Elysisches Schlachtfeld

 

Salzburger Festspiele 2018/Penthesilea/Premiere am 29.07.2018/Regie:Johan Simons, Bühne:Johannes Schütz, Kostüme:Nina von Mechow, Dramaturgie:Vasco Bönisch//
Sandra Hüller:Penthesilea, Jens Harzer:Achilles

Aus der Tiefe der Bühne im Schauspielhaus Bochum bewegen sich zwei Figuren schattenhaft aus dem Halbdunkel in den Vordergrund. Worte, halbe Sätze und die Frage: Wer bist du?, untermalt von einem verhaltenen, kratzenden Scharren, betreten Penthesilea und Achilles die Szene. Ein Leuchtband am vorderen Rand des Bühnenbodens scheidet vom Schwarzdunkel des Hintergrunds der von Johannes Schütz minimalistisch gebauten Kulisse.

Erzählt wird in der sogenannten Bochumer Textfassung von Vasco Boenisch die Geschichte der Amazonenkönigin Penthesilea aus der griechischen Sagenwelt des Kampfes um Troja nach dem namensgleichen Trauerspiel von Heinrich von Kleist. Die auf jene zwei Hauptfiguren reduzierte Inszenierung von Johan Simons setzt in dem Moment ein, als sich Penthesilea auf die Seite der Trojaner stellt, nachdem der griechische Held Achilles Hektor, den Sohn des trojanischen Königs Priamos, getötet und seinen Leichnam dreimal um Troja geschleift hat.

Indem das scharrende Geräusch das Kleist’sche Schlachtfeld antizipiert, betont die Inszenierung den mythologischen Kernpunkt lautmalerisch, wie sie ihn in einem ineinander greifenden Sprechduktus nach Boenisch dramatisiert. In wechselnden Perspektiven – die Geschichte zu erzählen und sie zu spielen, dabei immer wieder verwirrend personal zwischen Penthesilea und Achilles hin und her zu wechseln – verbinden sich ihre jeweiligen Worte erst zusammen zu Sätzen. Bin ich (Penthesilea)…. im Elysium (Achilles)?

Die von Penthiseleas Mutter Otrere ihr auf dem Totenbett prophezeite Liebe zu Achilles – den Lieben, Wilden, Süßen, Schrecklichen, bleibt als Traum vom Elysium unerfüllt. Penthesilea opfert das heilige Gesetz der Mütter, den Amazonenstatus eines unabhängigen Frauenstaates fortzuführen, ihrem persönlichen Liebesanspruch: Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los.

Im Kampf von einem Pfeil des Achilles verletzt, verliert sie das Bewusstsein. Von Amors Pfeil doppelt getroffen – Kannst Du mir sagen, wie es die Liebe macht, der Flügelknabe, wenn sie den störr’gen Löwen in Fesseln schlägt? -, rasen Penthesilea und Achilles, von schicksalhaften Räuschen einer unbändigen Liebe getrieben, der Katastrophe entgegen.

Für die alle gesellschaftlichen Grenzen negierende, überschäumend flutende Liebe, die nicht mehr zwischen dem einen, Achilles, und der anderen, Penthesilea, unterscheidet, findet Simons Inszenierung eine intelligent reflektierte Bilddramaturgie der Erzählung. Achilles‘ Frage zu Beginn nach Penthesileas Name, der ihm Auskunft über ihre Herkunft geben soll, von ihr geheimnisvoll mit – Du wirst es schon erfahren – beantwortet, hallt, von ihm am Ende wiederholt, ins mythologische Offene.

Durch die Wiederholung der Sequenz der 13. Szene des 3. Aktes mit vertauschten Rollen – Penthesilea ist Achilles, Achilles ist Penthesilea – transzendiert sie einen Kreis, dessen Enden sich letztlich doch nicht zusammenbringen lassen. Die Aussicht, es schon (irgendwann?) zu erfahren, erfüllt sich nicht. Zumindest nicht in elysischer Vollendung.

Gleichzeitig verweist das Kreismotiv der Bochumer Textfassung, als vor der genannten Szene Achilles über den Weltkreis und das Nicht-Fassbare von Gedanken und Taten sinniert, subtil auch auf das weltumspannende Globus-Signet der neuen Intendanz im Schauspielhaus mit der Saison 2018/19. Leben in der einen Welt bedeutet auch die Gewissheit, jede einzelne Lebenswirklichkeit zu respektieren. Es schon zu erfahren, ist keine Garantie auf Zeit, aber eine Möglichkeit.

Von der ersten bis zur letzten der 120 Minuten schaffen Sandra Hüller und Jens Harzer mit ihrem körperintensiven und gestisch differenzierten Spiel eine mitunter alptraumhafte Intensität. Das Publikum verfolgt über weite Strecken das sich dramatisch zuspitzenden Ringen von Penthesilea und Achilles um ihre fragile Liebe mit atemloser Spannung.

Hüller und Harzer zelebrieren im besten Sinne des Wortes die hohe Kunst des Schauspielens. Während Harzer brillant mit nobilitierten Pausen und gedehntem Rhythmus Achilles eine prototypische Sprache gibt, bei der man das Gefühl hat, man würde ihn beim (Nach)Denken atmen hören, überdeckt Hüllers enigmatische, kraftvoll unter Strom stehende Penthesilea merkwürdig ihre Textverständlichkeit. Auch konzentriert fokussiertes Hinhören lässt ihre Sprache nicht immer deutlich bis in den Rang  vordringen.

Dieses Über-Sprechen, in sich mitunter schreiend oder leise wimmernd Verlierende der Sprechkultur charakterisiert andererseits ausdrucksvoll die emotionalen Penthesilea-Aufwallungen. Hüllers körperliche und gestische Präsenz zeigt sie als eine wandlungsfähige Schauspielerin, die ihrer Penthesilea eine geradezu fast unheimliche Authentizität verleiht. Mit Harzers Achilles, den er in fatalistischer Anmutung mit konsequenter Standfestigkeit spielt, und Hüllers kämpferisch zwischen erotischer Sanftmut und martialischer Streit- und Kampfeslust changierender Penthesilea hat Simons idealtypische Protagonisten für seine Kleist-Interpretation gefunden.

Der ihr eigenen Ernsthaftigkeit folgt das Publikum mit einer Aufmerksamkeit, die keine Atempause zu brauchen scheint. Es wirkt daher so, wie wenn ein Ventil geöffnet wird, als gegen Ende des 2. Teils das Publikum das erste und einzige Mal in Heiterkeit ausatmet.

Achilles erscheint es selbstverständlich, Penthesilea nach Pthia als seine Königin heimzuführen. Sie hält mit der Schönheit des Diana-Tempels in Themiskyra dagegen. Sein Argument – Ich bau dir solche Tempel bei mir auf -, Auslöser der kurzzeitig heiteren Zäsur, kann man als Merkmal für eine Inszenierung verstehen, die die Leichtigkeit des Seins bei aller Ernsthaftigkeit nicht vergisst. Emphatischer Applaus für die sichtlich körperlich und mental erschöpften, grandiosen Hüller und Harzer wie gleichermaßen für eine ausdrucksstarke Aufführung.

14.11.2018

 

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Über Peter E. Rytz Review

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