British Pop Art first

@ Peter E. Rytz 2019

Ausstellungen in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen zeichnen sich durch einen ganz eignen Spirit aus. Die agile und umtriebige Direktorin Christine Vogt hat das Haus zu einer Marke im Kunstausstellungsbetrieb auch über Nordrhein-Westfalen hinaus gedeihen lassen. Ausstellungen fokussieren insbesondere fotografische und grafische Aspekte von wichtigen Werkzyklen der Kunstgeschichte aus eher seltener wahrgenommenen Perspektiven. Manchmal irritieren sie sogar tradierte, kunstgeschichtliche Zuschreibungen. So wie jetzt mit British Pop Art. Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Heinz Beck.

Wer Pop Art sagt, neigt in der Regel dazu, American Pop Art mit der Ikone Andy Warhol zu verbinden. Diese Zuschreibung gilt, wie die Schau in Oberhausen deutlich zeigt, nur ganz bedingt. Richtig ist, dass die US-Truppen seit 1942, insbesondere in den Nachkriegsjahren nach England, Bilder von Konsum und Luxus mitbringen, die bildende Künstler vor Ort zu einer reflektierten Kunstform anregen. Richard Hamilton, einer der originären Kunstaktivisten der British Pop Art, beschreibt sie stellvertretend für die 1952 am Institue of Contemporary Arts gegründeten Independent Group als künstlerische Reaktion auf ein neues, urbanes Lebensumfeld, als eine Sache der Blickerweiterung.

Lawrence Alloway, als Kritiker Teil dieser Gruppe, formuliert 1954 erstmals in seinem Aufsatz Arts and the Mass Media den Begriff Pop Art. Erst anfangs der 1960er Jahre werden Kontakte mit American Pop Art in der British Pop Art wirksam, dokumentiert in der legendären BBC-Dokumentation Pop goes the easel, 1962 von Ken Russell.

Vor diesem kunsthistorischen Hintergrund – wesentlich fundamentiert auf dem nachhaltigen Einfluss der stilprägenden Ausstellung This is Tomorrow, 1956 in der Whitechapel Gallery London – blättert die Oberhausener Ausstellung souverän überzeugend die Pop-Art-Geschichte auf.

Mit dem Eintritt in die Ausstellung wird umfassend Hamiltons nachgebaute Multimedia-Installation Fun House in der Ausstellung This was tomorrow des Kunstmuseum Wolfsburg zitiert (Britain Pop: This is tomorrow, this was tomorrow vom 31.01.2017, hier veröffentlicht). Oberhausen nimmt den Titel als ausstellungsdidaktische Steilvorlage und antizipiert sie mit der Sammlung Heinz Beck durch ausgewählte Beispiele wirkungsvoll.

Eingetaucht in diesen Pop-Art-Kosmos, gleichzeitig die im Museum Ludwig Köln zurzeit parallel zu sehende Ausstellung Hockney/Hamilton. Expanded Graphics assoziierend, gerät man in Oberhausen affirmativ in einen bunt schillernden, subversiven Sog aus verdichteten, banalen Versatzstücken der Populärkultur. So unterschiedlich Eduardo Paolozzi, David Hockney, R. B. Kitaj, Jime Dine, Peter Blake oder eben Hamilton in ihrem Ergebnis auch sind, so ist ihnen eine populäre, leicht lesbare Bildsprache gemeinsam eigen, methodisch vereinigt, indem Meisterwerke massenhaft öffentlich zu erschwinglichen Preisen Verbreitung finden.

Als ars multiplicata werden sie weiterhin in Druckgrafiken, Mappenwerken und Multiples publiziert. Werke aus Pop-Art-Sammlungen sind somit keine Unikate, jedoch Originale einer neuen Vervielfältigungskunst. Eine haptische und visuelle Wahrnehmung von figurativen, später mehr abstrakten Bildinhalten mit neuen Bildmedien zu übersetzen, rückt in den Vordergrund.

In Paolozzis ikonografischer Bunk!-Serie (1972) subsummieren sich Motive aus der Werbung, der Nachrichtenfotografie oder beliebigen Alltagsbildern phantasievoll zu Collagen. Jedes ausgestellte Blatt – einige wenige objekthafte Arbeiten inklusive, wie Allen Jones, Legs, 1970 – in der Ausstellung erzählt eine Geschichte. Scheinbar beiläufig alltäglich radikalisieren sie bei genauerem Hinsehen allerdings diesen Eindruck.

In Hamiltons Collage Just what is that makes today’s homes so different? findet sich exemplarisch eine massenmedial verbreitete, kommunikative sowie zivilisationskritische Symbolik. Entsprechend sensibilisiert, den Blick detailliert über diese Arbeit wandern zu lassen und lustvoll zu dechiffrieren, kann der Ausstellungsbesucher mit jeder weiteren Arbeit tief in das damalige Lebensgefühl eintauchen und sich gleichzeitig in seinem So-sein heute relativieren.

Stufe um Stufe im Schloss Oberhausen vorbei an den Siebdrucken Tracy sowie To the Naked Eye it’s a Naked von Gerald Laing und David A. J. Miller, beide von 1968 nach oben steigend, erweist sich die Ausstellungssektion Cover und Inlay‘s als einer der Höhepunkte. Sie verbindet Design und Pop Music als Totallandschaft. Damit knüpft sie indirekt an Total Records – Vinyl & Fotografie des Fotomuseums Winterthur vor einigen Jahren an (Total Records – almost all live vom 21.03.2016, hier veröffentlicht).

Bildnerisch wird am Beispiel des Kult-Albums Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von The Beatles deutlich, wie es Peter Blake mit seiner grafischen Gestaltung gelingt, populär und gleichzeitig künstlerisch anspruchsvoll zu sein. Ein eindrucksvolles Beispiel, wie die schönen Künste als angewandte Kunst typografisch stilbildend wirken. Populistisch im besten Sinne.

Für die bildgrafische Gestaltung des nachfolgenden Beatles-Album – Das weiße Album – findet Hamilton mit einem farblosen Prägedruck eine gleichwohl verblüffende wie kreativ überzeugende Lösung. Blake und Hamilton sind wesentlich für diese  Meisterwerke, die sowohl musikalisch – beide Alben sind zum 50jährigen Jubiläum als Sondereditions neu aufgelegt – als auch bildkünstlerisch massenhaft verbreitet und inzwischen Teil des gesellschaftlichen Bildgedächtnisses geworden sind.

Eine Hörstation lädt ein, mit den Ohren in die Welt der Pop Music einzutauchen und weiterhin mit den Augen die British Pop Art noch bis 12. Mai 2019 lustvoll träumend zu betrachten.

15.03.2019
photo streaming British Pop Art

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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