Wer Sehnsucht hat, hat alles?

DEUTSCHE OPER BERLIN
OCEANE von Detlef Glanert Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Robert Carson Bühne: Luis Carvalho
Kostüme: Petra Reinhardt
Licht: Peter van Praet
Video: Robert Pflanz
Darsteller: Maria Bengtson, Nikolai Schukoff, Christoph Pohl, Nicole Haslett, Albert Pesendorfer, Doris Soffel, Stephen Bronk
Foto (c) Bernd Uhlig

Die Literatur kennt verschiedene mythologische Figuren, die in einer Welt von Wasserfeen und Nixen zuhause sind. Fern und fremd den Menschen. Nymphen und Sirenen in der Antike oder Melusine und Undine im 19.Jahrhundert. Den von Friedrich de la Motte Fouqué mit seiner romantischen Erzählung Undine geprägten Wasserfrauen-Mythos reflektiert Theodor Fontane in seinem erzählerischem Werk. Insbesondere die Frauengestalt der Melusine, zentral in seinem Roman Der Stechlin, wird für ihn zu einer unerschöpflichen Inspirationsquelle.

Mit Oceane von Parceval stellt Fontane  dem gängigen Frau­enbild des 19. Jahrhunderts ein anderes, fremdes gegenüber. Im Rahmen des Gedenkens 200 Jahre Fontane hat Hans-Ulrich Treichel dazu ein Libretto für die Auftragskomposition Oceane der Deutschen Oper Berlin von Detlev Glanert verfasst. Das Konfliktpotential einer männerdominierten, autoritären Gesellschaft des 19.Jahrhundert im Kontrast zu einem weiblichen Selbstverständnis, das sich nicht auf eine sexualisierte Femme fatale reduzieren lässt, ist heute so aktuell, wie es für Fontanes Werk essentiell ist.

Dass Anderssein virulent provoziert, ist der Stoff, aus dem sich zu allen Zeiten relevante Geschichten neu generieren. Frei nach Fontane folgt Glanert jenem für ihn typisch gemächlichen, realistischen Erzählgestus mit der Tonspur eines musikalischen Sommerstücks. Der Sommer neigt sich in einem abgewirtschafteten Hotel zur Neige. Der Herbst kündigt sich an. Zusammenräumen, bilanzieren und ein vielleicht letztes Fest feiern. In diese brüchig labile Feststimmung bricht Oceane ein. Sprachlos, sprachunfähig verwirrt, verunsichert sie die Menschen.

Am Ende resigniert sie – Ich bin nicht für diese Welt gemacht, sie zu tragen, wie ich auch nicht von ihr getragen werde – und verabschiedet sich in ein heimatloses  Irgendwo. Glanert, der sich im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Komponisten als bekennender Operntraditionalist versteht, komponiert Oceane, hörbar von der melodiösen Wirkmächtigkeit des theatralen Handwerks überzeugt.

In der vorläufig letzten von insgesamt fünf Aufführungen (Uraufführung am 28. April 2019) ist das Ergebnis zwischen erstem und zweiten Akt allerdings merkwürdig widersprüchlich. In einer in der Pause abgelauschten Bemerkung – Mit Fontane hat das alles nicht viel zu tun – klingt eine kritische Distanz auf, die auch musikalisch, sowohl im Orchester der Deutschen Oper als auch in den solistischen Partien im ersten Akt, mehr einem Such-Modus verhaftet bleiben, als sich konzis zu artikulieren. Es ist, als wolle Glanert das Personal erst einmal vorstellen, es mit musikalischen Motiven charakterisieren sowie das orchestrale Klangbild vorerst in einer vagen Unbestimmtheit belassen.

Dabei bleibt der Auftakt – keine Ouvertüre, dafür aber ein elegisches a-cappella-Solo von Maria Bengtsson als Oceane – im ersten Akt ein Versprechen. Erst nach der Pause im zweiten Akt entwickelt die Aufführung einen enigmatischen Furor.

