Hamlet in Zürich: Don’t let the fuckers get you down

Jan Bülow, Edmund Telgenkämper (als Horatio) ©
Matthias Horn

Jede Inszenierung von Hamlet, Prinz von Dänemark versucht zu verstehen, was das für ein Mensch sei, dieser Hamlet? Zahllose Schauspieler haben William Shakespeares Drama buchstabiert, dekliniert und reflektiert. Ob in vollständiger Länge von mehr als sechs Stunden Spieldauer oder, wie jetzt am Schauspielhaus Zürich in einer auf zweieinhalb Stunden gekürzten Fassung zu sehen, ist das Ende immer das Gleiche. Alle Protagonisten sind tot. Erstochen oder vergiftet, hat letztlich jeder Einzelne nicht nur sich, sondern andere, auch Unschuldige, des Lebens beraubt.

In ihrer letzte Saison als Intendantin des Schauspielhauses Zürich öffnet Barbara Frey ihren designiert metaphorischen Blick auf einen Hamlet, der auf der Suche nach einer eindeutigen Wahrheit ist, die es nicht gibt. Intrigant im taktischen Spiel, sind alle mit einem gordischen Knoten verbunden.

Hamlet kann gar nicht wahnsinnig genug sein, um der Wirklichkeit nahe zu kommen. Am Ende wird er daran verzweifeln und zugrunde gehen, weil derjenige, der seine Sünde bekennt, trotzdem als Sieger vom Kampfplatz geht – er behält den durch mörderische Intrigen und Taten eroberten Gewinn: Der Bruder ermordet den Bruder-König und setzt sich selbst die Krone auf. Allerdings wird dieser Sieg nur zum Pyrrhus-Sieg.

Frey übersetzt Hamlets Melancholie in eine unbedingte Präsenz, die den Atem der Bühne ins Heute verlängert. Mit dem in Gestik und Mimik kinskiesk anmutenden, noch blutjungen Jan Bülow, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied in Zürich, entdeckt sie einen Hamlet neuen Typs. Es wird erzählt, nicht zuletzt seinetwegen habe sie Hamlet inszeniert.

Als personifizierter Vertreter der Generation, Ende des 20. Jahrhunderts geboren, mit den sozialen Medien des Internets sozialisiert, entführt er Hamlet nicht nur aus der Geschichte des englischen Hofes in die Gegenwart, sondern verbürgt sich mit seinem Spiel authentisch für eine sich rasant verändernde Welt.

Dass das Hamlet-Drama mit Mord und Totschlag sonntäglich nachmittags um 15 Uhr beginnt, eine Zeit, die nach wie vor landläufig für das Ritual einer bürgerlich tradierten Kaffeezeit steht, stellt bisher verlässliche Gewissheiten zumindest in Frage. Parallel begleitet von einem Kinder-Workshop-Angebot, bietet das Schauspielhaus jungen Eltern eine ihrer Lebenssituation entgegen kommende Möglichkeit, eine Theatervorstellung entspannt zu besuchen. Mit Bülow steht dabei ein Schauspieler auf der Bühne, der jugendlich frisch, kraftvoll authentisch überzeugend als Werbung für ein Theater der Zukunft steht.

Freys Inszenierung setzt mit Bülow als Schauspieler, Sänger und Musiker einen Subjekt-Ausgangspunkt, der angesichts des globalen Tohuwabohus von Informationen und Fake News und deren unendlichem, ständig skandalisierendem Mahlstrom diesen mit einer lapidaren, monoton fließenden Sprache konterkariert. Mit aufreizend nonchalanter Beiläufigkeit lässt Frey die gewalttätige Hamlet-Geschichte erzählen. Sie reflektiert Situationen, in denen heute nahezu jede Nachricht voll von völkermordenden Katastrophen, Gewalttaten und sonstigen Unmenschlichkeiten ist und es immer schwerer fällt, jedem einzelnen Schicksal auch nur ansatzweise nachzufühlen.

Markus Scheumann in der Doppelrolle als Geist von Hamlets ermordetem Vater sowie auch als König Claudius, dessen Mörder, demonstriert jenen Sprachgestus mit geradezu irritierender Überzeugung. Fast betonungslos, wie nebenbei gesprochen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, schlägt er einen Ton an, der einem unvermittelt genauer hinhören lässt. Phänomenal, wie es ihm gelingt, das im Grunde dramatisch Laute in einem vibrierenden Leise zum Ausdruck zu bringen.

Den zwielichtigen Polonius – ebenso den aberwitzigen Totengräber – charakterisiert Gottfried Breitfuss mit dem einzigartig markanten Klang seiner Sprache. In einer Mischung aus hochfahrend hochmütiger Selbstverständlichkeit und speichelleckender Impotenz schlägt er, sinnfällig wie aktiv in die Rolle eines Musiker wechselnd, gemeinsam mit Iñigo Giner Miranda am Klavier und mit Bülow als Rockstar an der Elektrogitarre auf die Pauke.

Freys sinnliche, feinsinnige Inszenierung kommentieren und dynamisieren Pop- und Rock-Facetten auf einer Klangebene. Den verlangsamten, mitunter durch gedehnte Sprechpausen fast zum Stillstand kommenden Sprachfluss kontrastierend, erhöht Bülow mit Don’t let the fuckers get you down, don’t let them take away this song der britischen Post-Punk-Band Savages mit respektlosem Verve den Hamlet-Blutdruckspiegel.

In der ein Spiel im Spiel assoziierenden Bühne von Bettina Meyer metamorphosiert ein roter, mobil verwendeter Vorhang den Übergang vom Theater hinüber  in die Realität. Die Bühnenarchitektur unterstützt sowohl den Wechsel als auch die Beständigkeit der Identitäten. Alle scheinen irgendwie auch gleich zu sein. Egal, ob als Mann oder als Frau. Es sind, wie Claudius Körber als Ophelia bekenntnishaft, Genderkorrektheit ignorierend, formuliert, alles Menschen, die von Würmern letztlich ohne Ansehen der Person unterschiedslos gefressen werden.

Körber-Ophelias ins Mikrofon gehauchter Ballade I remember when I was a very little girl von Peggy Lee transzendiert die Aufführung in eine Chiffre der Moderne von Shakespeares Drama mit Marilyn Monroes Sexappeal bis zum lasziven Impromptu Nothing’s Gonna Hurt You Baby der amerikanische Ambient-Pop-Band Cigarettes After Sex.

Als Kontrapunkt zum Triumvirat Bülow, Scheumann und Breitfuss wechseln Körber ebenso wie Edmund Telgenkämper und Benito Bause ihre Rollen. Sie verkörpern Rosenkranz und Güldenstern wie Horatio und Laertes. Ihr Spiel inkorporiert Geist und Figur in einen Shakespeare’schen, von Frey poetisch aufgedröselten Kosmos.

Inga Bausch sucht in Gertrud eine Balance zwischen dem ihr nach der überschnellen Heirat mit ihrem ehemaligen Schwager Claudius, dem Mörder von Hamlets Vater, anhängenden inzestuösen Makel und der Mutterliebe zu Hamlet. Ihre eher defensiv verschleiernde Spielweise zeigt eine zutiefst verunsicherte und verletzte Gertrud in Todesahnung.

Das Endspiel, der von Klaus Figge sportiv choreografierte Fechtkampf zwischen Laertes und Hamlet, ist das I-Tüpfelchen einer intellektuell anspruchsvollen, gleichwohl poetisch sinnlichen Inszenierung.

09.03.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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