Long Distance Runner – Internationales Jazzfestival Münster

Lionel Suarez @ Peter E. Rytz 2020

Wie jedes Jahr eröffnet Münster am ersten Januarwochenende das Jazz-Jahr, verlässlich im jährlichen Wechsel zwischen 3-tägigem Festival zu Jazz an einem Abend. 2020 wäre eigentlich InBetween dran gewesen. Allerdings hat sich das Team um Fitz Schücker, der als künstlerischer Leiter seit Jahrzehnten der Kopf und das Gesicht des Internationalen Jazzfestivals Münster ist, ein neues Corporate-Design-Label ausgedacht.

Aus InBetween ist jetzt Shortcut geworden. Schmücker bedankt sich vor Konzertbeginn ausdrücklich beim treuen Münsteraner Jazzpublikum – ich erkenne den in wenigen Tagen ausverkauften Vorverkauf mit Demut an -, um anschließend in seiner gewohnt launigen Moderation zu erklären, dass es für die Wahrnehmung in der globalen Jazz Community wichtig sei, durchgängig vom Internationalen Jazzfestival Münster zu sprechen.

2020 also Shortcut, 2021 die Long-Version, wie gehabt. Das Markenzeichen – Jazz aus Europa und Premieren – bleibt. Das verbindende Element der Bands an diesem Abend –  Koma Saxo, Airelle Besson/Lionel Suarez Duo und Pipe Dream – besteht darin, dass einige Musiker und Musikerinnen schon einmal in Münster aufgetreten sind, sich jetzt aber in anderen Formationen präsentieren.

Otis Sandsjö, Mikko Innanen @ Peter E. Rytz 2020

Kick-off mit Koma Saxo. Los geht’s mit Volldampf. Drei Saxophone – Mikko  Innanen kraftvoll mit dem Bariton- wie gleichermaßen mit lyrischer Inbrunst auf dem Sopran-Saxophon; Otis Sandsjö mit berserkerhaften Tenor-Saxophon-Sounds; Jonas Kullhammar wechselnd zwischen Tenor-Saxophon-Lines und liedhaft gestimmter Querflöte – setzen zusammen mit dem rhythmisch vibrierenden Bassisten Frans Petter Eldh und dem souverän selbstbewussten Drummer Christian Lillinger Akzente straight ahead.

Eldh, für den Moment der Leader, gibt gleichzeitig den Entertainer. Die anderen sind ebenso hundertprozentige Leader, relativiert er mit bübischen Vergnügen. Für die Zusammensetzung der deutsch-skandinavischen Gruppe legt er sich verschmitzt ins Zeug: From the West Coast of Sweden to East-Germanys Christian Lillinger.

Diese augenzwinkernde Orts-Metaphorik überträgt er auch auf Titel, wie Oystermany oysters on the West Coast …-, erinnert an Sun Ra, presst den Bass fest an seinen Körper, fast scheint er mit ihm zu verschmelzen. Lässt dabei die Zunge wie ein Radrennprofi beim Anstieg auf einer steilen Rampe heraushängen, während Lillinger den Klang abgreift, zwischendurch über die Bühne spaziert und Sandsjös Saxophon wie eine Schiffssirene tönt.

Zwischen kaskadierenden Mash of tunes volksliedhaft geprägte Songs – The dream about Alice – die Lillinger-KompositionBluegrass -, die Kullhammar lechzend hinweg flötet. Wie zerklüftete Blues-Blaupausen, die an eine Felsenküste denken lassen. Mit Spaß, Kraft und Wutgebärden, Step me step by step dröhnen die Saxophone schräg und schön zugleich.

Nach diesem Saxophon-Feuerwerk dimmen die von der Kritik hochgelobte Trompeterin Airelle Besson und der Tango affine Akkordeonist Lionel Suarez die Klangfarben. Besson ist eine fokussierte Melodikerin. Sympathisch elegant mit lyrisch, gleichwohl kraftvoller Leichtigkeit ihr Trompetenspiel, das schon mal mit barocken Trillern überrascht und Staunen lässt.

Lionel Suarez, Airelle Besson @ Peter E. Rytz 2020

Zehn Jahre gemeinsamer Auftritte merkt man ihrem Spiel nachhaltig an. Wo die hingehauchte Besson-Komposition Blossom das Jazz-Publikum zu sanftmütigem Schwelgen animiert, nimmt Suarez innerlich bewegt mit Agité rapide das Tempo auf. Tango-Rhythmen, die der Zusammenarbeit mit dem Quartet Cardel geschuldet sind, klingen wie Mixturen von Dreaming Tango und Musique Musette.

Erst mit der Zugabe Time, to say good-bye scheint sich das einfühlsam abgestimmte Spiel der beiden Musiker mit Bodenhaftung zu erklären. Besson barfuß in ihren Schuhen, rinnen Suarez Schweißperlen von seinem kahl geschorenen Schädel. Es ist, als würden sie mit ihrem Spiel über das Meer schweben.

Mit dem charismatischen Erzähler auf dem Cello als auch dem Vokalisten Hank Roberts steht anschließend ein Musiker auf der Bühne, der schon vor fast 30 Jahren, 1991 damals noch in der Halle Münsterland, sein Festivaldebüt gab. In Pipe Dream fällt ihm dementsprechend die Rolle des Elder Statesman zu. Musikalisch bestimmend der Posaunist Filippo Vignato, führt der Sound von Pipe Dream Elemente von Folk Rock, von Improvisationsmusik bis zu kammermusikalisch geprägten Schön-Klängen zusammen. In Münster geben sie die vom Publikum mit viel Wohlwollen aufgenommene Premiere.

Filippo Vignato @ Peter E. Rytz 202

Den dominant prägenden Cello-Posaunen-Sound akzentuiert Giorgio Pacorig am schwarzen Flügel und auf der Fender Rhodes markant facettenreich. Zeno di Rossi bleibt in einem mehr oder weniger passiv reaktiven Modus. Pasquale Mirras Vibraphon-Spielen wäre more vibration zu wünschen. Letztlich bleibt Pipe Dream was es übersetzt, bedeutet: Ein Wunschtraum.

10.01.2020

photo streaming Koma Saxo
Airelle Besson/Lionel Suarez Duo
Pipe Dream

Über Peter E. Rytz Review

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