Schöne Worte mit skulpturaler Schönheit unter einem Dach

Jochen Gerz @ Peter E. Rytz 2018

Wer in den letzten Wochen und Monaten in zeitlichen Abständen am Lehmbruck Museum Duisburg vorbei gekommen ist, mag sich über die Einrüstung des Gebäudes gewundert haben. Eine weitere Baustelle an einem öffentlichen Gebäuden, die sich hinzieht und Steuergelder maßlos überbeansprucht?

Bei näherem Besehen erweist sich diese bautechnisch begründete Vermutung als irreführend. Auf 100 Meter der Glasfassade des Museums sind Texte eingeschrieben. Fragmente des Lebens- und Ideenwegs des markt- wie selbstkritischen Künstlers Jochen Gerz. Bezeichnet mit THE WALK, fordern sie zu einer künstlerisch intendierten wie gleichermaßen zu einer für das Museum atypischen Erkundung auf. Äußere Wände, die gewöhnlich abschließen, öffnen sich, gewähren einen Durchblick zugleich in das Innere des Raumes und der Gerz’schen Denkwelt, indem Wort-Bänder von Dokumenten, Überzeugungen, Appellen und Reflexionen mit ihrer biografischen Zeitleiste zusammenfließen.

Der vervollständigte Ausstellungstitel Keine Retrospektive verweist auf die kontextuelle Perspektive. Keine kunstgeschichtlich lokalisierte Hommage, sondern Fußnoten zu den gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten mindestens fünf Jahrzehnten.

Insofern als Installation, respektive künstlerische Intervention verstanden, kann die Annäherung ans Museum von außen als eine doppelte Irritation wahrgenommen und verstanden werden. THE WALK polemisiert kokett, reflektiert hintergründig etwas Offenes, etwas Unfertiges. Die Installation erweist sich als Paraphrase des notwendig unvollendet bleibenden Lebenszyklus. Dass öffentliche Bauvorhaben häufig als scheinbar unendliche Leidensgeschichte wahrgenommen werden, antizipiert THE WALK mit Gerz‘ künstlerisch poetischer Gestaltung auf überraschend aktuelle Weise, weit über bautechnische Sublimierungen hinaus.

Die sieben Meter hohe, beschriftete Glasfassade, die der Besucher während der Öffnungszeiten des Museums über einen Steg in luftiger Höhe von zwei Metern lesend abschreiten kann, geriert sich zu einem diskursiven Dialog über Kunst und Leben, über Politik und Poesie.

Das hat im eigentlichen Sinn weniger mit Schönheit zu tun, die man in Museen bei den ausgestellten Werken nicht zu Unrecht auch sucht. Wer sich mit THE WALK in Sinne von Gerz‘ künstlerischer Intention für Demokratie und Toleranz für den Moment ausreichend sensibilisiert fühlt und der einen oder anderen Antwort auf die Frage, wie wir leben wollen, näher gekommen ist, den lädt das Lehmbruck Museum in die parallel präsentierte Ausstellung Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne ein, seine Wahrnehmung mit den an der Klassik orientierten skulpturalen Schönheiten im schnellen Wechsel radikal neu zu fokussieren.

@ Peter E. Rytz 2019

In Gedenken an den 100. Todestag von Wilhelm Lehmbruck tritt das Museum, das seinen Namen trägt, in einen Dialog mit Auguste Rodin sowie mit weiteren wichtigen Bildhauern der Avantgarde, wie Constantin Brancusi, Max Klinger, Camille Claudel oder Hans Arp im Kontext des sich verändernden Begriffs von Schönheit in Maß und Symmetrie.

Keine Wortdeklinationen, keine philosophisch tiefgründig apostrophierten Reflexionen, sondern mit dem Fokus augenfälliger Schönheit. Die Museumsdirektorin Söke Dinkla hält zu Gute, dass Schönheit ein Thema ist, das uns alle berührt….emotional, subjektiv und kontrovers. Rodin und Lehmbruck rekurrieren Form und Gestalt von Schönheit anhand kunstgeschichtlich ähnlicher Quellen, unterscheiden sich allerdings wesentlich in ihrem Ausdruck. Sie sind im Vergleich durchaus widersprüchlich.

