Mass – Ein Riesending?

 

Street Chorus @ Jan Roloff 2018

Nachdem das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen vor einigen Wochen mit Mass. Ein Theaterstück für Sänger, Instrumentalisten und Tänzer im Rahmen des diesjährigen Bernstein Centential Premiere hatte (Mass – Ein Missverständnis vom 11.10.2018, hier veröffentlicht), setzt die Tonhalle Düsseldorf in ihrem letzten Sternzeichenkonzert 2018 ebenfalls auf Mass.

Den Gelsenkirchener Eindruck eines Missverständnisses kann auch die halbszenische Einrichtung von Susanne Frey in Düsseldorf nicht korrigieren. Wenn Uwe Sommer-Sorgente im Startalk vor dem montäglichen Konzert mit dem Dirigenten John Neal Axelrod und der Regisseurin Mass vorab als ein gigantisches Riesending in den höchsten Tönen lobt, legen sich fast automatisch Zweifel auf die Seele des kritischen Zeitgenossen. Allein die schon im Zusammenhang mit der Gelsenkirchener Inszenierung gestellt Frage, warum Mass so selten aufgeführt wird, mit dem ökonomischen Totschlagargument lakonisch wegzuwischen, beantwortet nicht die künstlerischen Intention der Frage.

Axelrod zeigt sich im Gespräch als launiger Entertainer, der vielleicht ein wenig zu viel damit kokettiert, Bernstein als 16jähriger noch kennengelernt zu haben. Seine Emphase – Mass is like a climbing the Mt. Everest – ist mit ihrer populistischen Bildsprache ein sicherer Garant dafür, dass sie auf begeisterte Zustimmung des Publikums von vornherein rechnen kann. Wenn er das Publikum abschließend mit großmächtiger Geste – The celebrant is everyone, you, you and you! This journey is your journey! – ins Konzert komplimentiert, steht schon fest, dass dies wirklich nur noch einen Riesending werden kann.

Es ist an diesem Abend schon vieles anders, als gewohnt. Das Konzertpublikum ist eine generationendurchwachsene Mischung von Abonnementen sowie von Eltern und Großeltern der kindlichen Sänger des Jugendchores der Akademie für Chor und Musiktheater (von Justine Wanat überzeugend mit Freude am Gesang und am Spiel einstudiert), sicher einige unter ihnen, die vielleicht noch nie ein Tonhallenkonzert besucht haben. Dass Susanne Frey bekennt, dass sie vor der Annahme des Inszenierungsangebots selbst noch nie in der Tonhalle war, soll als Randnotiz der Vollständigkeit halber zumindest genannt sein.

Ihre lautmalerische Replik – Wow, was für ein spezieller Raum! – reiht sich in die Mass-Euphorie ihrer Vorredner ein. Wenn Frey anschließend mit dem Zusatz – ich inszeniere in Überzeugung, dass der Raum die Aufführung zwingend macht – glaubt, sich zu legitimieren, formuliert sie erst einmal nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit. Letztlich geht das pro domo aber nicht auf. Hier offenbart sich wohl ein grundsätzliches musiktheatralisches Dilemma von Mass.

Viel lässt sich fabulieren über Bernsteins Überzeugungen. Es gäbe keinen Unterschied zwischen U- und E-Musik, wie es nur gute oder schlechte Musik gibt. Die Kompositionskategorie Requiem für Mass sei aus der tradierten Klassik geborgt, sei aber ein Wurzelgeflecht aus Oper, Musical, Rock, Jazz, Pop, Blues, Folk  und, wie Axelrod es ausdrückt, Kinderspiel: A puzzle in the box.

Bernsteins Idee, mit Mass nach der Wahrhaftigkeit Gottes zu fragen, ihn nicht als angry God an den Pranger zu stellen, sondern ihn von den Menschen, die mit allen Freuden und allem Leid mitten im Leben stehen, zu befragen, vertraut dreifach auf die Struktur des griechischen Chores.

Der Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf fungiert als Platzhalter mit der lateinisch gesungenen Konvention der römisch-katholischen Messe für den traditionell konservativen Teil der Gläubigen aus einer gewissen Distanz. Es erweist sich es sich durchaus als problematisch, Teile des Chores, gewissermaßen himmlisch aufpoliert, vorproduziert über Lautsprecher eingespielt, mit dem Live-Chorgesang auszubalancieren.

Der sogenannte Projektchor, Street Chorus steht für eine Jugend, die fragend in die Zukunft schaut, aber Gottes Zuversicht nicht finden kann. Besetzt mit professionellen Chorsängern, bleibt deren gesangliche Performance nur in Teilen bedingt überzeugend. Dass sie mit Headset singen, verstärkt insbesondere den der Bernstein-Komposition zugrunde liegenden evangelikalen Pathos, der mit den amerikanischen Anti-Vietnamkrieges-Demonstrationen zu Zeiten der Uraufführung – legendär die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte 1971 zur Eröffnung des John F. Kennedy Centers for the Performing Arts in Washington – im Hintergrund deutlich mitschwingt. In Freys Inszenierung verschleiert der Street Chorus das damals disparat Zeitgeistige mehr, als sein Heute zu betonen.

Die genannte Distanz zieht sich merkwürdig durch die gesamte Inszenierung. Sie wirkt bis ins Orchester. Wann hat man in einem Konzert schon Orchestermusiker gesehen, die sich entspannt – manche mit einer wenig beteiligten Haltung zum Mass-Geschehen – die Beine über Kreuz geschlagen, auf ihrem Stuhl zurücklehnen? Wiederholt haben die einzelnen Instrumentengruppen minutenlang nichts zu tun. Wie sie es trotzdem immer wieder versuchen, den unterbrochen Flow fortzusetzen, mag vor allem als Ausdruck ihrer Professionalität gelten.

Einzig durchgängig glaubhaft in seiner Hoffnung ausstrahlenden Perspektive wirkt der Jugendchor der Akademie für Chor und Musiktheater mit der 13jährigen Elise Kliesow in Vertretung des erkrankten Knabensoprans Mark Vargin. Die Mädchen und Jungen singen mit einer spielfreudigen Unbekümmertheit, wie man sich Kinder von 6 bis 14 Jahren nur wünschen kann.

Jubilant Sykes lotet den schmalen, vorgegebenen Inszenierungsparcours engagiert aus. Es ist die Crux der Celebrant-Rolle, dass er lange nur als bittender, letztlich resignierender Stichwortgeber – Let us pray! – immer wieder niederknien muss, bevor er schlussendlich – Fraction: Things get broken – seinen Bariton lauda, laude triumphieren lassen kann.

Das es am Ende rauschenden Beifall gibt, ist wohl vor allem als Erfüllung eines vorgegebenen Vor-Programms zu werten.

12.12.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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