Poetischer Totenmesse-Bilderbogen

 

@ Monika Rittershaus

Der Legende nach hat Giuseppe Verdi im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts angesichts des vom Opernpublikum und der Kritik gefeierten, sich als Schöpfer von Gesamtkunstwerken stilisierenden Richard Wagner mehr als zehn Jahre keine Opern komponiert. Nach Aida zweifelt Verdi an sich als fähigem erfolgreichem Opernkomponisten. Erst nach der Messa da Requiem vollendet er mit Otello sein Spätwerk.

Den Tod des von ihm verehrten Gioachino Rossini 1868 nimmt Verdi zum Anlass, sich mit einem Requiem zu beschäftigen. Er korrigiert seine bisherige Haltung, es gäbe schon genügend Totenmessen, ruft 13 Komponisten auf, gemeinsam ein Requiem auf Rossini zu schreiben. Es bleibt beim Versuch.

Als der Dichter Alessandro Manzoni, als Literat ein Bruder im Geiste und  überzeugter Anhänger eines italienischen Nationalstaates wie Verdi selbst, stirbt, schafft dieser mit Messa da Requiem eine Messe, die weit über den unmittelbaren liturgischen Anlass die profane Lebenswelt berührt.

Den gesungenen Text der lateinischen Liturgie übersetzt Verdi musikalisch in einen epischen Bilderbogen. Die Dramen des Lebens von Trauer, Verzweiflung, Schmerz und Zorn, typisch für seine Opernstoffe, entfalten sich auch in seinem Requiem. Das Geheimnis der menschlichen Existenz lässt sich nicht bis ins Letzte entschlüsseln. Hoffnung und Trost gibt es nur in jedem Einzelnen selbst.

Achim Freyer ermutigt mit seiner Inszenierung auch mit der 35. Aufführung seit 2001 an der Deutschen Oper Berlin, fast 20 Jahre später in einer sich seitdem radikal verändernden Welt, das Ablaufdatum des Lebens nicht als Verfallszeit zu begreifen. Den endlich apostrophierten Totpunkt nicht als toten Punkt schicksalhafter Resignation verstehen zu müssen, dafür imaginiert er Verdis Musik mit bildhafter Poesie.

Freyer inszeniert nicht reflektiert sentimental, will keine falschen Illusionen wecken, sondern mit Verdi musiktheatralische Möglichkeiten aufzeigen, was und wie es jetzt bedeutet, mitten im Leben zu stehen. Ein utopischer, im wahrsten Sinne des Wortes geerdeter Appell, mit dem Denken zu beginnen.

Er vertraut – wie auch Verdi – nicht auf die Vorstellung eines gnädigen Gottes, der Trost und Versöhnung mit dem leiblichen Tod zugunsten einer höheren Wiedergeburt verspricht. Er baut mit drei Ebenen, Himmel, Erde und Unterwelt, übereinander einen mobilen Fries als Totentanz des Lebens.

Extrem verlangsamt, wie aus Fellinis Menschen-Panoptikum stammend, schreiten Junge und Alte, Derangierte und Deformierte mit dimensional absurd überformten Insignien der Dingwelt, wie Schere, Seil, Kiste oder Holzpferd sowohl auf der mittleren als auch auf der höheren, himmlischen Lebensebene. Mühevoll und heiter zugleich bewegen sie sich von links nach rechts vorwärts. Kurzzeitig bewegen sie sich gegen den Strom, kapitulieren und reihen sich wieder in die vorgegebene Richtung ein.

Unter ihnen, in der sogenannten Unterwelt, markiert der Chor der Deutschen Oper Berlin – von Jeremy Bines verlässlich eingestellt – im von Ulrich Niepel gestalteten Wechsel von Dunkel und indirekter Halblicht-Beleuchtung, mit beschwörender Empathie das immer wiederkehrende  Dies irae und das Totengebet Libera me. Die weiß geschminkten Köpfe der Sängerinnen und Sänger in den schwarzen Gewändern kontrastieren mit dem Weißen Engel auf der Himmelsebene über die Lebensebene hinweg Tod und Leben.

Freyer erzeugt mit Mitteln des epischen Theaters in Verbindung mit dadaistischen Überzeichnungen Momente, die Raum und Zeit geben, über die geschenkte Lebenszeit von unbekannter Dauer zwischen Geburt und Tod nachzudenken.

Benjamin Reiners beginnt mit dem Orchesters der Deutschen Oper Berlin sotto voce fast aus dem Nichts, setzt immer wieder üppige Generalpausen. In Verdis Requiem wird für kurze Zeit die Zeit quasi angehalten. Äquivalent endet das Requiem auch eher fragend, denn antwortend.

Michelle Bradleys Weißer Engel kommentiert mit lyrischer Epik zwischen stiller Beobachtung und aufwallender Himmelshoheit stilsicher. Das Unschuldsweiß von Kleid und Laufebene verwandelt sich mit dem Lacryma in ein tiefdunkles Rot, wie im gleichen Moment Annika Schlicht als Der Tod-ist-die-Frau auf der Lebensebene ihr Kleid öffnet und unter dem Mantel in eben jenem Rot ihr Unterzeug zu sehen ist. Schlichts Mezzosopran verschleiert und verwischt Lebensverlässlichkeit in eine vage Hoffnung mit breitgespreizter Tessitura wirkungsvoll.

Während bei Derek Walton das Schicksal der Beladenen schon in der ihm als Attrappe aufgesetzten Puppe sichtbar ist und sein Bass in selbstgefangener Larmoyanz abwägt, ist Robert Watson als Einsam in einen Baumstumpf bis zum Hals eingeschnürt. Langsam, wie von einer unbekannten Kraft gezogen, wandert der Stumpf mit ihm in 90 Minuten vom linken zum rechten Bühnenrand. Müde und hilflos, einsam, so wie er sein Schicksal ertragen muss, klingt auch sein Tenor. Es ist nicht immer klar, ob er regiegerecht intoniert oder ob ihm in der Einsamkeit seiner Rolle unterwegs Teile seiner Stimme verloren gegangen sind.

Am Ende kriechen aus dem Untergrund gespenstig schwarze Amphibien über die Lebenslinie, über der es himmlisch blutrot leuchtet. Einzelne Choristen stecken ihre Köpfe durch die Unterweltebene und schauen fragend, was da gerade passiert.

Freyers Apotheose seiner Inszenierung kontrapunktiert die offen bleibende Frage zu Verdis leise ausatmender Schlusssequenz. Erst zögerlicher, für einen Moment noch innehaltender, dann lauter Beifall für eine lebensvolle, mutige, nicht traurig melancholisch gestimmte Totenmesse-Inszenierung einer insgesamt tief empfundenen musiktheatralischen Aufführung.

01.11.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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