Jazzige atmosphärische Improvisationen

Adam Baldych (beside Dawid Fortuna) @ Peter E. Rytz 2019

Nach schwülwarmen Sommerabenden in den Tagen zuvor verhagelt ein Wetterwechsel mit Regen und Kühle Jazz an einem Sommerabend auf der Burg Linn in Krefeld. Für die engagierten Macher des Jazzklub Krefeld, allen voran Florian Funke, alles andere als eine leichte Aufgabe, die Stimmung trotzdem hochzuhalten.

Die Tugenden des Jazz zu improvisieren, auf neue, mitunter überraschende Einwürfe unmittelbar zu reagieren, haben sich nicht nur die Organisatoren zu Eigen gemacht. Lagern zu Beginn des Open-Air-Konzerts Teile des Publikums noch auf mitgebrachten Decken, blinzeln verträumt in die letzten Sonnenstrahlen, rücken alle mit dem einsetzenden Regen unter dem vorsorglich aufgespannten Zeltdach zusammen.

Dass die letzten Wärmeschleier dem Auftritt von Cheop gehören, wirkt im Rückblick auf die nachfolgenden, dem Adam Bałdych Quartet und dem Michael Wollny Trio, wie eine Umkehrung der atmosphärischen Verhältnisse auf die Qualität des Sounds.

Cheop gibt sich overtuned, von den gesampelten Modulen des Drummers Tobi Lessnow und dem vordergründig dominant auf den Synthesizern selbstverliebt spielenden Manfred Heinen in relativ beliebig kaskadierender Lautstärken getrieben. Klangverfremdungen, basierend auf vordergründig kalkulierten elektronischen Effekten, schaffen anders als im Programmblatt hochherzig lobend mit Erweiterung des Klangspektrums beschrieben, genau dies nicht.

Allein Markus Türk, lauschend auf den Ton, der mehr verspricht, gelingt es, mit der Trompete zusammen mit dem Bassisten Tim Isfort leider viel zu selten lineare Strukturen zu setzen. Isfort versucht oft vergeblich gegen das aggressiv laute Synthesizer-Drum-Bollwerk Akzente zu setzen. Man sieht ihn spielen, aber der Bass wird von Lessnows Triggermodul-Einspielungen zugedeckt.

Verschattet von den letzten Sonnenstrahlen, bleibt ein musikalisch schaler Eindruck zurück. Während Cheop die Gunst der Wetterstunden ungenutzt vorüberziehen lässt, punktieren die auf das Zeltdach fallenden Regentropfen den Klang des Adam Bałdych Quartets enigmatisch.

Bałdych, als Geigenwunder des Jazz hoch gehandelt, inzwischen in New York wohnhaft, hat um sich professionell ambitionierte Musiker aus seiner polnischen Heimat versammelt. Obwohl sie überwiegend Kompositionen vom Blatt spielen, entwickeln sie eine Leichtigkeit des Seins, der man gern anstatt des Regens die Sonne gegönnt hätte. Nolens volens spielt der Regen mit und verstärkt manchmal sogar den Sound, als wäre er selbst Teil der Kompositionen. Natürlich ist der Sound ganz auf Bałdych abgestimmt. Modisch frisiert, definiert dieser sich auch als Typ, der mit seiner elektronisch aufgerüsteten Violine den Performancekünstler als Bohemien gibt.

Umso länger das Konzert geht, umso deutlicher wird auch, welche Bedeutung dem Drummer Dawid Fortuna für den Sound zukommt. Sein Drive, seine stupenden Betonungen prägen zusammen mit den kongenialen Phrasierungen von Krzystof Dys am Piano sowie dem im Wechsel kraftvoll und lyrisch vibrierenden Bass von Michał Barański eine meditativ rockige Klangfarbigkeit.

Nach einer kurzen Beruhigung des Wetters regnet es bereits wieder mit Beginn des abschließenden Konzerts des Michael Wollny Trios. Unbeeindruckt davon, spült Wollny zusammen mit dem von Die Zeit als heimliches Zentralgestirn in der deutschen Jazzszene geadelten Eric Schaefer an den Drums und dem mit solistischer Verve glänzenden Bassisten Christian Weber die zunehmend schleichende Feuchtigkeit aus den Klamotten. Es entlädt sich ein narrativ animierender Sound, der jenseits von Raum und Zeit zu kommen scheint. Wollny erkennt keine musikalischen Genregrenzen an. Klassik von Franz Schubert bis Gustav Mahler, Pop- oder Filmmusik sind ihm gleichermaßen inspirierende Quellen für seine Improvisationen. Piano, Drum und Bass schicken eine atemberaubende Klangvielfalt in den Nachthimmel über der Burg Linn. Dem, der sich früher auf den Nachhauseweg macht, begleitet sie noch lange.

Jazz an diesem verregneten Sommerabend atmet improvisiert, aber mit mitreißender Lebendigkeit.

12.07.2019
photo-streaming:
Cheop
Adam Bałdych Quartet
Michael Wollny Trio

Über Peter E. Rytz Review

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