Es ist bezeugt, dass Lehmbrucks Besuch 1914 in Rodins Atelier in Meudon nicht nur von kurzer Dauer ist. Lehmbruck setzt mit der Modellierung der Großen Stehenden einen Kontrapunkt zu Rodins Auffassung, dass nur dort Schönheit sei, wo Wahrheit ist. Obwohl Lehmbruck sich ostentativ mit dem ikonischen Werk Rodins auseinandersetzt, reflektiert er mit seinen überdehnten Skulpturen eine Idee von Schönheit, die verletzlich ist und immer in der Gefahr steht, versehrt zu werden.

Wo Rodin sich von sinnlich erotischen Attributen relativ ungezügelt leiten lässt, sind Lehmbrucks Skulpturen eher melancholisch mit einer verinnerlichten Emergenz aufgeladen. Ob als Ganzkörper oder Torsi verkörpern sie die Überzeugung, dass alle Kunst Maß ist. Demgegenüber fasst Rodin den menschlichen Körper, als Spiegel der Seele auf; von daher käme seine große Schönheit.

Der erste Ausstellungsraum eröffnet mit einer konsequenten Gegenüberstellung mit Werken beider Künstler. Ausstellungsdidaktisch überzeugend im Dialog, mutet das Entrée allerdings wie ein Mausoleum an. Umrahmt von dunkel blauen Wänden, die eine düster meditative Musealität ausstrahlen, lassen Badende (1902 – 05) und Der Mensch (1909) von Lehmbruck sowie Reinhold Begas‘ Skulptur Nach dem Bade (1856/58) Kontinuität als auch einen neu bestimmten Umbruch der menschlichen Figur erkennen. Sie begegnen sich mit der kleinen Version von Rodins Denker.

In welchem Maße die Belle Epoque den Akademismus überwindet, bisherige ästhetische Konventionen mit dem klassischen Schönheitsbegriff brechen, wird im weiteren Gang durch die beziehungsreich klug kuratierten Ausstellung in den Werken sichtbar, was vorher unsichtbar war, wie Rodin formuliert. Lehmbrucks Hagener Torso (1910) reibt sich formal mit La Prière, Grand modèle (Rodin, 1909) und findet mit Torse tournant (1921/22) von Archipenko oder beispielsweise mit Torse (1912) von Brancusi weitere expressive Ausformungen in dieser Zeit, während Hans Arp mit Torse gerbe (1958) deutlich später, aber in einer vergleichsweise ähnlichen Ambition gestaltet.

@ Peter E. Rytz 2019

Im Spiegelbild-Arrangement mit Lehmbrucks Große Sinnende (1913) hat der Ausstellungsbesucher die Möglichkeit, sich in der unendlichen Spiegelsichttiefe seiner eigenen Schönheit zwischen Maß und Form, im Wechselspiel von Bild und Abbild zu vergewissern.

Während für die Tour d’horizon de la beauté noch bis 18. August 2019 Zeit ist, wird die eingerüstete Gerz-Installation THE WALK nach dem 05. Mai 2019 abgebaut. Es ist empfehlenswert, sich an der Skulptur von Tony Cragg zu orientieren, die den Weg in die Ausstellung wie ein Wächter säumt: It is, it isn’t (2010).

Ergänzung, Duplizität oder, wenn man so will, ein weiterführender Lehmbruck-Rodin-Dialog ist in der ständigen Sammlung der Neuen Galerie Kassel zu erleben: Amor und Psyche (Rodin, 1886), vis-à-vis Badendes Mädchen (Lehmbruck, 1902 – 05).

22.04.2017
photo streming THE WALK
photo streaming Schönheit: Lehmbruck & Rodin

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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