Der Regisseur Robert Carsen hat gemeinsam mit Luis F. Carvalho eine Strandkulisse mit Terrasse und Strand gebaut, von Peter Van Praet gedimmt beleuchtet, die durch Video-sequenzierte Meereswellen optisch erweitert wird. Während Bengtssons Elegie wird ihr Kopf in die Meereswellen projiziert, verbindet sich mit ihnen, wobei sie schließlich in ihrer Pupille aufgehen. Dramaturgisch überzeugend verbindet sich die naturhafte Metapher Wasser als traditionell weibliches Attribut mit der Musik. Bengtssons Sopran durchschimmert die Wellen und wirft sie zu lyrisch dramatischen gezeichneten Schaumkronen auf.

Die sich anschließende Erzählung konterkariert den elegischen Grundton mit lautstarken, hektischen Gegensätzen. Glanert hat den Solistinnen Doris Soffel als die Hotelbesitzerin Madame Louise und Nicole Haslett als Kristina, Oceanes Begleiterin, Stimmlagenfrequenzen komponiert, die mit schriller Atemlosigkeit beeindrucken. Deren unbedingte Notwendigkeit erschließt sich allerdings weniger.

Neben Albert Pesendorfer, der in der Manier des Kleist’schen Richter Adam den bösartigen Religionsfanatiker Pastor Baltzer gibt, gelingt den männlichen Gegenspielern Dr. Albert Felgentreu von  Christoph Pohl sowie Nikolai Schukoff  als adlig vermögender Industrieller vergeblich um die Liebe Oceanes werbender Martin von Dircksen kaum, ihrem Klischee zu entgehen. Auch bei ihnen erschließt sich die Sinnhaftigkeit ihrer teilweise brachial, wie getunt anmutenden Stimmlagen nur teilweise.

Die grau gewandeten Kostüme, insbesondere die Meerjungfrauenfarbigkeit von Dorothea Katzer multiplizieren das graue Grauen von Carsens Inszenierung. Man wird in der vorhersehbaren Erwartung bestätigt, dass alles so kommen muss, wie es dann kommt. Oceanes Seufzen – Nichts kommt aus dem Nichts –, weil die Menschen eben so sind, manifestiert sich handfest in einer alternativlosen Überzeugung: Ich schneide mich aus dem Bild. Wie überhaupt, der Tod schwarz und nur ein Bild sei.

Für solche tragisch konsequent zu Ende gedachten Passagen komponiert Glanert mit klangfarbiger Diversität, während die Inszenierung mit gedoppelten, ineinander verwobenen Video-Porträts von Bengtsson, die in den Wellen verschwinden, bilderreiche Assoziationen schafft. In Oceanes Verlangen nach mehr Wasser transformiert sich der Melusine-Undine-Oceane-Urstoff im Meerwasser, aus dem sie sich das fremde Andere unter die Menschen mischt.

Stephan Zilias am Pult des Orchester der Deutschen Oper dirigiert nachhaltig und engagiert, Fontane in Glanerts Oceane zu entdecken. Das gelingt nicht wirklich schlüssig. Kann und sollte es vielleicht auch nicht. Wo Sehnsucht und Realität unüberbrückbar auseinanderklaffen, muss eine Lücke bleiben. Wenn die von Oceane ausgesprochene, der Inszenierung zugrunde liegende Philosophie – Wer Sehnsucht hat, hat alles – leitend ist, kann Sehnsucht nicht Wirklichkeit werden, ohne sich selbst zu widersprechen.

Obwohl in der kompositorischen Durchdringung der Fontane-Erzählung nicht in Gänze überzeugend, hat Glanert eine Oper geschaffen, die im Grunde das Potential hat, nach der Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin nicht gleich wieder, wie viele ihrer Vorgängerinnen, in der Schublade zu verschwinden.

27.05.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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