Ästhetik der Kontraste

@ Peter E. Rytz 2019

 

Blättert man durch die einschlägigen Jazz-Magazine, scheint es, als würde von Jahr zu Jahr die Anzahl der Jazz-Festivals stetig zunehmen. Es mag mit der globalen Öffentlichkeit und den sozialen Medien zusammenhängen, dass die vor Jahren noch verlässliche Übersicht in der Informationsflut schier verloren geht.

Das mehrtägige Internationale Jazzfest Münster – im jährlichen Wechsel mit dem eintägigen Konzert In between – eröffnet seit Jahrzehnten verlässlich weltweit das neue Jazzjahr – am ersten Wochenende 2019 schon zum 27. Mal. Dass es zeitgleich mit dem NYC Winter Jazzfest stattfindet, ist eher ein Hinweis auf die Lebendigkeit der Jazzszene insgesamt als zu beklagende Konkurrenz.

Für verlässliche Kontinuität in Münster steht seit mehr als 30 Jahren der Programmmacher und Spiritus rector Fritz Schmücker. Kontinuität ist dabei nicht mit Gewohnheit zu verwechseln, die einschmeichelt. Er besitzt nicht nur ein sicheres sowie subtiles und hellwaches Gespür, programmatisch Aktualität im Neuen, im relativ Unbekannten auf die Bühne in Münster zu holen. Bis in seine launig unterhaltende, präzis auf den Punkt informierende Moderation ist eine Kultur spürbar, die glaubhaft, authentisch und überzeugend ist.

Nicht zuletzt hat die Heidelberg Music Conference – in den letzten Jahre ein vielbeachtetes Branchen-Forum, auf dem die Bedingungen des Musiklebens immer neu hinterfragt werden – formuliert, dass die Sichtbar-, respektive Hörbarmachung von kulturellen Hintergründen in der modernen Gesellschaft immer wichtiger wird. Insonderheit ist auch das Jazzfestival mit seinem künstlerischen Leiter Fritz Schmücker mehr als nur eine jazzig unterhaltsame Musikveranstaltung. Das Drumherum, das miteinander Hören und Lauschen als ein sowohl gemeinschaftliches Erlebnis als auch ein elitäres, allein für jeden Einzelnen, bietet vielfältige Assoziationsebenen hinsichtlich eigener Lebenserwartungen.

Schmücker gelingt in diesem andauernden Engagement etwas Seltenes. Er entdeckt regelmäßig bis dato weniger bekannte Musiker und Bands mit unverbrauchtem Temperament und intelligentem Spielwitz. Es wäre eine eigene Geschichte, diejenigen aufzuzählen, die nach ihrem Debüt in Münster zu großen Karrieren durchgestartet sind.

In der für Schmücker münstertypischen, identifizierbaren Handschrift, schlägt das Jazzfest 2019 mit seiner Ästhetik der Kontraste ein neues Kapitel auf: Fortsetzung meiner Entdeckungsreise durch die Welt dieser Musik. Zwar nicht auf das häufig arg überstrapazierte Name-dropping setzend, heißt nicht, den Scheinwerfer nicht auch hin und wieder in die Geschichte des Jazzfestivals Münster zu schwenken.

Keine alten Geschichten fortzuschreiben, sondern sie universell und divers leuchten zu lassen: Die älteren Jugendlichen erinnern sich vielleicht noch, dass Mark Helias schon 1986, damals noch in der Halle Münsterland, mit Don Cherry mit Nu hier in Münster aufgetreten ist, so Schmücker mit ironisch empathischem Unterton. Jetzt steht Helias mit Erik Friedlander’s Throw a Glass wieder auf der Bühne in Münster, wie ebenso Henri Texier – nicht nur in Münster ein gern gesehener Musiker – mit seinem aktuellen Henri Texier Sand Quintet bekannte Sounds und Melodien entstaubt. Beide bilden gewissermaßen Brückenpfeiler in Schmückers von Leidenschaft inspiriertem Münster-Jazz-Kosmos.

Helias mischt Friedlanders absinthgrüne Cello-Halluzinationen zusammen mit Uri Caines pianistischen Arabesken via Wagner e Venezia sowie den obsessiven Drum-Beats von Ches Smith zu einer poetisch glasklaren Melange: Throw a Glass. Ganz anders und dominanter poliert Henri Texier alte Solo-Kompositionen auf, unterstützt von den tänzelnden, spielfreudig inspirierten Saxofonisten Francois Corneloup und Sébastien Texier sowie seinem altvertrauten Gitarristen Manu Codjia und einem leider heftig neben der Spur trommelnden Gautier Garrigue, und verleiht ihnen neuen Glanz.

Zählt man den charismatischen, mit seinem Trompetenton osmotisch atmenden Erik Truffaz noch zu den bewährten Musikern, umweht alle anderen (viele von ihnen mit Deutschlandpremieren) eine frische Brise. Sie durchlüftet den Kopf, stellt die Ohren auf und lässt teilweise atemlos staunen.

Axes, ein Sextett, mit einem doppelten Drumset und vierköpfiger Saxofon-Fraktion besetzt, in Portugal als Newcomer hochgelobt, eröffnet mit druckvoller Originalität. Angeführt von João Mortágua, schichten sie repetitive Pattern übereinander und spalten sie, Axes-(Axt)-Metaphern assoziierend, zu oszillierenden Klangfarben.

