Kriegsfotografinnen und die Kunst

Anja Niedringhaus, New York Times (Käthe Kollwitz Museum Köln); Carolyn Cole und Christine Spengler, flankiert von den Kuratorinnen Felicity Korn und Anne-Marie Beckmann (Museum Kunstpalast Düsseldorf (v. l. n. r.) @ Peter E. Rytz 2019

Weltgeschehen braucht Vermittler, damit es im Alltag rezipiert und eingeordnet werden kann. Journalisten schreiben, Fotografen fotografieren; zusammen entwerfen sie Bilder des Zeitgeschehens weltweit.

Aufs Ganze betrachtet, stellt man mit Erschrecken fest, dass der Krieg permanent Teil der Lebenswirklichkeit für viele Menschen auf der Erde ist. Jeder Einzelne mehr oder weniger davon unmittelbar betroffen, hat über klassische Nachrichten- sowie über die sozialen Medien teil an den Geschehnissen.

Dass Fotografinnen dabei einen wichtigen Beitrag leisten und geleistet haben, wurde bislang weniger beachtet. In Düsseldorf, Museum Kunstpalast und in Köln, Käthe Kollwitz Museum justieren Ausstellungen, unabhängig, aber zeitparallel, die Bedeutung von Kriegsfotografinnen im Koordinatensystem von journalistischer Arbeit und künstlerischer Wertigkeit.

Während die Düsseldorfer Ausstellung Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus die Pressefotografien von acht Frauen seit den 1930er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart in einen kunstfotografischen Kontext stellt, gibt die Kölner Ausstellung Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin in einer ersten postumen Ausstellung einen umfassenden Überblick über ihre fotografischen Auftragsarbeiten aus nahezu einem Vierteljahrhundert von der Sportfotografie (All England Lawn Tennis Championship in Wimbledon und Leichtathletik-Großereignissen) über Portraitfotografie (Papst Johannes II.; Königin Margarethe II. von Dänemark) bis zu ihren unnachahmlich engagierten Kriegsfotografien. Der ehemalige afghanische Präsident bescheinigt ihr: Anja ging an Orte, wohin niemand sonst sich wagte.

Die zeitliche Duplizität ist allerdings schon das einzig Gemeinsame, das die Ausstellungen miteinander verbindet. Sonya Winterberg, die Kuratorin in Köln und intime Kennerin des Niedringhaus-Œuvre legt in der konzeptionellen Gestaltung Wert darauf, dass die fotografische Pressearbeit ihr uneingeschränktes Aktionsfeld war. Der Welt der Kunst sei sie immer mit einer gewissen Distanz begegnet. Auch ihr gesteigerter Bekanntheitsgrad nach der Ehrung mit dem Pulitzerpreis 2005 weit über die Pressearbeit hinaus als angesehene, eine auch von der Kunst verehrte Fotografin, hat sie sich vor allem als Dokumentaristin mit der Kamera verstanden.

Für Felix Krämer, Direktor des Museums Kunstpalast gibt es keine wirkliche Trennung zwischen einer journalistisch beauftragten Fotografie und einer künstlerisch ausdrucksstarken. Die Fotografie, das wichtigste Bildmedium des 21. Jahrhunderts, spiegelt und reflektiert typologische Situationen zwischen Leben und Tod, wie in der bildenden Kunst insonderheit.

Die Düsseldorfer Kuratorin Anne-Marie Beckmann ist von der Bedeutung der Fotografien von den inzwischen verstorbenen Gerda Taro, Lee Miller, Catherine Leroy, Francoise Demulder, Susan Meiselas und Anja Niedringhaus überzeugt, wie die noch lebenden Christine Spengler und Carolyn Cole ihre Zeugenschaft in der Pressekonferenz sowie zur Eröffnung der Ausstellung bezeugen. Allen Fotografien gemeinsam ist eine unbedingte Bedeutung, die über den engen Nachrichtenkontext hinausgeht. Fotojournalismus mit den Augen von Künstlerinnen, vom spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre, vom 2. Weltkrieg und seinen Folgen, vom Vietnam-Krieg über Befreiungskriege in Mittelamerika bis zu den andauernden Brandherden in Afghanistan und dem Nahen Osten.

In einer dichten Auswahl von acht Fotografinnen-Positionen präsentiert die Ausstellung in grau angestrichenen Kabinetten unterschiedliche Bildstrategien und Erzählformen. Sie sind geprägt von einem je eigenen Stil. Er changiert zwischen sachlicher Distanz und beklemmender Unmittelbarkeit, wobei die persönliche Anteilnahme direkt oder indirekt immer durchschimmert.

Die Fotografien bestechen sowohl durch ihre unverwechselbare, sozialkritische Narration als auch durch ungewöhnlich expressive Perspektiven. Bilder, die im kollektiven Gedächtnis verankert sind.

Man durchschreitet in Düsseldorf Kabinette des Grauens, wobei sie aus Perspektiven sowohl von stiller Trauer als auch mit absurdem Witz unendliche Einsamkeiten des Menschen dokumentieren. Die Fotografien belichten das mit Worten nicht zu Beschreibende mit empathischer Wehmut.

Dagegen widerspricht die Kölner Ausstellung mit den Dokumenten des tagesaktuellen Nachrichtengeschäfts der Anja Niedringhaus den gemutmaßten Düsseldorfer Ästhetisierungen. Wenn Niedringhaus‘ Fotografien solche mit ikonografischem Charakter sind, fast wie gemalt anmuten, wie Winterberg begeistert ist, dann ist die Nähe zur Kunst greifbar.

Die Ausstellung zeigt eine weit gefächerte Spannbreite vom ersten Foto mit Der Anfang von Niedringhaus auf Glas signiert, bis zu ihrem letzten Foto, das man auf dem Chip in ihrer Kamera nach ihrer Ermordung gefunden hat .

Anja Niedringhaus, die Bilderkriegerin, wie die Kölner Ausstellung titelt und sich damit unmittelbar auf das Buch Bilderkrieger: Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen – Kriegsfotografen erzählen von Michael Kamber (2013 auf Deutsch veröffentlicht) bezieht, reiht sich in die Düsseldorfer Fotografinnen an der Front als Fotojournalistin mit dem besonderen Blick ein. Hinter ihren Fotografien und denen der anderen Sieben scheint mehr als nur dokumentierte Wirklichkeit auf. Sie loten die komplexen Verhältnisse von Mensch und Lebensraum inmitten von Kriegen aus. Wo das passiert, spricht man von Kunst.

22.05.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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