Pirchans wundersame Neuentdeckung

Foto: Peter E. Rytz 2019

Es gibt sie auch heute noch. Wundersame Geschichten von verstaubten Kisten und Kästen, die über Jahrzehnte vergessen vor sich hindämmern und ihrer Entdeckung harren. Beat Staffan, Enkel von Emil Pirchan, einem stilbildenden Universalkünstler zwischen Kunst und Handwerk in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, findet im großelterlichen Haus in Wien ebendort ein Konvolut des künstlerischen Schaffens seines Großvaters.

Dieser Fund bereichert seitdem den Nachlass Emil Pirchan, Sammlung Staffan/Pabst – und findet im Deutschen Plakat Museum im Museum Folkwang Essen einen kuratorisch maßgeblichen Widerhall. Das Team um dessen Leiter René Grohnert hat diese märchenhaften Umstände entschlossen als Chance genutzt, das Potential des Depots wieder einmal nachdrücklich ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Herausgekommen ist eine Ausstellung, die, wie der Titel Emil Prichan. Plakat – Bühne – Objekte (noch bis 5. Mai 2019) schon deutlich werden lässt, weit über die Plakatkunst hinausweist. Grohnert freut sich entsprechend in der Pressekonferenz, endlich einmal den ganzen Pirchan zeigen zu können. Pirchans Nachlassfund hat, wie Steffan im beziehungsvoll bezeichneten Katalogbeitrag Kreativ ohne Pause formuliert, zudem seinen langen Dornröschenschlaft in aller Frische überstanden.

Mit Pirchan ist in der Ausstellung ein Künstlertyp und Wegbereiter der Reformbewegung kennenzulernen, der vom Jugendstil herkommend, vom Wiener Grandseigneur der Architektur, Otto Wagner geprägt, als Grafiker, Architekt, Bühnenbildner und Autor die Idee eines Universalkünstlers lebt. Er arbeitet mit der Überzeugung einer Einheit von Kunst und Leben, die in der Gesellschaft eine unmittelbare Rückbindung hat: Zweckgefühle und Schönheit kommen aus demselben Kastel.

Die Ausstellung folgt Pirchans Arbeitsweise von Skizze über Reinzeichnung zum Produkt. Ob Plakat oder Bühnenbild, ob Architekturmodell oder Möbeldesign sowie seit den 1930er Jahren angesichts amusischer Zeitläufte verstärkt als Autor von Künstlermonografien oder kunsttheoretischen Schriften – Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch (1934) oder Gustav Klimt – Ein Künstler aus Wien (1942) sind heute wichtige Quellen in der Provenienzforschung! –, mit Neugier und lebhaftem Interesse über den Tellerrand zu schauen, hat ihn zeitlebens umgetrieben.

In den ausgestellten Arbeiten kann man seinem untrüglichen Gespür für aktuelle künstlerische Entwicklungen nachspüren. Die häufig gebrauchten, ungebrochenen Farbtöne geben seinen collagierten Plakatentwürfen, wie Ansicht von Tutzing (1912) oder München (ca. 1912), eine unverkennbare Handschrift. Der München-Entwurf signiert als Corporate Design für Faltblatt und Umschlagseite des eindrucksvoll gelayouteten wie auch mit kenntnisreichen Beiträgen lesenswerten Katalogs die Werkschau.

Pirchans Schaffenskraft, von Zeitgenossen als eine, die keine Ruhezeiten kennt charakterisiert, antizipiert den Begriff des Universalkünstlers als wacher Geist seiner Zeit. Kreativer Künstler, der mit dem pragmatisch denkenden Gestalter Pirchan eins ist. Dabei bleiben grafische Klarheit des Plakats und das räumliche Verständnis einer Bühnenarchitektur Fixpunkte seiner künstlerischen Mittel, die er konsequent und mitunter radikal ökonomisch denkt.

Dass Pirchan vielen vor allem als Bühnenbildner im Gedächtnis geblieben ist, hat mit seiner nachhaltigen Wirkung für das expressionistische Theater in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Leopold Jessner zu tun. Seine Bühnenbildentwürfe zu Wilhelm Tell oder Othello sowie zum Der Ring des Nibelungen (Staatstheater Berlin, 1919 – 1929) arbeiten mit spektakulären Effekten von auf Glasplatten gemalten Bühnenbildern, die als Projektionen einen schnellen Bildwechsel ermöglichen. Gleichzeitig ermöglichen die Bilder einen konstruktiven Einblick in den damit verbundenen Optimierungsprozess für das moderne Theater. Im Zusammenhang mit seinen Theaterfotografien entwickelt er die künstlerische und technische Reife eines so bezeichneten Universalkünstlers.

Maßgeblich bleibt das Plakat über alle universalistischen Zuschreibungen für Pirchan hinaus in Erinnerung demjenigen, der beispielsweise die Plakate als eine Tour d’Horizon durch München zwischen 1911 und 1913 ansieht. Plakate für die Buchhandlung Hugeldubel, für die Münchner Tanzspiele, für eine Klaviervermietung, versehen mit einer Adresse geben Anregung, auf Pirchans Spuren heute durch München zu wandern.

Des Weiteren eröffnen sich in der Ausstellung im Blick auf Pirchans Arbeit als Möbeldesigner interessante Perspektiven von Stilentwicklungen des Jugendstils, die schon auf das Bauhaus verweisen. Die Bauhaus-Reihe im Museum Folkwang im Rahmen von 100 Jahre Bauhaus, die mit einem Mappenwerk Zwölf Holzschnitte von Lyonel Feininger im Frühjahr gestartet ist und mit Bühnenwelten sowie mit László Moholy-Nagy fortgesetzt wird, lädt den Museumsbesucher umstandslos ein, ebenfalls über den Tellerrand zu schauen.

13.04.2019
photo streaming Emil Pirchan

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Über Peter E. Rytz Review

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