Aufbruch im Umbruch, heute wie damals

@ Peter E. Rytz 2019

Abschiedsstimmung durchweht die Ausstellungsräume des Bucerius Kunst Forum, Hamburg. Die letzte Ausstellung in den Räumlichkeiten der ehemaligen, vor 100 Jahren erbauten Deutschen Reichsbank – in Kooperation mit dem Münchner Stadtmuseum – titelt mit Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre. Umbruch und Aufbruch nach dem zweiten Weltkrieg damals, beginnt in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums, gleich um die Ecke, ab Juni dessen neues Kapitel.

In Erinnerung bleiben eine Vielzahl von ambitionierten Ausstellungen der letzten Jahre, beispielsweise die Personalausstellungen Karl Schmidt-Rottluff und Anton Corbijn (Karl Schmidt-Rottluffs außereuropäische Inspiration vom 30.04.2018; Roll over and looking Corbijn vom 04.12.2018, beide hier veröffentlicht). Auch wenn mancher die handwerklich kunstvollen Mosaikarbeiten des Zweckbaus vermissen wird, überwiegt die Neugier auf den Neubeginn.

Die Eröffnungsausstellung ab 07.06.2019 Here we are today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst kann man deshalb durchaus als Standortbestimmung verstehen. Von daher baut die Rückbesinnung auf eine Welt im Umbruch, wenn man so will, eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft. Neue Sachlichkeit, neues Sehen bezeichnen fokussierte Perspektiven in den 20ger Jahren, die bis ins Heute reichen. Ähnlich dem italienischen Realismo mágico (Unheimlich reale Bildwelten vom 10.12.2018, hier veröffentlicht) dominiert eine sachlich nüchterne, distanzierte Wiedergabe von Welt und Menschen, betrachtet in ihren unterschiedlichen sozialen Milieus.

In einer Zeit großer gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Veränderungen treten Malerei und Fotografie in einen bemerkenswert konstruktiven Austauschprozess ein. Fotografie als Kunstgattung gewinnt in diesen Jahren immer stärker einen eigenständigen Charakter. In einer frühen Phase, dem sogenannten Piktorialismus, stellen die Fotografen ihre Linsen auf Malerei und Zeichnung scharf. Getragen von dem Bestreben, die Welt sowohl nüchtern abzubilden, als auch sie subkutan zu erkunden.

Dass sich die Hamburger Ausstellung als ein Beitrag zu 100 Jahre Bauhaus und zum Hamburger Architektursommers 2019 versteht, spiegelt sich in den Werken der vom Bauhaus beeinflussten Fotografen wie Albert Renger-Patzsch, László Moholy-Nagy, August Sander, Hugo Erfurth oder Lotte Jacobi distinktiv wie komplex zugleich wider. Extrem gesehene Ausschnitte des zumeist weiblichen Körpers, fotografisch inszeniert von Edmund Kesting, Aenne Biermann oder Sasha Stone reflektieren ebenso wie die surrealistisch figurierten Collagen (Herbert Bayer, Einsamer Großstädter, 1932) oder das entsprechende Vexierspiel von Raoul Hausmann (Auge im Vergrößerungsglas, 1931) eine unsichere, labile Lebenswirklichkeit, die nach einer Balance sucht.

Den über 115 Fotografien stehen rund 40 Gemälde dialogisch gegenüber. Conrad Felixmüllers Gemälde Zeitungsjunge (1928) oder das Bildnis des Juweliers Karl Krall (1923) von Otto Dix bereicherten auch thematisch anders orientierte Ausstellungen. Das Besondere in der Hamburger Ausstellung, ihr ausstellungsdidaktisches Alleinstellungsmerkmal besteht aber vor allem darin, einen instruktiven Dialog in sieben Kapiteln zwischen Malerei und Fotografie in den Mittelpunkt zu rücken: Stillleben, Selbstbildnis, Akt, Stadt- und Industriearchitektur, (Individual)Portrait, Typenbildnis und Collage.

Versunken in der Betrachtung des hyperrealen Halbakt (1929) von Christian Schad oder in Die Schwestern (1928) von Georg Scholz, fällt aus dem Augenwinkel die Foto-Mappe Akte (1924) von Germaine Krull ins Bild. So sensibilisiert und fokussiert, geriert sich die Ausstellung zu einer faszinierenden Erzählung über Malerei und Fotografie. Mitunter könnte man den Eindruck gewinnen, als hätten Maler und Fotograf vom gleichen Standort auf vergleichbare Orte geschaut.

Umbo fotografiert 1929 von einem Fenster aus Spielende Kinder im Hof mit Nonne, wie der Maler Georg Scholz auf eine Deutsche Kleinstadt bei Tage schaut. Renger-Patzschs Fotografie Stadtbild von Meiderich (1930) nimmt Linien und Strukturen im Gemälde Muntplein, Amsterdam (1925/26) in einem ansonsten vollkommen anderen Stadtmilieu in extremer Überblendung auf, so wie sich in Berlin, Alexanderplatz, einer Fotografie von Werner David Feist die Betriebsamkeit von Der Stiglmaierplatz München bei Nacht zu Beginn der 30er Jahre malerisch spiegelt.

Fasziniert vergleichend, staunend getrieben von den fotografischen und malerischen Koinzidenzen, gleichzeitig ernüchtert im Wissen, dass der in vielen ausgestellten Arbeiten innewohnende Mythos, die Hoffnung auf eine glückliche, von Technik dominierte Zukunft, sich nicht erfüllen kann, wird man durchaus geläutert die Ausstellung verlassen.

Am Ende steigt die Ahnung auf, dass sich in den differenten Darstellungen etwas transparent Offenen im Kontrast zum opak Verborgenen authentische Bildwelten auf überraschende Weise imaginieren können. Die durch diese Ausstellung ermutigte Erfahrung, dass Bilder, wenn man genau hinschaut, eine stärkere Überzeugungskraft als noch so klug formulierte Erklärungen haben können, nimmt man jedenfalls mit den Alltag.

19.04.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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