How to walk in freedom

@ Peter E. Rytz 2019

Dortmund sonnt sich noch im spätsommerlichen Abendlicht. Aber doch ist bereits ein Hauch von Herbst spürbar. Im domicil lässt Marc Ribot mit seinen für ihn typischen Klangkaskaden die Herbstgewitterstürme schon mal apokalyptisch dröhnen. Prophetisch, weniger meteorologisch, sondern musikalisch mit Sturmläufen seiner Gitarre.

Kein übliches, mehr oder weniger aufregendes Jazz-Konzert, was Ribot mit Jay Rodriguez (sax/flute), Brad Jones (b), Ches Smith (dr) und Reinaldo de Jesus (perc) abliefert. Es ist vielmehr ein leidenschaftlicher Appell für Frieden und soziale Gerechtigkeit. We are soldiers in the army, Songs of resistance 1942 – 2018, so heißt seine letzte, 2018 veröffentlichte CD, so auch die Konzertankündigung. Sie macht unmissverständlich deutlich, worum es geht.

Ribot bezeugt seine Wut angesichts der politischen Situation in den USA, aber auch im Rest der Welt, mit einer fulminanten Klangraum-Energie. Er ist seit Jahrzehnten eine Gallionsfigur politisch engagierter Musiker. Ich bin Musiker, deshalb begann mein Widerstand mit Musik, erklärt das Credo von Songs of resistance. Oder um es mit einem Zitat des Dichters Hans Christian Andersen zu sagen: Musik spricht dort, wo Worte fehlen.

Seit 40 Jahren hat Ribot eine Vielzahl von musikalischen Genres erforscht und interpretiert. Von Jazz über Rock bis hin zu Folk und Avantgarde sowie experimenteller Musik, stets insistierend, dass Musik immer noch die Kraft hat, in einer von Spaltungen geprägten Welt Menschen und Länder zu vereinen – vielleicht nur, wie an diesem Abend im domicil, für einen kleinen Moment von 150 Minuten. Aber seine Interpretation von Liedern aus den USA, Italien und Mexiko sowie mit eigenen, von den tagespolitisch aktuellen Nachrichten inspirierten Stücken, lässt an diesem Abend niemanden in Beschaulichkeit zurück.

Anders als auf der CD, wo befreundete Musiker wie Tom Waits oder Steve Earle seine Songs interpretieren, singt Ribot im domicil alle Songs selbst, unterstützt von seinen Bandmusikern mit chorischem Refrain-Nachdruck. Er interpretiert sie nicht nur neu, er versetzt ihnen mit einem Energie geladenen Sound einen rhythmischen, teilweise berserkerhaften, kämpferischen Drive. Mitunter trashig direkt, brechen brüchig schmutzige Gitarrenklängen jede Wohlklanghoffnung.

Vor einem Berg abgegriffener Papiere sitzend, lässt er Songs of resistance wie die Essenz des Protests aus einer Flasche sprudeln. Mit wellenförmigen Armbewegungen oder direkten Fingerzeigen zu Ches Smith, der vor einem Katarakt seines Drum-Sets sitzend die über Kopfhöhe montierten Crash-Becken wie ein Kampfsportler schlägt, treibt er den Beat vorwärts. So wie er weiterhin Reinaldo de Jesus zu perkussiven Kraft-Jonglagen animiert oder Brad Jones auffordert, seinen Bass dominant nach vorn zu treiben. Jay Rodriguez paraphrasiert auf den Saxophonen und der Flöte die Wechsel von voller Kraft zu lyrisch verhaltenen Klängen.

Mit We Are Soldiers in The Army, begleitet von wilden Free Jazz-Arrangements, erinnert Ribot an die lange Tradition von Protestliedern. In Fuck La Migra thematisiert er die Praktiken der gefürchteten US-Einwanderungsbehörde. Laut, unüberhörbar, beseelt von einer emotionalen Kraft, die, wie es scheint, Berge zu versetzen mag.

Der mexikanische Song Rata De Dos Patas (Zweibeinige Ratte) lässt mit Ribots  Kommentar – Dedicated to the american president – keine Zweifel an seiner Haltung offen. Im letzten, von einem musikalischen Beat-Mahlstrom getriebenen Vers heißt es: Verdammter Blutsauger, verdammte Schabe, du verursachst Entzündungen bei jedem Biss, du verletzt und du tötest.

Keine sentimentale Rückschau, sondern der Blick nach vorn durchzieht wie eine Botschaft das Konzert. Nicht mit The big fool resignieren, sondern We’ll never turn back lautet die Botschaft. How to walk in freedom ist Menetekel und Hoffnung zugleich.

Mit der zweiten Zugabe Take me with you, partisano, bella ciao wird es dann fast noch melancholisch. Ribots Gitarre und Gesang verschmelzen diese italienische Hymne mit der Flöte von Rodriguez zu einer stillen Mahnung. Es ist ein Parforce-Ritt mit Ribot und seinen Mannen durch eine vom Wunsch nach Freiheit und Frieden durchzogene Widerstandsgeschichte mit Songs of resistance 1942 – 2018, der noch lange nachhallt.

07.09.2019
photo streaming Marc Ribot

Über Peter E. Rytz Review

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