Scheinbar irreführend zum Namen – Daniel Erdmann’s Velvet Jungle –, malt Erdmanns erdiges Tenorsaxofon weniger ein sanftes Dschungel-Tête-à-Tête. Es ist viel mehr, als würde Theo Ceccaldi den farbenprächtigen, exotisch verträumten Dschungel mit seiner elektrisch verstärkten Violine und Viola malträtieren. Alles andere als eine sanfte Landung. Noch im Widerschein scheinbarer Schwerelosigkeit trommelt Samuel Rohrer jede nur denkbare kammermusikalische Traumverlorenheit vehement weg. Selbst das Vibraphon von Jim Hart ergibt sich nach lyrisch auflaufendem Widerstand in die Velvet-Jungle-Magic-World Erdmanns.

Die Unbeständigkeit der Dinge ist eigentlich angesichts des ewigen Wechsels von Leben und Vergehen eine triviale Feststellung. Susana Santos Silvas Quintett Impermanence hat diese Erkenntnis zum programmatischen Namen gemacht. Ihr an der Klassik geschulter Trompetenton klingt dunkel und düster. Auf der Suche nach Ruhe im endlosen Chaos der Dinge vertraut sie wie Erdmann der Sanftmut nicht wirklich. Sie skizziert Bilder von unbändiger, nach Freiheit flehender Wildheit. Kontrollverluste, die Torbjörn Zetterberg mit dramatischen Basslinien zu konstituieren versucht. Selbst die sanfte Intimität von João Pedro Brandãos  Klarinette und  Flöte lockt vergebens.

Dem ewig Unbeständigen folgt Sylvain Rifflet mit einer Hommage an ein von vielen so gesehenes und gehörtes, musikalisches Genie im Abseits: Perpetual Motion – A celebration of Moondog. Moondogs hollywoodeske Geschichte vom blinden Straßensänger in New York zu einem solchen im westfälischen Recklinghausen erinnert Rifflet zum 20. Todesjahr mit einer emotionalen Emphase Heat on the Heather. Die Hitze der Großstadt verflimmert der New Yorker Saxofonist Jon Irabagon mit seiner ingeniösen Zirkularatmung in der westfälische Flurlandschaft zusammen mit Rembrandt Frerichs pianistischem Instinkt niederländisch geprägter Dazwischen-Erfahrung. Joce Mienniels Flötenton zirkuliert wie ein von Benjamin Flaments Drums aufgescheuchter Vogelschwarm, den Rifflet trotz großer Geste nicht einfangen kann.

Wie es gelingt, kleine Gesten wirksam in authentisch kreative Musik umzusetzen, zeigen der Flamenco-Gitarrist Chicuelo und Marco Mezquida am roten Flügel. Chicuelo – Abbild des Typs Jogador de flamenco – lenkt die figurative Erstwahrnehmung nach den einsetzenden, flirrend verwirrenden Gitarrenläufen vollständig auf den perkussiven Drive der Flamenco-Klang-Faszination durch Mezquida und Paco de Modes. Dezente Klassik-Elemente vermischen sich mit Jazz-Improvisationen zu einem atemberaubenden Flamenco-Feuerwerk.

Wenn das Duospiel von Erik Truffaz mit Krzysztof Kobylinski nicht wirklich aufgeht, obwohl ihre solistischen Qualitäten außer Frage stehen, sind sie sich scheinbar selbst nicht sicher. Die im ersten Teil von Kobylinski solistisch gespielten Eigenkompositionen überzeugen mehr als ihr Zusammenspiel. Mehr ein inszeniertes Wollen, Gaudis Sagrada Familia musikalisch zu skizzieren, als eine kaum mehr über Standard hinausgehende Antizipation.

Trotz aller durch Schmücker attestierten Souveränität von Kultur, Innovation und Kreativität sind Ausreißer, oder soll man sagen, publikumserheiternde, vielleicht auch nach den Sponsoren schielende Zugeständnisse offenbar unumgänglich.

Überschwänglich als fantasievolle Spaßmusik angekündigt, bestätigt Kadri Voorand, dass sie ihr Handwerk als Multiinstrumentalistin und Sängerin genauso gut versteht, wie das einer Entertainerin, die die Zuhörer in ihren Musik-Zoo zu locken versteht. Viel Unterhaltungswertiges mit einem großen Spaßfaktor. Allerdings zu wenig für eine als ätherische Sopranistin gelabelten Musikerin. Ihr Partner, der Bassist Mihkel Mälgand fungiert vor allem als Punchingball Wand ihrer selbstverliebten Spontaneität.

Resümierend überstrahlt letztlich die Höhe – Ästhetik der Kontraste – die eine oder andere Niederung der Ebene. That’s life, enjoying jazz at Münster!

13.01.2019
photo streaming:
Axes
Kobylinski & Truffaz
Daniel Erdmann’s Velvet Jungle
Chicuelo – Mezquida
Impermanence
Perpetual Motion – A celebration of Moondog
Kadri Voorand & Mihkel Mälgand
Erik Friedlander’s „Throw a Glass“
Henri Texier Sand Quintet

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Jazz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.