Unterwegs zu Wagner mit dem Rheingoldexpress

Bastiaan Everink, Urban Malmberg, Cornel Frey © Forster

Das Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen fokussiert für die Saison 2018/19 thematisch auf das Thema Arbeit als programmatische Leitlinie. Mit der Schließung von Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, liegt dies für das MIR als identitätsstiftendes Haus der regionalen Kultur nahe. Eine Vielzahl von politischen, wirtschaftlichen und feuilletonistischen Beiträgen hat in den letzten Jahren, geradezu gebetsmühlenartig ritualisiert, diese Situation beschrieben.

Gleichzeitig beschleicht einen unwillkürlich ein ungutes Gefühl, wenn Das Rheingold von Richard Wagner nach den Worten des Dramaturgen Olaf Roth dezidiert allein und nicht als Vorspiel im Rahmen einer vollständigen Ring-Inszenierung aufgeführt wird. Michael Schulz ist anscheinend für seine Inszenierung von Wagners Statement in einem Brief an den Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik 1852 – dass nur eine vollständige Umgestaltung dieses Lebens die natürliche Geburt der Kunst zu Tage fördern könnte – angeregt, den veränderten Arbeits- und Lebensperspektiven im Ruhrgebiet bildhaft Rechnung zu tragen. Inszenatorisch und dramaturgisch ein heikles Vorhaben, das sich in ruhrgebietstümelnden Fallstricken allzu leicht verfangen könnte. 

Schulz entwirft zusammen mit der Bühnenbildnerin Heike Scheele einen Rheingold-Express mit angehängter Unterwelt. Video imaginiert, flutet an den Fenstern das Wasser des Rheins wie in einem Fischbecken im Zoo vorbei. Erster Halt: Bahnstation Walhall. Loge, smart in der Weste eines Taschentrickspielers von Renée Listerdal gewandet, sitzt im Bordrestaurant und beobachtet, wie Alberich im Penner-Outfit den RheintöchternWoglinde, Welllgunde und Flosshilde sind Heidi Elisabeth Meier, Lina Hoffmann und Boshana Milkov, verdreifacht durch Statisterie – als Bar-Bordell-Damen mit erotischem Sex-Appeal das Rheingold abluchst.

Dass Wotan und Loge in der 3. Szene mit einer Lore, einem Kippwagen für das Schüttgut des Zechenabbaus in die unterirdischen Höhlen von Nibelheim einfahren, ist aus inszenatorischer Sicht konsequent. Angesichts der sehr vordergründig lesbaren Programmatik sowie vielen anderswo ins Leere laufenden Regie-Theater-Einfällen geht diese Inszenierung durchaus überraschend auf. Sie assoziiert Wagners revolutionär beeinflusste Rheingold-Intention in ein reflexives Heute mit seinen regionalen und globalen Veränderungsprozessen. Wagner ist mit seinen Opern mit nichts weniger angetreten, als die Welt grundsätzlich und umfassend zu erklären. Schulz‘s Inszenierung findet narrativ und musikalisch stimmige Bilder von regionalen Um- und Aufbruchssituationen.

Rituale und Mythos gehen dabei Hand in Hand. Mythos, aufgeschrieben auf einem mobilen Bühnen-Versatzstück, schiebt sich am Ende der Aufführung in den Vordergrund. Die in der Mitte der Inszenierung von den Rheintöchtern in der Anmutung von Animierdamen vor einem Boxkampf entfaltete Botschaft auf einem Stoffbanner Gold Macht Liebe transformiert sich in ein Ihr hattet die Wahl. Es liest sich wie eine verpasste Chance, bevor der Mythos die Zukunft überdeckt. Alles wie gehabt?

Reichlich bemüht, zitiert Schulz mit einem von Kindern angepappten Regenbogensignet der Fridays For Futur-Initiative den Kontrast zu einer konservativ bürgerlich besetzten Zelebration, als Wotan mit einer ihm auf einem Ordenskissen dargereichten goldenen Schere das Band vor der Brücke zerschneidet, die auf die von den Riesen Fafner und Fasolt gebauten Burg führt.

