Keine Geste geht gar nicht

 

Thomas Baumgärtel, Solidaritäts-Banane, 2003 @ Peter E. Rytz 2015

Kunstausstellungen machen es auch dem aufgeschlossenen Besucher nicht immer leicht. Im Wettbewerb um das rare Gut öffentlicher Aufmerksamkeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen sind so manche Kuratoren auf der Suche nach außergewöhnlichen, ihrer eigenen Überzeugung nach so noch nie oder nur randlich beleuchteten Facetten von Werken des Kunstkanons. Dabei kann es passieren, dass sich kunstwissenschaftlicher Forscherdrang und akribische Detailarbeit letztlich in einer kuratorisch bemühten Ausstellungskonzeption niederschlagen, die das Interesse des Betrachters in Zwangsherrschaft nimmt – und es schnell verfliegen lassen kann.

Mit der Ausstellung Die Geste – Kunst zwischen Jubel, Dank und Nachdenklichkeit geht die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen einen, wenn man so will, direkteren Weg zum Betrachter. Sie beschenkt sich damit zu ihrem 20.Geburtstag – und gleichzeitig blickt die Direktorin Christine Vogt auf zehn erfolgreiche Jahre einer kreativen Ausstellungstätigkeit zurück. Die Ausstellung wird selbst zu einer Geste als Zeichen der Wertschätzung.

Der Fingerzeig des Ausstellungslogos, dem der Screenprint Finger Pointing von Roy Lichtenstein zugrunde liegt, reicht von 1973, als ihn Lichtenstein publizierte, mühelos bis in die Gegenwart. Der auf den Betrachter gerichtete Finger ist eine Aufforderungsgeste: Auf Dich kommt es an. Die Geste des Zeigens (deictic gesture) wird als Ursprung der menschlichen Kommunikation angesehen, ist im Ausstellungskatalog zu lesen. Er ergänzt die in medias res konzipierte Ausstellung in einer ebenso direkten, unverstellten Lesbarkeit.

Finger Pointing steht zusammen mit den anderen ausgestellten Arbeiten exemplarisch für die Möglichkeit, sich Werken der Kunst zu nähern, mit ihnen in einen Dialog zu treten, obwohl deren Sprache dem Betrachter nicht unbedingt bekannt sein muss. Keine Kunstsprech-Übersetzung ist notwendig. Allein eine Geste kann genügen, um eine Tür zu einem vielleicht überraschenden Gespräch zu öffnen.

Die Geste als wesentlicher Teil jeder Kommunikation unterstreicht bildsprachlich und nonverbal erweitert durch spontane, – und/oder in bestimmten sozio-kulturellen Milieus konnotierte -, Körperbewegungen, insbesondere von Hand und Kopf konkrete Gesprächsinhalte. Jede in Oberhausen ausgestellte Arbeit kann durch ihre gestische Signatur problemlos verstanden werden.

Wolfgang Mattheuers ikonografischer Jahrhundertschritt zeigt in der Dichotomie der Hände von Heilversprechen und Kampfbereitschaft sowie der nackten und der uniformierten Beine in der Vorwärtsbewegung einen sich in seiner aktivistischen Attitüde selbst überfordernden Menschen. Der Kopf versinkt wie unter einem Harnisch zwischen seinen erhobenen Schultern. Die Geste ist klar, wie ihre transportierte Botschaft vorder- und hintergründig zugleich ist.

Wie mit dieser Skulptur Nachdenklichkeit als ein Teil des Untertitels der Ausstellung in den Mittelpunkt rückt, thematisiert Angela Merkel im Finale der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 zwischen Italien und Frankreich – Thomas Baumgärtel, 5 :3, 2006 – mit ihren nach oben gerissenen Händen den untertitelten Jubel. Eine Jubelgeste, die inzwischen Teil des globalen Bildgedächtnisses ist, wie vielleicht sogar noch mehr die Rauten-Geste ihrer Hände. Dass die sogenannte Merkel-Raute, die man als Aufmerksamkeitsgeste deuten kann, im Gemälde Der Märtyrertod des Apostels Johannes (Oberrheinisch um 1450) dargestellt ist (nicht in der Ausstellung), verweist auf einen Aspekt der langen kulturgeschichtlichen Tradition menschlicher Kommunikation.

Wer dafür noch eines nachhaltigen Beweises bedarf, dem sei in der Ausstellung das Niederländische Sprichwörterbild von Pieter Breughel d.Ä. (um 1559) empfohlen. Die Vielzahl von Gesten zu entdecken, sie zu entschlüsseln, prädestiniert dieses Bild in besonderer Weise auch für einen Ausstellungsbesuch mit Kindern. Wie überhaupt in der Ausstellung Eltern erfahren können, wie sie in den Reaktionen ihrer Kinder auf die ausgestellten Arbeiten gespiegelt werden.

Ob C. O. Paeffgens Bild eines mit dem rechten Zeigefinger in der Nase bohrenden jungen Mannes mit dem auf eine kleine Fahne geschriebenen Sehr Schön (1969/2013), sich als pädagogisch wertvoll erweist oder weniger konstruktiv ist, wird sich allerdings zeigen. Ebenso spannend ist die Frage, ob sich Ein Junge und ein Mädchen in Semeon Natanovic Fajbisovic‘ Darstellung von 1988 heute noch wieder erkennen.

Die Geste ist eine entspannt konzeptionierte, gleichwohl kunstgeschichtlich hoch interessante Ausstellung. Sie nimmt den Ausstellungsbesucher auf einen bildmächtigen, salopp arrangierten Parcours von der Antike über Albrecht Dürer bis Roy Lichtenstein mit. Im Sinne des Sammlerehepaars Ludwig legt die Ausstellung eine Fährte, die entdecken lässt, was die dargestellten Figurationen innerlich verbindet oder trennt.

Einmal anders, vorurteilsfreier als gewohnt auf Kunstwerke, neben nebeneinander gehängt, zu blicken, die von der Kunstwissenschaft eher mit spitzen Fingern angefasst werden, wünscht sich im Pressegespräch Christine Vogt. Wer die Probe aufs Exempel in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen bisher noch nicht gemacht hat, sollte sich sputen. Sie schließt am 13. Januar 2019.

16.12.2018
photo streaming Die Geste

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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