Das ewige Weib – in Bochum enträtselt?

Marina Prudenskaya © Martin Siegmund

Die Bochumer Symphoniker laden zu ihren Projekttagen Das ewige Weib. Eros und Mythos in Wagners Parsifal in das Anneliese Brost Musikforum Ruhr ein. Im Foyer sind Menschen zu treffen, die sich bei einem Glas Wein auf einen Abend im Kosmos von Richard Wagners letztem Werk einstimmen – gespannte Erwartung, fast feierlich zu nennende Stimmung im Raum.

Zunächst, gewissermaßen als Vorprogramm zum 1. Akt des religiösen Bühnenweihfestspiels von 1882, das traditionell in der Passionszeit zur Aufführung kommt, werden Chöre aus Johann Sebastian Bachs Johannespassion sowie eine Faustszene von Robert Schumann und die Faust Ouvertüre von Richard Wagner zu Gehör gebracht. Dieses Orchesterwerk wurde vom jungen Wagner bereits 1839/40 komponiert, danach mehrfach überarbeitet. Die Musik zeigt noch wenig vom reifen Komponisten des Parsifal, erst gegen Ende ist zu ahnen, dass hier das Genie bereits am Werke war, dessen Oper nach der Pause das Publikum in seinen Bann schlagen wird.

Es ist eine szenische konzertante Aufführung eines Parsifals, die wohl keinen im Saal unberührt lässt. Unter der Leitung von Steven Sloane breiten die Bochumer Philharmoniker in der Ouvertüre einen Klangteppich aus – weich, geheimnisvoll, mystisch – und stimmen so auf die Geschehnisse ein, die der Tschechische Philharmonische Chor Brno und die Solisten auf eindrucksvolle Weise interpretieren.

Unter der Regie von Lisenka Heijboer ist die Dramatik der Ereignisse um den Gral mit dem Blut Christi am Kreuz in sparsamer, gleichwohl ausdrucksstarker Weise zu erleben. Der Herren-Chor und die Solisten – Simon Bailey als Gurnemanz, Michael Bachtadze als Amfortas, Frank van Aken als Parsifal und Thomas Mehnert in der Rolle des Titurel singen von der Chor-Empore.

Ihre Bewegungen sind sparsam, fast statisch, wirken dennoch sehr eindringlich. Lediglich Marina Prudenskaya, die Kundry des Abends, bleibt in Bewegung, ihrem Schicksal als Frau in einer Männerwelt gemäß. Sie ist einerseits Spielball machtpolitischer Handlungen, andererseits wird sie als Objekt männlicher sexueller Phantasien begehrt und gleichzeitig verurteilt.

Lichtregie und Video-Einblendungen von Hendrik Walther geben der Aufführung die philosophische Tiefe, die der Titel des Gesamtwerkes der Bochumer Produktion verspricht. Sie begleiten kommentierend, oft nachdenklich, mitunter ideologisch (Simone de Beauvoir zitierend) die Situation, die Rolle, in die Kundry, als Heidin, als Zauberweib gefürchtet und verhöhnt, in der Welt der Frommen gedrängt wird. Textausrisse, Kommentare, heilige Schwäne, die vorbeiziehen – es ist eine eigene, jedoch ganz das Geschehen begleitende Welt, die auf die Balustrade rings um die Bühne projiziert wird.

Die Bochumer Philharmoniker, von Sloane differenziert animiert, verstehen es vorzüglich, die Musik in den Dienst der Stimmen zu stellen. Gewöhnlich im Orchestergraben musizierend, spielen sie hier, zwischen Publikum und Solisten platziert, und das gelingt auf ganz ausgezeichnete Weise. Zu keiner Zeit überdeckt das Orchester die Stimmen der Sänger. Im Gegenteil, sie werden auf kunstvolle Weise von diesem begleitet und getragen.

Die Solisten zeigen ganz außerordentliche Leistungen und begeistern das Publikum ausnahmslos. Besonders imponiert Simon Bailey als Gurnemanz. Die langen, monologischen Partien dieser Rolle singt der Bassbariton mit nicht nachlassender Ausdruckskraft sowie mit hervorragender Textverständlichkeit. Gleichermaßen überzeugend der Tenor Frank van Aken als Parsifal und Thomas Mehnert in der Partie des Titurel. Michael Bachtadzes Amfortas kann an diesem ersten Abend weniger überzeugen.

Kundry, verkörpert an diesem ersten Abend der Trilogie durch die Mezzosopranistin Marina Prudenskaya, steht im Fokus der Aufmerksamkeit und der Deutung ihrer Rolle in Wagners Musikdrama. Wer ist sie? Welche ihrer Rollen, die ihr die Gesellschafts- und Musikkritik im Laufe der Aufführungsgeschichte zugedacht hat, kann in unserer Zeit Gültigkeit erlangen? Muss, respektive ist es an der Zeit, dass sich die moderne Gesellschaft wieder aufs Neue daran macht, in jener Maria Magdalena, der Zauberin, der ruhelosen Wanderin, der Hure eine neue, moderne Kundry zu entdecken?

Viele Fragen, der Antwort harrend, die in Bochum im ersten Akt gestellt werden. Marina Prudenskayas dunkel getönter Mezzosopran fordert eindringlich Antworten auf diese Fragen. Warm mit mystischer Grundierung, jugendlich mädchenhaft anmutend, ist sie eine überzeugende Kundry.

Video-Einblendungen aus den Regieanweisungen des Komponisten – Gürtel von Schlangenhäuten lang herabhängendflatterndes Haar…stechende, schwarze Augen – unterstreichen die Charakteristik einer suchenden Frau in einer abgeschotteten, von Vorurteilen und Ritualen geprägten Männerwelt. Eine Welt, die das ewige Weib zwischen Eros und Thanatos phantasiert.

Der Tschechische Philharmonische Chor Brno macht seinem exzellenten Ruf alle Ehre. Die Herren als Ritter und Knappen, in den Knabenstimmen der Frauenchor – ihr weicher Klang bildet die religiöse, feierliche Szenerie der Gralsgesellschaft authentisch ab. Obwohl die Textverständlichkeit einige Wünsche übrig lässt, bleibt ein insgesamt positiver Gesamteindruck.

Der Chor ist im Spiegel der Begeisterung des Publikums auch der unbestrittene Favorit. Alle Beteiligten werden an einem erlebnisreichen, musikalisch exzellenten Abend gefeiert. Die Messlatte der Erwartungen für die folgenden zwei Tage Eros und Mythos in Wagners Parsifal ist mit diesem Abend hoch gelegt. Den weiteren Aufführungen wäre ein zahlreicheres Interesse eines sachkundigen Publikums zu wünschen, als an diesem Abend im leider nur halb gefüllten Bochumer Musikforum.

15.04.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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