Die Inszenierung scheut sich auch nicht, musikalische Interventionen vorzunehmen, um nicht traumselig in der raffiniert komponierten Schönheit von Wagners Musik zu versinken. Giuliano Betta am Pult der flexibel zwischen Streichern sowie Holz und Blech abgestimmt intonierenden Neuen Philharmonie Westfalen übersetzt die Ring schmiedenden Hammerschläge in ein an Totenglocken gemahnendes Leuten, wie Alberichs zauberische Verwandlungstexte über ein Nachhall-Soundsystem verfremdet werden. Mit Gemurmel der Musiker im Graben oder auch lautes Kreischen der Statisterie in Alberichs Unterwelt sucht die Musik eine alltagstaugliche Klangfarbigkeit.

Hervorzuheben wäre, dass Schulz‘ Inszenierung eine aufmerksam lesbare Anstrengung für den Opernbesucher eigen ist. Sie reflektiert Wagners Libretto mit eigenwilligen Akzenten. Für den kenntnisreichen Wagnerliebhaber ein intelligentes Vergnügen.

Wotans Augenbinde, die das im Begehren um mehr Wissen und höheres Bewusstsein geopferte Auge verdeckt, wechselt mit seinem aus der Weltesche geschnittenen Speer und den in ihm eingeritzten Verträgen als Herrscher über Naturgewalten und Menschen zu Erda. In Schulz‘ Lesart verwandelt sich Almuth Herbsts Fricka im feuerumkränzten Lichtspot von Patrick Fuchs zu Erda: Alles was ist, endet. Hat ihr Fricka-Mezzosopran selbst im Fortissimo eine modulierende Wärme, mischen sich in ihre auf Alt gestimmte Erda ahnungsvoll desaströse Zwischentöne.

Der Wotan von Bastiaan Everink drängt sich nicht sofort auf. Er gehört nicht unbedingt zu den Bass-Sängern, die sofort überzeugen. Erst nach und nach gewinnt er spielerische Struktur und baritonale Überzeugung. Körperlich groß, muss Wotan erkennen, dass es geraten ist, nicht nur auf den kleineren Feuergott herabzuschauen, wenn er auf seinen Rat angewiesen ist.

Der quicklebendige Cornel Frey gibt Loge als Grandseigneur im Westentaschenformat. Ein intriganter Taktiker, clownesk gespielt, sprechdeutlich Akzente setzend, umfänglich geschmeidig sein Tenor.

Urban Malmberg typisiert Alberich als bauernschlau sich überschätzender Typ. Der giftgrün gefärbte, schief sitzende Anzug, den ihm Listerdal als gnadenlosem Nibelheim-Zwangsherrscher verpasst hat, korreliert synästhetisch und gestisch mit Malmbergs Bariton subtil rollencharakterisierend. Mime, von Schulz als Reinigungsarbeiter mit Putzservice-Wagen ins Ausscheidungsrennen gegen Alberich geschickt, lässt Tobias Glagau wenig Möglichkeiten, einem Klischee zu entkommen.

Neben diesen Typen-Solisten gelingt es Petra Schmidt als verschreckt umher flatternder Freia genauso wenig wie den als aufgepumpte Michelin-Männchen kostümierten Fasolt und Fafner von Joachim Gabriel Maaß und Michael Heine zu beeindrucken. Warum die Riesen zuerst nur als Video-Einspielung wie aus einem fernen Himmel zu sehen sind, während ihr Gesang vom Band kommt, erschließt sich nicht wirklich.

Trotz solcher szenisch überdehnten Momente atmet die Inszenierung frisch und lebhaft. An diesem schwül warmen Junitag auch atmosphärisch eine Wohltat.

05.07.2019

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Über Peter E. Rytz Review

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