Nur noch schlafen

Bibiana Beglau @ Hans Jörg Michel

Eine einzelne Fliege krabbelt über eine Plastikwand. Vergeblich sucht sie eine Öffnung. Der durch die durchsichtige Begrenzung abgeschirmte, gleißend helle, mitunter durch flackerndes Stroboskoplicht ausgeleuchtete Raum, trennt sie und die Zuschauer von ihm. Er hat weder Eingang noch Ausgang.

Fliege und Zuschauer, dicht an dicht auf Bänken in der Ausweichspielstätte des Residenztheaters München rund herum sitzend, sind, ob sie es wollen oder nicht, eine symbiotisch verbundene Gemeinschaft. Während die Fliege ständig neue Versuche unternimmt, ein Loch zu finden, ihrem Schicksal zu entkommen, nimmt Martin Kušej die Zuschauer mit seiner Inszenierung Die bitteren Tränen der Petra von Kant von Rainer Werner Fassbinder in eine Gefangenschaft auf Zeit. Sie werden umstandslos zu Voyeuren ihres Selbst.

Rekurrierend auf Rainer Werner Fassbinders Weltsicht, der in den alltäglich zu beobachtenden Sehnsüchten nach Liebe, Anerkennung und Karriereerfolg Figuren abstrahierte, die sich wie Gefangene in seinen Film-Räumen bewegen, hat Annette Murschetz einen traumverloren abgeschlossenen Raum ohne jeden Notausgang gebaut. Eingesperrt in den schönen Schein einer dekadent anmutenden Designerwelt der Upperclass, entkommt die beruflich erfolgreiche Powerfrau Petra von Kant nicht ihrer unendlichen Einsamkeit, wenn das Licht ausgeht.

Unterbrochen von immer wieder verlöschendem Licht (Tobias Löffler), einen Blackout nachahmend, verschwindet der Raum für kurze Zeit in einem verdunkelten Nichts, sehen sich  die Zuschauer für Momente  im gedimmten Licht selbst in der spiegelnden Plastik-Trennwand.

Als die Fliege verschwunden ist, offenbar andere Wege gefunden hat, den selbstkasteienden Wutschäumen Petras zu entkommen, erhöht Kušej die emotionale Schlagkraft durch eine überbordende physische Unmittelbarkeit.

Bibiana Beglau entäußert sich als Petra von Kant in Sprache, Gestik und Körperlichkeit immer mehr zu einem sich selbst hassenden, gegen Freunde und Familie wütendem Wesen. Der Hochglanzschein ästhetisierter, von der Minimal Art entlehnter Künstlichkeit mit aufgereihten Lineaturen von Glasflaschen, zerbricht. Er hinterlässt blutende Körperwunden und ein ausgeblutetes Herz.

Die Hell-Dunkel-Beleuchtungswechsel eröffnen neue Figurenkonstellationen. Es ist, als würden sie wie in einem Puppentheater das Spiel märchenhaft forcieren. Petras Selbstzerstörung zuzusehen – Man rutscht leicht aus in dieser Welt –  wird immer schmerzhafter.

Während sich einige Zuschauer bei den die Bildwechsel begleitenden Klangcollage mit hohen Dezibel-Zahlen (Musik: Jan Faszbender) – Johnny Cashs eingespielter Schmusesong The first time ever I saw your face als romantisches Vielleicht – die Ohren zu halten, hält sich überraschenderweise niemand sichtbar die Augen zu.

Wenn Beglau mit außergewöhnlicher, körperlich enthemmter, sprachlich atmender, jammernder, bittender, exaltiert schreiender Präsenz, die selbst die durchsichtige Trennwand fast aufhebt, einzelnen Zuschauern Face to Face gegenübersteht, scheint sich die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit aufzuheben.

Beglaus Schauspielkunst schafft etwas Seltenes am Theater. Ihre subjektive Unmittelbarkeit konfiguriert Spielräume, die sich in Alltagsräume erweitern. Ihre assoziative Ausdruckskraft ist faszinierend und beängstigend zugleich. Selbst kleinste Spielsituationen, wenn sie sich beispielsweise von ihrer stumm entmenschtlicht designten Dienstbotin Marlene (Hanna Scheibe) in die High Heels hieven lässt, schafft durch optische Erhöhung eine dramaturgisch konnotierte Aufmerksamkeit.

In diesem Kosmos von Selbstbetrug, schlussendlich unvermeidbarer Hoffnungslosigkeit – Ich will endlich nur noch schlafen, schlafen, schlafen… ­- choreografiert Andrea Wenzl die Lust- und Lastprojektion der mittelosen Freundin Karin Thimm in einem artistisch lasziven Danse macabre mit beiläufigen, belanglos in ihrer Wahrhaftigkeit klingenden Zwischentönen.

Petras Freundin Sidonie von Grasenabb ist mit ihrem wohlklingenden, literarisch geadelten Vornamen ihr kontrapunktisches Gegenüber. Michaela Steiger gibt sich als erotisches Vollweib. Ihren umfänglichen Busen demonstrativ zurecht rückend, läuft sie zwar hechelnd, doch relativ nüchtern, ernüchtert durch den ganz gewöhnlichen Lebenswahnsinn, ihrem Liebesverlangen hinterher, bleibt sich dabei aber selbst treu.

In einem irritierenden Vexierspiel von Drinnen und Draußen reißt Kušejs Inszenierung die Trennwand auf. Für zwei Stunden Voyeur und Akteur zugleich sein – ein grandioser Theaterabend, dem Fassbinder wohl gern zugestimmt hätte.

15.06.2019

Über Peter E. Rytz Review

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