My world is now

 

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen @ Phile Deprez

Seit derPremiere 2009 am NTGent zieht Gift nach einer Textvorlage von Lot Vekemans in der Inszenierung von Johan Simons die Zuschauer in seinen dunkel verschatteten Bann. Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen erkunden, auf welcher Bühne auch seitdem Aufführungen stattfinden, stets das SIE im ER und umgekehrt. Eine Ehegeschichte, die viel mehr ist, als ein intelligent und empathisch inszeniertes Schauspiel.

Jetzt hat das Stück im Kammerspiel des Schauspielhauses Bochum seine Premiere. Das existentielle Ringen – wie mit der Verzweiflung nach dem Unfalltod des gemeinsamen Kindes weiterleben – inszeniert Simons als intime Zwiesprache. In atemberaubenden, intensiven 90 Minuten wird der Zuschauer in einen verstörenden Bann geschlagen. Es ist, als würden de Brauw und van Watermeulen nicht auf der Bühne etwas Inszeniertes spielen, sondern als würden sie unter Tränen und Lachen, mit Schreien und Seufzern tatsächlich an der Wirklichkeit verzweifeln.

Allein mit sich und um die gemäße Form eines Weiterlebens seit Jahren ringend, verschieben sich nicht nur ihre gegensätzlichen Wahrnehmungen. Aus Theaterbesuchern werden mehr oder weniger heimliche Beobachter. Menschen, die scheinbar zufällig Augen- und Ohrenzeuge der Auseinandersetzung eines Paares sind, werden vom vergifteten SIE-ER-Atem einer unendlichen Verzweiflung eingehüllt.

Das vermeintliche Gift im Friedhofsboden, ihre Notlüge, die ihn zu einem Treffen am Grab des Kindes nötigt, mutiert zur Büchse der Pandora. Sie ist voller Gift. Jedes Wort, jeder Ton, jeder Blick, jede Bewegung von De Brauw und van Watermeulen werden zum steten, aber erfolglosen Versuch, Normalität herzustellen. Während SIE im Tal der Tränen selbstgefangen ist, sucht ER mit einem Schlussstrich unter der tragischen Vergangenheit einen Neuanfang.

Lot Vekemans‘ Textvorlage, von einigen Kritikern zurecht als Juwel des Theaters bezeichnet, verschiebt die tragische Grundierung zu erweiterten Horizonten, in denen Möglichkeiten für ein grundsätzlich zufriedenes Lebens aufscheinen. Vekemans findet dafür in der Musik eine ingeniöse Metapher und Simons dafür eine adäquate, dramaturgische Struktur.

SIE, die keinen Ausweg aus ihrer Verzweiflung findet, hört von Ferne Flow my Tears von John Dowland. Mit Flow, my tears, fall from your springs! Exiled for ever, let me mourn klangmalt der Countertenor Steve Dugardin ein zartes Pastiche ihrer seelischen Verzweiflung. In tief empfundener Unschuld berührend, zeichnet Dugardin mit hoher Glaubwürdigkeit.   

ER erzählt, wie ihm beim Hören eines Liedes auf einmal wie eine Erleuchtung die Erkenntnis gekommen sei, dass in diesem Moment, an diesem Ort das Leben ist. Hoffnungen, die etwas Besseres, Zufriedeneres und vielleicht Schöneres in der Zukunft zu finden glauben, widerspricht er vehement. Dugardins Gesang der Candide aus Leonard Bernsteins Operette setzt mit My world is now,… Oh, Let me trust now zu ihrer endlosen, endgültigen Verzweiflung eine lebenspraktische Zäsur. Die wiederholte Sequenz – It must be so. The dawn will find me – lässt die Poesie einer Morgendämmerung zur Lebenswirklichkeit werden.

Leo De Nijs‘ Bühne, die ein minimalistisch gespiegeltes Format des Zuschauerparketts bildet, assoziiert und verstärkt die gleichberechtigte Vertauschung von Schauspieler und Zuschauer. Von einem rot gefärbten Rotorblatt im Bühnenhintergrund wird Wasser wie ein Nieselregen verweht und versprüht. Den parkettartigen, amphitheatralischen Aufbau dreht van Watermeulen, unterstützt von Dugardin, als wollten sie mit männlicher Muskelkraft das sich in alle Gesprächsritzen eingenistete Gift durch die Gravitationskraft herausschleudern. Nicht mehr als ein erfolgloses Patt. SIE staunt – Manche Menschen sind immer freundlich –, während er lautlos singt.

Voltaires Schrift Candide oder Der Optimismus von 1759, die Bernsteins Operette zwar nicht zum Erfolg verholfen hat, findet in Simons Candide-Assoziation des ER-SIE-Dilemmas einen überraschend überzeugenden Widerhall (nebenbei gleichzeitig noch einen Beitrag zum diesjährigen Bernstein Centential). Seine Inszenierung beharrt auf dem Appell zur Aktivität, jenseits allem Pessimismus, wenn auch nicht ohne Skepsis: My world is now.

17.12.2018

Werbeanzeigen

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.