Himmlisches Cavalli-Pasticcio

© Simon Fowler, Erato, Warner Classics

 

Vielzählig die Lobeshymnen, mit denen in den letzten Jahren Philippe Jaroussky überhäuft worden ist. Es war deshalb eine durchaus spannende Frage, wie das Konzertpublikum in der Philharmonie Essen den Glamourboy der Klassik empfangen würde.

Beim Betreten des Ensemble Artaserse der übliche freundliche Applaus zur Begrüßung. Gleichwohl mit einer Überraschung. Während mancher noch auf den vermeintlichen Solo-Auftritt des Stars des Abends wartet, geht es schon los. Jaroussky vermeidet den  exponierten Auftritt. Von jenem Teil der Zuhörer unbemerkt, betritt er inmitten des Ensembles die Bühne. Ohne viel Aufhebens geht es mit Francesco Cavalli in medias res.

Schon dieser Auftritt, der in 90 Minuten lang allein der Musik des Schülers von Claudio Monteverdi huldigt, zeigt den Menschen Jaroussky als einen, der von seinem außergewöhnlichen Können durchaus überzeugt ist, ohne dabei die viel zitierte Bodenhaftung verloren zu haben.

Nach der zweiten Zugabe am Konzertende ironisiert er mit keckem Understatement die ihm vielfach zugeschriebene engelsgleiche Stimme: Wenn dem so sein sollte, so singe ich jetzt engelsgleich. Mit Alcun più di me felice non è – Niemand ist glücklicher als ich – gibt Jaroussky noch einmal ein beredtes Zeugnis des ingeniösen Cavalli-Pasticcio im Konzert. Von Cavalli die Lyrik geborgt, von Jaroussky authentisch übersetzt.

Die ironisch konnotierte Beschreibung bezüglich Jarousskys Reflexion zu der ihm zugeschriebenen Kunst der himmlischen Tongebung kann man allerdings auch als dezenten Hinweis darauf ansehen, dass Ironie und Pathos typisch für Cavallis barocke Kompositionsstrukturen sind.

Nach der Konzerteröffnung mit einer Ouvertüre, einer Sinfonia prologue, die im Wechsel mit den gesungenen Lamenti, einer Mischform aus Rezitativ und Arie die Programmfolge bestimmen, macht Jaroussky mit seinem vielfältig schillernden Countertenor das Ironische als auch das Pathetische hörbar.

Er beginnt mit der Arie Ombra mai fu aus Cavallis Oper Xerse – titelgebend auch für seine neueste CD – in kontrastierender Programmatik. Die schattenspendende Pflanze parodiert das durch Stürme heraufbeschworenen Unbill: Frondi tenere, e belle., di turbini, o procelle. Ein Spiel mit dem Doppelregister von Erotik und Pathos, das Jaroussky mit seinem glockenhellen, klar akzentuierten Countertenor in jeder Arie unterschiedlich adjektivisch auflädt.

Bei Ombra mai fu ist es die lyrische Färbung, wie es bei Lo resto solo? eine verzweifelt klagende, bei Che città, che città eine rotzig freche oder bei Erme e solinghe eine beherzt zupackende ist, jedes Mal klangmalt er mit enigmatischer Vielfalt.

Cavallis Opernkompositionen, bestimmt von kulturellen Codes und Facetten des venezianischen Musiktheaters, sind Symbol einer sich etablierenden, bodenständigen Volksoper im 17. Jahrhundert. In Jarousskys deliziösem, scheinbar alle hohen Register der Stimme überwindendem Klangkosmos findet sich natürlich auch das ironisch bestimmte Libretto wieder.

Typisch dafür, dass die Dinge anders gesagt werden, als sie gemeint sind, zeigt sich in Jasons Arie Delizie, contenti. Die abschließende Fermate setzt zartfühlend, aber schmerzvoll mit Es ist genug einen Kontrapunkt. Jarousskys Tonhöhe fällt mit non so più bramare, mi basta cosi in eine überzeugende Verzweiflungsgeste. Wie überhaupt, je länger das Konzert andauert, er mit kleinen Gesten seinen Gesang zusätzlich nobilitiert.

Cavalli affin, wie dieser sich an Monteverdis Diktum, die Musik sei die Dienerin des Textes, orientiert, singt Jaroussky ausdrucksvoll textorientiert. Mit dem Ensemble Artaserse hat er einen Partner an seiner Seite, der Cavallis Musik zwischen Lamento und komischen Szenen, bestehend aus Pastorale, Tragödie, Komödie und Epos, ausleuchtet. Sowohl im Sinfonie-Spiel, von Jaroussky mit freundlich wohlwollendem Lächeln und wachen Auges begleitet, als auch in der Begleitung seines Gesanges finden sie einen burlesken, im Unterschied zu Händels Opernkompositionen eher fragil erdigen Ton.

Jarousskys stimmlich geschmeidige Noblesse erreicht eine besondere Faszination, wenn er allein von der Barock-Harfe im Zusammenspiel der Theorbe einsetzt, die Töne zu schweben beginnen, bevor Lirone, Viola da Gamba, Barock-Zinke sowie Violone und Harpsichord form- und klangvollendet gemeinsam fortsetzen. Das flüchtige La belezza aus Xerse unterstreicht Jaroussky mit triumphierender Betonung des Buchstaben e in fugace.

Als noch vor der Pause dem Violinisten eine Saite reißt, für einen Moment Irritation im Publikum entsteht – schon Pause? -, klärt Jaroussky mit einem offenherzigen, unaufgeregten Lächeln auf: Die Saite ist (sucht nach dem passenden deutschen Wort)….kaputt. Nur ein Detail am Rande, das allerdings viel von dem unprätentiösen Charisma eines großen Künstlers erzählt.

15.04.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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