gefilmt und geschnitten, parallel projiziert auf den jeweiligen Bühnen, wobei in der besuchten Berliner Aufführung zeitgleich auch gespielt wird.

Fred ist tot. Fred lebt. Fred lebt und ist tot. Fred ist Fred. Fred ist ein Mann. Fred ist eine Frau. Alles ist gleichzeitig. Original oder Kopie, Vordergrund oder Hintergrund? Mit dem Quant sind viele Bilder von der Welt möglich. Traum und Phantasie, an- oder abwesend, nichts lässt sich sicher identifizieren.

Die parallelen Fred-Welten treffen sich mit seiner Hochzeit in Berlin und Dortmund in der Aufführungsmitte. Es entsteht ein biblisches Tohuwabohu. Ist die Braut, die sich im Bildschirm sieht, sie selbst oder eine andere – und bleibt doch immer nur ununterscheidbar sie. So absichtsvoll Fred ein Buch mit M. C. Eschers optischen Täuschungen durchblättert, ein Spielkarton, bezeichnet mit Die Verrückten, geschwenkt und die DVD Lost Highway von David Lynch durchs Bild getragen wird, erscheint auch sein Name nicht zufällig. Fred, The Mystery Man ist als dämonischer Quant-Wiedergänger in wechselnden Gestalten und Zeitformen anwesend.

Alle suchen vergeblich und folgenlos die Enden der Möbiusschleife im ehemals ehernen Vertrauen – natura non facit saltus – zusammenzufügen. Und dann läuft auch noch Schrödingers Katze durchs Bild, die lebt und tot zugleich sein kann. Was ist der verlässliche Stand der Dinge?

Die Bühne öffnet von Zeit zu Zeit einen realen Raum, parallelisiert von live aufgenommenen Projektionen des Spiels vor und hinter der Bühne an beiden Spielstätten – schließt sie abwechselnd wie mit einem Zeit-Reißverschluss. Doppelte übereinander angeordnete Leinwände, video-designet von Mario Simon und Robi Voigt, zeigen dynamisch sich verschränkende grauschwarze Farbfelder, überblendet mit Zitaten aus naturwissenschaftlichen und philosophischen Kontexten, unterlegt mit kosmisch anmutenden Sound-Clustern von T. D. Finck von Finckenstein, folgt die Inszenierung keiner narrativen Stringenz, sondern einer subatomaren Traumlogik.

Die Schauspiel-Ensembles mischen Nähe und Ferne zu einem grandiosen Theaterlaborspaß, dessen hintergründige Unmittelbarkeit selbst beim Zuschauen oft vergeblich Orientierung im Sowohl-als-auch sucht. Theater, das zur selben Zeit im selben Raum verschieden stattfindet, ist vielleicht das einzig wirkliche Theater. So kann Die Parallelwelt nicht nur Glauben machen. Sie ist längst Teil unseres Lebens, auch wenn wir es selbst nicht merken – oder vielleicht: Nicht merken wollen.

So zufällig, wie es in diesem Quant-Kontext von Parallelwelten sein kann, ist in der aktuellen Ausstellung Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani in der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie Berlin eine Fotografie von Duane Michals zu sehen: Now becoming then (1978). Unter der Fotografie, die einen Mann, gespiegelt und gedoppelt, in Bewegung zeigt, hat der Fotograf handschriftlich vermerkt: When I say, This is now, it immediatly becomes then. There is no now. At appears to us as a moment, but this moment is an illusion. Der Text liest sich wie ein Kommentar zu Voges theatralischen Simultanität. Parallelwelten im Praxistest.

02.11.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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