Klangwunderkonzert

Foto: Caroline Bergeron

Beim Konzert mit dem Orchestre Symphonique de Montréal in der Philharmonie Essen scheint beim ersten, flüchtigen Blick ins Programm alles klar zu sein. Zu Beginn mit Claude Debussys Jeux – Ballett in einem Akt ein impressionistischer Aufwärmer, gefolgt vom Konzert Nr. 5 F-Dur für Klavier und Orchester, op. 103 „Ägyptisches“ von Camille Saint-Saëns, das dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet die Bühne bereitet, scheint nach der Pause mit einem der Schlüsselwerke der Moderne, Le sacre du printemps von Igor Strawinsky der vermeintliche Höhepunkt den Teppich für eine Eloge auszurollen.

Es kommt allerdings etwas anders. Der charismatische Kent Nagano am Pult bestätigt die zu erwartende, differenzierte Klangfarbigkeit der Kompositionen mit viril asketischer Souveränität. Doch das, was von diesem Abend besonders in Erinnerung bleibt, ist ein doppeltes Klangwunder.

Äußerlich konventionell dreisätzig gesetzt, entfaltet Nagano das Konzert von Saint-Saëns impressionistisch farbenreich sprühend. Mit einem mehrfachen Pianissimo setzten zwei Harfen, gefolgt von pointierten Holzbläsern Allegro moderato Farbtupfer, die sich zu mächtigen Klangflächen ausbreiten.

Im virtuosen, harmonisch raffinierten Andante, exotisch mit einem maurisch kolorierten Mittelpunkt orchestriert, spielt sich Jean-Yves Thibaudet in einen lyrischen Klangwunder-Rausch. In den höchsten Tonlagen der Klaviatur, bis zum viergestrichenen A reichend, glaubt man eine Orgel in den hohen Registern zu hören. Mit flirrender Leichtigkeit umschmeichelt er Saint-Saëns‘ Komposition mit ägyptisch anmutendem Sentiment. Das ist an dieser Stelle umso wirkungsvoller zu hören, vielmehr zu erlauschen, weil Saint-Saëns dem Solisten ansonsten reichhaltige Möglichkeiten bietet, seine technische und interpretatorische Könnerschaft Fortissimo zu zeigen.

Im finalen Molto allegro umspielt Thibaudet eine rhythmisch nobilitierte Toccata mit sperrigen Arabesken. Energisch zupackend, mit unbändiger Kraft, gleichwohl souverän ausbalanciert, imponiert er in kongenialer Abstimmung mit Nagano. Zusammen mit dem Orchestre Symphonique de Montréal bilden sie ein brodelndes  Energiezentrum.

Thibaudets Zugabe (eine Piece von Brahms?) unterstreicht nachhaltig, wie er neben artistischem Fortissimo auch mit einem lyrisch Pianissimo gestimmten Arioso verzaubern kann.

In der Wahrnehmung, einem weiteren Klangwunder beizuwohnen, lässt Nagano in Strawinskys enigmatischer, von Skandalen, Vorurteilen und Missverständnissen teilweise bis heute begleiteten Ballettmusik Le sacre du printemps –  Anrufung der Ältesten, II. Teil (Das Opfer) – das Blech extrem gedämpft spielen. Für Momente schillert ein ferner, überirdisch entrückter Klang. Wo Strawinskys fast durchgehend rhythmisierte Bitonalität harmonische Hörgewohnheiten aufbricht und offensichtlich Grenzen überschreitet, wähnt man sich mit dieser Zäsur für Momente auf der sicheren Seite des Hörens.

Als Ballettmusik apostrophiert, ist es mehr ein choreografiertes Ballett-Ritual ohne Handlung. Beginnend mit dem unnachahmlichen Fagott-Solo, dirigiert Nagano die agilen Arpeggien Tempo rubato konsequent mit Nachdruck in einen obertonreichen Klangraum.

Mit phrasierten Achtel-Akkorden der  Streicher wird die Kontrastwahrnehmung gesteigert.  Das Orchestre Symphonique de Montréal demonstriert, wie es Sacre versteht. Mit feinsinnigem Gespür für Strawinskys – den normalen Harmonien widerstreitenden – kompositorischen Kühnheiten motiviert Nagano das Orchester zu einem dichten ostinaten Sacre-Klang.

Entgegen dem eingangs vorschnell formulierten Eindruck, die Ballettmusik Jeux von Debussy sei reduziert auf eine einstimmende Funktion, erweist sich diese als besonders raffinierte Komposition. Die von Debussy überlieferte Entstehungsgeschichte ist so banal wie sie gleichzeitig die Zeit unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg blitzlichtartig fokussiert. Drei junge, sportliche Männer spielen Tennis und rennen einem Tennisball nach.

Debussy macht daraus ein kompositorisches Kabinett- und Kunststück. Es entsteht einer der kompliziertesten Partituren der Moderne. Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen haben es wiederholt als Schlüsselwerk der musikalischen Avantgarde bezeichnet.

Dem Stück liegt ein rätselhaft dunkel Raunendes zugrunde. Nagano weckt mit einem ebenso dunklen warmen Instrumentenklang des Orchestre Symphonique de Montréal ein unausgesprochenes, sinnliches Begehren. In seiner Interpretation geriert sich Jeux zu einem impressionistischen Raunen und Rauschen par excellence.

Jedes der drei Konzerte für sich genommen, hätte allein schon einen Konzertbesuch gerechtfertigt. Dass Nagano als Zugabe, wie er es ausdrückt, einen Walzer mit einem Marsch ungewöhnlich verbindet, lässt noch einmal hörbar werden, wie unter seiner filigranen Leitung selbst das Ungewöhnliche, vielleicht sogar das Leichte eine Klangbedeutsamkeit bekommt.

18.03.2019

Werbeanzeigen

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.