Jazzfest Berlin 2018, ein Neuanfang

Nadin Deventer, JazzFest Berlin @ Peter E. Rytz 2018

Der Wechsel von Richard Williams als dem künstlerischen Leiter des Jazzfestes Berlin von 2015 – 17 zu Nadin Deventer ist in mehrfacher Hinsicht ein Neuanfang. Mit Deventer rückt exemplarisch die Generation der nach 1975 Geborenen in eine künstlerische Verantwortung, die bisher vor allem von der ihrer Väter dominiert worden ist. Deventer ist in dieser Position nicht nur die erste Frau, sondern sie trägt die Hoffnung, das Jazzfest über eine Schwelle bisheriger Traditionen auf Neues zu fokussieren.

Die Entscheidung, eine Intendantin zu berufen, die in ihrer bisherigen, schon 16jährigen, internationalen Kulturarbeit nicht unmittelbar aus dem Musik-Jazz-Bereich kommt, ist eine, die den Veränderungen im Geist der Zeit mit dem JazzFest Berlin eine neue Perspektive geben wird, ist der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender überzeugt.

Deventer setzt mit ihrem ersten Jazzfestjahr auf eine künstlerische Zusammenarbeit von Musik, bildender Kunst und klaren politischen Positionen: Kreative Grenzgänge und kollektive Visionen. Den Jazz aus seiner, in den letzten Jahrzehnten verpuppten Nische zu holen, ihn mit dem Spirit und dem Zeitgeist in Pracht und Herrlichkeit auch für ein jüngeres Publikum aufzufrischen und aufzumischen, ist ihre Zielvorgabe.

Der erste Satz im Festspiel-Reader – Ein Festival ist so viel mehr als ein Ort der Konzerte und Repräsentation, es funktioniert wie ein Mikrokosmos, der eine eigene Dynamik entwickelt und Neues entstehen lässt. – bezeichnet ungeschminkt, wohin die Jazzfest-Reise mit ihr gehen soll: Mit Jazz-Musik vielstimmige Geschichten zu erzählen, die mehr umfassen, als nur die Musik zu hören. Mit einer kreativen Berlin-Chicago-Connection setzt Deventer auf gesellschaftliche Freiräume im Diskurs von Afrofuturismus & Empowerment.   

So ambitioniert programmatisch sie sich vor Beginn des Festivals gibt – Fly or Die (Jaime Branch) -, so eindrucksvoll ist die Performance der Konzerttage. Sie verbindet den Neuanfang mit einer Reprise aus den Anfängen des Jazz – Jason Moran – The Harlem Hellfighters – und Kontinuität mit dem von Williams eingeführten Artist-in-Residence-Programm, das 2018 mit Mary Halvorson eine Künstlerin beehrt, die sich in den letzten Jahren als originäre Gitarristin etabliert hat.

Eingebettet zwischen dem Jason-Moran-Project in Verbindung mit dem Dokumentarfilm von François Reinhardt (2017), The Great War of the Harlem Hellfighters und von Halvorsons Bühnenpräsenz mit ihrem Octet, ihrer engagierten Mitgestaltung der Kiezkonzerte, Konzerte in der sozial-gesellschaftlichen Nachbarschaft des Festspielhauses sowie im aufschlussreichen Artist Talk mit Richard Williams, eröffnen die Konzerttage mit einem Grand Opening – Haus of Jazz dezidierte künstlerische und politische Positionen und Haltungen.

Der Konzerttitel Irreversible Entanglements des Art Ensemble of Chicago interpretiert die irritierenden Verwicklungen von Musik im Kontext von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit kraftvollen Sound-Geschichten. In ihnen geriert sich ein über Jahre gewachsenes Vertrauen – der Saxofonist Keir Neuringer, die Poetin Camae Ayewa aka Moor Mother und der Bassist Luke Stewart kennen sich von verschiedenen selbstorganisierten basisdemokratischen Aktionen seit 2015 – unter der altersweisen Leitung von Roscoe Mitchell und seiner inspirierenden Intuition mit Saxophon und Flöte zu einer musikalisch poetischen Proklamation.  Gegensätzlich zu dieser Zeitgeist-Lebendigkeit rumpelt Kim Myhr mit nervenden Minimalis You | me dem Anspruch auf Dauer langweilend hinterher.

Wie Anspruch in einer authentisch geprägten, musikalischen Figuration Ausdruck finden, zeigen das Maciej Obara Quartet mit improvisatorischen Facetten sowie das Duo Masecki / Rogiewicz mit Straight-Ahead-Ragtime, der Tradition und Moderne zu interessanten Klang-Assemblagen verbindet.

Mary Halvorsons Auftritt mit ihrem Octet gibt sich mit Away with you kommunikativ publikumsorientiert. So angestrengt sich ihre Offerte liest, so dominiert im Zusammenspiel mehr die Absicht als das Ergebnis. Halvorsons Initiationen finden zwar bei Susan Alcorn an der Pedal Steel Gitarre, der Saxofonistin Ingrid Laubrock und dem Trompeter Dave Ballou einen widerhallenden Resonanzboden, ohne dass jedoch der Funke im Octet insgesamt überzeugend zündet.

Aber selbst dem Jazz-Guitar-Hero Bill Frisell gelingt es bei seinem Solokonzert Music is, der Deutschlandpremiere seines neuen Albums, nur bedingt zu überzeugen. Seine geschmeidig betonten, seine eine Eleganz bewusst unterlaufenden Gitarrenläufe verlieren sich in ihrer Länge oftmals in selbstreferentieller Verliebtheit. Noch angeregt und in Erinnerung schwelgend von Emma Franz‘ Dokumentarfilm von (2017) Bill Frisell: A Portrait, haftet dem Abschluss-Konzert des JazzFestes Berlin 2018 etwas Geschmäcklerisches, wenig von dem sonst gewohnten Ingeniösen an.

Dieses zeigt, wie auch der Auftritt der WDR Big Band unter der unaufgeregten, gleichwohl überlegenen Leitung des Arrangeurs und stilvoll spielenden Saxofonisten Bob Mintzer, dass große Namen keine Gewähr für einen überzeugenden Drive in jedem Fall sein müssen. Featuring Jazzmeia Horn ist im Blick auf die Big Band eine fashionable, folkloristische Augenweide, die amerikanische Vorgänger-Vokalistinnen, wie Billie Holiday oder Ella Fitzgerald mutig phrasiert, aber das Zitat nicht vergessen macht.

Resümee des ersten Deventer-Intendanten-Jahres: Ein junger, frischer afroamerikanischer und Berliner Blick auf eine Jazzszene, die im Hier und Heute Position bezieht. Dabei werden allerdings auch wesentliche Elemente eines dynamisch sich entwickelnden Jazz ausgeblendet. Insgesamt ein engagierter Einstand, der in den nächsten Jahren seine Nachhaltigkeit unter Beweis zu stellen hat.

21.11.2018
photo streaming JazzFest Berlin 2018

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Jazz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.