Schlemmer in Gotha als thüringischer Bauhaus-Punktsieger

© Herzogliches Museum Gotha

Von Weimar nach Gotha ist es nur ein kurzer Weg. Während sich über dem neuen Bauhaus Museum Weimar ein sonnenblauer Himmel wölbt, regnet es wenige Tage später in Gotha Bindfäden.

Soweit das Wetter. Aber im Vergleich der Ausstellungen leuchtet Oskar Schlemmer  – Das Bauhaus und der Weg in die Moderne im Herzoglichen Museum Gotha (in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart) zwar bescheiden, doch mit Leidenschaft, während Die Moderne und das Bauhaus in Weimar eher ernüchtert, ja Langeweile erzeugt.

Wer der Einladung nach Gotha folgt, kann hier, obwohl räumlich kleiner als in Weimar, mit Schlemmer konkreter auf Entdeckungsreise in seine Kunst- und Gedankenwelt im Kontext der Bauhaus-Bewegung gehen, als sich im bunt gemixten Weimarer Bauhaus-Vielerlei zu verlieren.

Abstrakter Kopf (1923) sowie Abstrakte Figur (1921 – 23) eröffnen in Gotha den Ausstellungsrundgang. Ein programmatischer Prolog, der unmittelbar einen unmissverständlichen Eindruck von Schlemmer als einem Suchenden nach einer universell gültigen Form gibt. In aquarellierten Konstellationen von Figur und Raum, beispielsweise Vier Figuren in Raumperspektiven (1924/25), sind für den Betrachter Annährungen an seine künstlerischen und lebensweltlichen Ideale nachvollziehbar. Die menschliche Figur reduziert Schlemmer auf strukturelle Urformen, die das Individuelle zugunsten eines grundsätzlichen Bildes vom Menschen nivellieren (Homo mit Rückenfigur auf der Hand, 1930/31).

In allem ist die Bauhaus-Grundidee erkennbar, die Harmonie von Mensch und Welt als abstrakte Idee zu gestalten, welche sowohl emotional als logisch konnotiert ist. Richtungsweisend in eine Zukunft, die eine Harmonie des Menschen mit den technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen möglich machen sollte, reduziert Schlemmer seinen Formenkanon in Auseinandersetzung mit impressionistischen und kubistischen Attitüden der Avantgarde auf wenige Strukturmerkmale (Bauplastik R, 1919).

Das Selbstzitat – Ich bin zu modern, um Bilder zu malen. Bühne, Musik, meine Leidenschaft. Hier kann ich neu sein, abstrakt, alles -, in der Ausstellung Bauhaus und Amerika im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu lesen (Bauhaus als Licht-Raum vom 19.02.2019, hier veröffentlicht), formuliert ein Credo, das in der Gothaer Ausstellung mühelos zu identifizieren ist.

Schlemmer findet, wie in Homo mit Rückenfigur auf der Hand (1939/31) narrative Reflexionspunkte, die die futuristische Figur eines als bedrohlich apostrophierten Maschinenmenschen spielerisch überhöht. Gegen die monströs divergierende Wirkung einer sich in den 1920ger Jahren verbreitenden Technikbegeisterung vertraut er auf den selbstbewussten, selbstreflexiven Menschen im Möglichkeitsraum seiner geistigen und körperlichen Mobilität.

Seine Aquarelle widerlegen nicht seinen formulierten Modernitätsanspruch wider die Malerei, sondern zielen auf die malerische Präfiguration einer idealen Harmoniewelt, wie Ina Conzen in einem erhellenden Beitrag im kleinen, aber informativ sachlichen, sorgfältig editierten Katalog schreibt. Schlemmer strebt vorweg eine Synthese von Gefühl und Gesetz an.

In Geländeszene (1932) strukturieren drei über die Vertikale gespiegelte Figuren die Komposition. Gleichzeitig thematisieren sie, wie auch Drei Figuren im Raum (Einfache Geste) von 1928 oder Drei am Geländer (1931) die Überwindung einer allein bestimmenden Zahl-Maß-Lineatur. Ihnen ist eine subjektivistische Einfühlung eigen. Diese als Ausstellungsbesucher zu entdecken, macht Oskar Schlemmer – Das Bauhaus und der Weg in die Moderne zu einer veritablen Entdeckungsreise in Gotha.

Das Vermittlungsprogramm WERKstatt Schlemmer führt mit einer Video-Raum-Installation, die sich von Alexander Kluges gesellschaftskultureller Perspektivverlängerung – Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten – leiten lässt, dem Ausstellungskontext Pluriversum, wie im Museum Folkwang Essen zu sehen war (Kluges kluges Pluriversum, vom 28.11.2017, hier veröffentlicht) und zur Zeit im Literaturhaus München zu erleben ist, fort. Kluges audio-visuelle Montage ist ein Plädoyer, das Leben lesend und notierend (nach)zu buchstabieren. Eine lebenslange Bildungsaufgabe, die unmittelbar an Schlemmers Vision eines rationalen Menschen anschließt.

25.06.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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